Plötzliche Verunreinigung Bottwar-Fischsterben: „Kann Jahre dauern bis sich Fluss erholt hat“

In Oberstenfeld schlängelt sich die Bottwar unter dichten Baumkronen an einem kleinen Gewerbegebiet entlang. Irgendwo dort liegt die Quelle der Verunreinigung. Foto: Simon Granville

Nach massenhaftem Fischsterben in der Bottwar im Kreis Ludwigsburg rückt ein Industriebetrieb in den Fokus der Ermittlungen. Der BUND fordert ernsthafte Konsequenzen.

Ludwigsburg : Emanuel Hege (ehe)

Vergangene Woche trieben 40 tote Fische in der Bottwar bei Oberstenfeld – schon kurz darauf vermutete das Landratsamt Ludwigsburg eine Gewässerverschmutzung als Ursache. Inzwischen gibt es erste Hinweise auf die ökologischen Folgen, eine mögliche Quelle der Verunreinigung – und deutliche Kritik vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

 

Laut dem örtlichen Fischereiaufseher Reiner Harnoß sind Barben, Döbel und Bachforellen betroffen – „große Fische bis zu 40 Zentimetern“. Wie viele Kleintiere wie Krebse, Schnecken und Insekten ebenfalls verendet sind, lässt sich schwer abschätzen. Klar sei jedoch: Alle Arten seien betroffen, und auf einem Abschnitt von etwa 200 bis 300 Metern sei derzeit keinerlei Leben mehr zu finden. Die Verschmutzung sei nicht zu unterschätzen, so das Fazit des Fischers.

Die Wiederherstellung des Ökosystems werde Jahre dauern, schätzt Harnoß. Zunächst müssten Nährtiere wie Krebse und Larven zurückkehren, erst dann könnten sich wieder Fische ansiedeln. „Denn warum sollte ein Fisch dort leben, wenn es nichts zu fressen gibt?“ Entscheidend sei nun, schnell zu klären, welcher Stoff ins Wasser gelangt ist, ob er sich von selbst abbaut – und wie lange das dauert.

Neues vom Landratsamt

Über den Stoff hat das Landratsamt noch keine konkreten Hinweise, meldet Pressesprecherin Franziska Schuster. Die Behörden gehen auch wegen der Verdünnung der mutmaßlichen Gefahrenstoffe jedoch davon aus, dass keine akute Gefahr mehr für die Wasserqualität besteht.

Währenddessen erhärten sich die anfänglichen Hinweise zur Ursache der Verschmutzung. Nach bisherigen Erkenntnissen stammt die Verunreinigung aus einem Regenwasserrohr eines Industriebetriebs in der Robert-Bosch-Straße in Oberstenfeld. Es scheint, als ob in dieser Regenwasserableitung auch verschmutztes Abwasser des Industriebetriebs gelandet sei. Das vergiftete Wasser konnte also direkt vom Betriebshof in die Bottwar fließen.

Das Landratsamt kündigte an, den Betrieb gemeinsam mit Fachleuten zu überprüfen und bei Bedarf weitere Maßnahmen zu ergreifen. Die Untere Wasserbehörde untersucht den Vorfall derzeit zusammen mit der Polizei und anderen Stellen. Sobald gesicherte Erkenntnisse vorliegen, soll die Öffentlichkeit informiert werden, so Landratsamt-Pressesprecherin Franziska Schuster.

Dieses Symbolfoto zeigt Aufräumarbeiten nach einem Fischsterben. Landwirte und Unternehmen nehmen lieber eine Strafe in Kauf, als in die Prävention zu investieren, so die Kritik des BUND. Foto: dpa

Keine Konsequenzen trotz Fischsterben

Laut Joachim Lösing ist dies das vierte Fischsterben in der Bottwar im vergangenen Vierteljahrhundert. Es ist jedoch das erste, das mutmaßlich durch ein Unternehmen verursacht wurde, sagt der stellvertretende Vorsitzende des BUND Kreisverband Ludwigsburg. Die drei anderen Vorfälle, so wie die meisten Fischsterben, wurden durch die Landwirtschaft ausgelöst. Große Mengen Gülle seien damals in die Bottwar geflossen und hätten dem Wasser jeglichen Sauerstoff geraubt.

Obwohl es im gesamten Landkreis immer wieder zu Fischsterben kommt – zuletzt Anfang Mai, als eine Gülle-Menge von rund 300 Badewannen in die Metter bei Sersheim gerieten – würden keine Konsequenzen gezogen werden, beklagt Lösing. Für ihn sind zwei Punkte entscheidend für die Zukunft.

Erstens müsste geltendes Recht endlich konsequent umgesetzt werden. „Solche Umweltsünden werden von den Behörden viel zu lässig gehandhabt“, sagt Lösing. Für viele Landwirte und Unternehmen ist es günstiger, eine mögliche Strafe in Kauf zu nehmen, anstatt sich ernsthaft mit der Prävention zu beschäftigen.

Das Problem könne man überall beobachten, etwa an Tankstellen, wo die Trennung von treibstoffbelastetem Abwasser und Regenwasser oft fahrlässig behandelt werde – auch weil kaum Konsequenzen drohen.

Zweitens müssten Flüsse wieder natürlicher werden. Begradigungen, Betonufer und Wehre müssten weichen, stattdessen bräuchte es Kiesbänke, Sümpfe, Durchgänge zu Zuflüssen und Rückzugsräume wie Totholz. Es gebe im Kreis hervorragende Beispiele von Renaturierung von Flüssen, sagt Lösing – „doch das geschieht nur bei einem Bruchteil der Fließflächen“.

Wenn Flüsse naturnäher wären, könnten Fische und andere Tiere einfacher Schutz vor Verschmutzung und Sauerstoffentzug finden, sagt Joachim Lösing. Noch wichtiger sei jedoch, dass sich der naturnahe Fluss nach einer Vergiftung wieder schneller erholt. Doch der Naturschützer weiß, dass eine großflächige Renaturierung aktuell unwahrscheinlich ist: „Wenn etwas passiert, basiert es meistens auf ehrenamtlicher Arbeit.“

Fischereiaufseher Harnoß und Naturschützer Lösing hoffen nun, dass die Hintergründe schnell aufgeklärt werden. Beide sind zuversichtlich und loben die schnelle Reaktion und transparente Kommunikation des Landratsamts.

Wie geht’s den Gewässern in Deutschland?

EU scheitert
Laut Umweltbundesamt wird die Europäische Union das in der Wasserrahmenrichtlinie festgelegte Ziel, ihre Gewässer bis spätestens 2027 in einen guten Zustand zu versetzen, nicht erreichen. Stand Ende 2024 waren nur 37 Prozent der europäischen Flüsse, Seen und Küstengewässer ökologisch intakt – eine Zahl, die sich seit 2015 kaum verändert hat.

Deutschland schwach
Deutschland liegt mit neun Prozent ökologisch intakten Gewässern weit unter dem europäischen Mittel. Grund hierfür sind laut Umweltbundesamt zu hohe Nähr- und Schadstoffeinträge aus Landwirtschaft, Kläranlagen und Industrie und massive Eingriffe durch Begradigungen, Uferverbau und die Vielzahl an Querbauwerken wie Wehre und Schleusen.

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