Ein neuer Platz in Stuttgart ist Kindern gewidmet. Ein überfälliger Schritt, denn Kindern und ihren Rechten gebührt öffentlich mehr Aufmerksamkeit. Ein Kommentar von Jan Sellner.
Das Navi findet den Weg, doch sonst kennt ihn fast keiner: den Platz der Kinderrechte in Stuttgart. Wüssten Sie’s? Die Auflösung: Der weithin unbekannte Platz liegt in zentraler Lage in der Kronprinzstraße/Ecke Büchsenstraße. Seit Längerem schon sind dort Spielgeräte aufgestellt. Jetzt aber ist es dem Namen nach mehr als ein Spielplatz. Nämlich ein Ort, der einen Standpunkt ausdrückt. Die Überzeugung, dass den Rechten von Kindern mehr Aufmerksamkeit gebührt!
Die Landeshauptstadt, die sich seit 1992 kinderfreundliche Kommune nennt, reiht sich mit der Platzbenennung in einen Kreis von bundesweit jetzt mehr als 70 Kommunen ein, kleinen wie großen, die damit im öffentlichen Raum auf die in der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 formulierten Rechte für Heranwachsende aufmerksam machen. Dazu zählen das Recht auf Gesundheit, auf Bildung, auf elterliche Fürsorge, auf gewaltfreie Erziehung oder auf Schutz vor Diskriminierung.
Verglichen etwa mit Ludwigsburg, das beim Forum am Schlosspark seit zwölf Jahren einen eigenen Platz für Kinderrechte hat, ist die Landeshauptstadt spät dran. Der Verwaltungsausschuss hatte dem Konzept im Juli 2024 zugestimmt. Inzwischen hängt das Namensschild. Offiziell eingeweiht wird der Platz jedoch erst am Weltkindertag am 20. September. Bis dahin soll er unter der Regie des städtischen Kinderbüros ansprechend gestaltet und mit Info- und Mitmachelementen ausgestattet werden, die über die UN-Kinderrechtskonvention Auskunft geben.
In öffentlichen Debatten kommen Kinder vielfach nicht vor
Die lobenswerte Initiative war vom Jugendrat Mitte, dem Kinderhilfswerk Terres des Hommes und der Stuttgarter Kinderbeauftragten ausgegangen. Auch im Bürgerhaushalt 2025 tauchte der Wunsch auf, in Stuttgart einen Platz für Kinderrechte zu benennen und diesen so zu gestalten, „dass Kinder und Schulklassen sich gerne dort aufhalten und spielerisch, etwas über ihre Rechte erfahren können“.
Zur Ausstattung könnte auch eine Art Kummerkasten wie in Ludwigsburg gehören, um Kindern die Möglichkeit zu geben, ihre Sorgen oder Bedürfnisse an den Kinderschutzbund zu adressieren. An Ideen fehlt es, wie so häufig, nicht. Davon zeugen auch Illustrationen zu den einzelnen Kinderrechten, ausgeführt von der Kinderwerkstatt der Stuttgarter Jugendkunstschule. Es wäre schön, sie würden auch im Stadtbild auftauchen.
Das alles ist mehr als lokale Symbolpolitik. Ein Platz für Kinderrechte samt engagiertem Begleitprogramm kann dazu beitragen, in der Stadt den Fokus stärker auf das Wohlergehen von Kindern zu richten. Kinder und Jugendliche waren Hauptleidtragende der mit der Coronapandemie verbundenen Einschränkungen. In öffentlichen Debatten kommen sie vielfach nicht vor, obwohl es um ihre Zukunft geht. Am deutlichsten zeigt sich das bei den Finanzen. Wir türmen Schuldenberge auf, als handele es sich um Klettergerüste in Monsterformat, die Kinder spielend und gefahrlos bewältigen könnten.
Glücklicherweise gibt es viele Akteure, die auf diese Defizite aufmerksam machen und die auf die Kinderrechte pochen. In vorbildlicher Weise gelingt dies der Stuttgarter Kinderstiftung. Soeben hat sie einen Kita-Wettbewerb gestartet, der Einrichtungen herausstellt, die sich in der Sprachförderung hervortun. Am kommenden Montag startet zudem ihr gemeinsam mit dem Sportkreis Stuttgart organisierter 24-Tage-Spendenlauf für Kinderrechte. Jede und jeder kann sich daran beteiligen. Der Erlös kommt Kinderprojekten in Stuttgart zugute.
Die Siegerehrung des 24-Tage-Laufs am 14. Mai findet just auf dem neuen Platz der Kinderrechte in der Kronprinzstraße statt. Bis dahin kennen und finden ihn hoffentlich nicht nur Navis und Eingeweihte.