PMDS vor der Periode „Es fühlt sich an wie eine monatlich wiederkehrende Depression“

Die PMDS führt zu einer Wesensveränderung bei den Betroffenen. Foto: /Westend61/Svetlana Karner

Etwa fünf Prozent der Frauen leiden unter extremen psychischen Belastungen vor der Periode. Die prämenstruelle dysphorischen Störung (PMDS) gilt als schwere Erkrankung, die sogar zum Suizid führen kann. Die Betroffene Dani Wolf erzählt, wie sie Hilfe gefunden hat.

Filderzeitung: Sandra Belschner (sbr)

Gerade war alles noch gut. Dann fällt ein Satz, der die Betroffene mit Wut erfüllt. Es gehen Tassen kaputt, beleidigende Wörter fallen und wenige Minuten später sitzt die Frau weinend am Küchentisch und kann nicht verstehen, wieso sie das gerade getan hat. Sie schämt sich, eine innere Leere und das Gefühl des Alleingelassenwerdens bestimmen ihren restlichen Tag. So oder so ähnlich geht es laut dem Universitätsklinikum Bonn zirka zwei bis fünf Prozent aller menstruierenden Personen. Die Betroffenen leiden an einer prämenstruellen dysphorischen Störung, kurz PMDS. Eine davon ist Dani Wolf. Die 41-Jährige hat nach einer jahrzehntelangen Suche 2013 die Diagnose PMDS erhalten. Einige Besuche bei Ärztinnen und Ärzten und viel Selbstrecherche hat es dazu gebraucht, weil die Wenigsten von der Erkrankung wissen.

 

PMDS ist bisher kaum erforscht und wird deshalb bei den Betroffen oft nicht erkannt. Erst im Januar 2022 ist die Prämenstruelle Dysphorische Störung offiziell als Krankheit in den Katalog der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen worden.„Das war eine große Erleichterung, als ich – und auch mein Umfeld – endlich wusste, was mit mir los ist“, erzählt die Heilbronnerin. Jahrelang hat die zyklische Erkrankung ihren Alltag bestimmt: „Wenn die Phase losgeht, verändert sich die Stimmung komplett, man ist dann nicht mehr man selbst“. Von außen sei das schwer nachvollziehbar, auch weil die Symptome sehr vielseitig sind. „Viele Betroffene reagieren gereizter als üblich, werden sehr traurig in Situationen, die eigentlich gar nicht so verletzen würden, sind generell ängstlicher und weinen viel“, sagt Dani Wolf.

Sie kann nicht nur von ihren eigenen Erfahrungen berichten, sondern hat auch Einblicke in den Alltag anderer Betroffener. Seit einigen Jahren berät sie Erkrankte als PMDS-Mentorin und hat zusätzlich einen Ratgeber geschrieben. Neben den körperlichen Einschränkungen seien es vor allem die psychischen Symptome, die die Betroffenen in ihrem Alltag stark einschränken, sagt die 41-Jährige. Einzuteilen seien diese in zwei Bereiche: „Die einen haben vor der Menstruation mit starken Aggressionen, Wut und Impulsivität zu kämpfen. Die anderen leiden in der Phase unter schweren Depressionen, die bis hin zu suizidalen Gedanken reichen können“. Die Suizidrate sei sehr hoch, wenn man mit PMDS lebt, sagt die betroffene Frau. Auch für die Mitmenschen der Erkrankten können die Symptome der prämenstruellen dysphorischen Störung immense Auswirkungen haben, berichtet die Mentorin und erzählt von Fällen, in denen die Polizei oder das Jugendamt vor der Haustür stand.

Dani Wolf berät als PMDS-Betroffene Frauen mit der zyklischen Erkrankung Foto: Dani Wolf

Die körperlichen Beschwerden, von denen die Betroffenen erzählen, seien vielschichtig – starke Erschöpfung, Fatigue und Schlafstörungen werden oft genannt. „All das hat natürlich auch große Auswirkungen auf die Psyche“, so Wolf. Alle PMDS-Symptome kann sie nicht aufzählen – 130 sollen es sein, die die Störung auslösen kann. Auftreten kann sie in jedem Alter. Wolf betont: „PMDS ist kein hormonelles Ungleichgewicht“. Bei den Betroffenen seien die Hormone zyklisch völlig in Ordnung. „ Unser Gehirn reagiert negativ auf Zyklusschwankungen, normalen Schwankungen, die jede menstruierende Person hat. Das Gehirn von Frauen mit der Erkrankung reagiert darauf so stark, dass unsere Glückshormonproduktion eingeschränkt wird“, erklärt Wolf. Um die Erkrankung festzustellen, sei das Aufsuchen einer Ärztin oder eines Arzt wichtig – auch dabei unterstützt die Mentorin und berät ihre Klientinnen individuell.

Interessenverlust, Aggressivität und schlaflose Nächte

Roswitha Engel-Széchényi betreut einige Frauen, die an der zyklischen Erkrankung leiden. Als Fachärztin für Frauenheilkunde, Geburtshilfe, Psychotherapie, Sexualmedizin und Paartherapie behandelt sie Betroffene in ihrer Praxis in Stuttgart, nahe dem Schlossplatz. „PMDS fühlt sich für Betroffene an wie eine monatlich wiederkehrende Depression, die mit Einsetzen der Blutung vorbei ist. Man fühlt sich niedergestimmt, tieftraurig, stark antriebslos, müde, schwer, bemerkt einen Freud- und Interessenverlust. Damit einher geht oft eine Aggressivität, eine Appetitsteigerung, Schlafprobleme und vieles mehr“, beschreibt die Gynäkologin die Wesensveränderung vor der Menstruation.

Wie stark diese Wesensveränderung auch für Außenstehende sichtbar wird, hat Dani Wolf auch bei ihrer früheren Arbeit als Personalleiterin festgestellt: „Meine Kollegen haben immer gesagt, Dani, dich gibt es irgendwie zweimal“. Die Symptome zu maskieren habe vor allem im beruflichen Kontext deshalb eine große Rolle gespielt. „Wenn man in der PMDS-Phase steckt, hat man ein großes Bedürfnis danach sich zu isolieren, wenn man aber in einem Meeting mit 20 Leuten steht, geht das natürlich nicht“. In Momenten, in denen sie sich danach sehnte, sich zurück zu ziehen, sei sie dann häufig damit beschäftigt gewesen, sich zu rechtfertigen: „Man muss sich erklären, weiß aber gar nicht, wie man das erklären soll.“ Mit einer „normalen Konfliktsituation“ sei das nicht vergleichbar, weil „es nichts ist, wo man sich kurz entschuldigt, und dann ist es vergessen. Höchstwahrscheinlich passiert es im nächsten Monat ja wieder“, so die Zweifachmama.

„Die PMDS ernährt sich von Unvorhergesehenem“

Wegen der großen Belastung entschied Dani Wolf sich deshalb für die Selbstständigkeit – auch um ihren Alltag besser an die PMDS anpassen zu können. Auch Treffen mit Freundinnen und Freunden, wichtige Termine oder Urlaube hat sie jahrelang so gelegt, dass sie nicht in die PMDS-Phase fallen. „Struktur ist für die Betroffenen essenziell, denn die PMDS ernährt sich von Unvorhergesehenem“, sagt die Mentorin. Grund dafür sei der Aufruhr, der im Nervensystem entsteht, sobald stressige Situationen auf die Leidenden zukommen. „Vieles ist aber auch nicht planbar, zum Beispiel wenn die Kinder krank werden oder eine Konfliktsituation entsteht“, so Wolf, „innerhalb von Sekunden kann das dann alles umschmeißen“. Dazu komme, dass die Störung nicht jeden Zyklus gleich verlaufen muss und die PMDS damit unberechenbar sei.

Zu Routinen und Struktur rät auch Roswitha Engel-Széchényi ihren Patientinnen regelmäßig, denn ein geregelter Tagesablauf und Planung könne helfen, dass „Kleinigkeiten“ die Betroffen in der schwierigen Phase nicht aus der Bahn werfen. Außerdem können eine ausgewogene Ernährung, Sport und Entspannungsübungen die PMDS-Symptome lindern. Manchen Frauen rät die Ärztin auch zur Einnahme von Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI), Wirkstoffe, die zu Antidepressiva zählen, oder zur Einnahme der Anti-Baby-Pille, um den Zyklus hormonell zu harmonisieren.

Seit Dani Wolf ihre Ernährung umgestellt hat, ausreichend auf Ruhepausen achtet und Entspannungstechniken in ihren Alltag integriert, hat sich ihre prämenstruelle Störung deutlich verbessert, doch ganz verschwinden werde sie erst mit den Wechseljahren, erzählt sie, „es gehört sehr viel Disziplin dazu, die Erkrankung in Schach zu halten“. Außerdem gehe nichts über Kommunikation mit den Menschen im direkten Umfeld – vor allem mit dem Partner oder der Partnerin, denn die PMDS führe sehr häufig auch zu Problemen in der Partnerschaft. Deshalb berät die Zweifachmama seit gut einem Jahr auch Paare oder Partnerinnen und Partner in Einzelgesprächen.

„Die Betroffenen haben in der schlimmen Phase oft das Gefühl, dass der Partner nicht der Richtige ist. In dieser Zeit kommen ganz viele existenzielle Fragen auf“, erzählt die Mentorin von ihren Gesprächen mit Klientinnen, „aber wir sind aufgrund der Glückshormon-Problematik auch ein bisschen wahrnehmungsgestört“. Üblich sei, dass Erkrankte in der akuten Phase ihr Gegenüber anders wahrnehmen würden – allein die Tonlage der Stimme oder einzelne Wörter können dabei einen Unterschied machen.

Viele Beziehungen gehen wegen der zyklischen Störung in die Brüche

„Leider sieht die Realität oft immer noch so aus, dass viele Partner sich nicht für die Menstruation interessieren und vielleicht auch so sozialisiert wurden, dass Menstruation und Zyklus Frauensache ist“, erzählt Wolf von ihren Erfahrungen. Dabei sei das Gefühl des Verstandenwerdens für PMDS-Betroffene sehr bedeutsam. In der Partnerschaft helfen, können laut der Mentorin beispielsweise das Führen eines gemeinsamen Kalenders, wo man auch „visuell darstellen kann, wann die Erkrankung wütet, das hilft vielen“. Manche Partnerinnen und Partner installieren sich auch eine Zyklus-App, ergänzt sie.

„Wichtig ist auf jeden Fall, für sich als Paar den Weg der Kommunikation zu finden, der in der schwierigen Phase funktioniert. Das muss nicht immer sprechen sein, bei manchen Paaren funktioniert auch miteinander schreiben besser“, sagt Wolf. Außerdem sollten betroffene Paare lernen, wichtige Themen in der schlimmen Phase um zwei, drei Tage zu verschieben, „weil man weiß, dass es zu dieser Zeit keinen Konsens geben kann“. Paare sollten außerdem offen darüber sprechen, dass auch der Verlust der Libido ein häufiges Symptom der PMDS ist.

Dani Wolf erzählt davon, dass sie schon häufig erlebt habe, dass Beziehungen durch die PMDS in die Brüche gingen: „Fast alle meiner Klientinnen sehen das mit als größte Problematik bei der Erkrankung. Die Mentorin spricht auch von einem Teufelskreis, in dem sich die Menstruierenden oft befinden: „Man braucht nach einem Ausbruch sehr viel Zeit sich selbst zu beruhigen, zu reflektieren, aber auch sich zu bemitleiden und zu schämen“. Ein ganzer Cocktail an Gefühlen komme dabei zusammen – vor allem Scham sei ein großes Thema, weil sich die Betroffenen in vielen Situationen nicht wieder erkennen. Deshalb seien viele Frauen gerade noch dabei „die Scherben aus der vorherigen Phase zusammenzufegen und schon beginnt ein neuer Zyklus“.

Am meisten ärgern Dani Wolf die Vorurteile, die über die Störung kursieren: „Oft heißt es, ach das habe ich auch manchmal oder reiß dich mal zusammen, aber das tritt mit einer Intensität auf und wirft das ganze Gefüge – egal ob privat oder beruflich – komplett aus der Bahn“. Außerdem dürfe die PMDS nicht mit dem PMS, dem prämenstruellen Syndrom, das deutlich bekannter ist und unter dem ein Großteil der menstruierenden Personen kurz vor der Periode leidet, verwechselt oder verglichen werden. „PMS ist die wesentlich leichtere Form, die viele Frauen kennen“, erklärt auch Roswitha Engel-Széchényi.

Doch in der langen Zeit, in der sich Dani Wolf schon mit der Erkrankung auseinandersetzt, hat sie auch einige positive Erfahrungen erlebt, beispielsweise in den Paarberatungen: „Ich erzähle dann auch immer von den Problemen, die ich mit meinen Partnern hatte und dann merkt man, wie die Männer langsam auftauen“. Nicht selten passiere es dann, dass die Partner die Frauen antippen und sagen: „Das können wir auch mal probieren, das ist ja gar nicht peinlich“. Offenheit helfe nicht nur den Erkrankten, sondern auch ihren Mitmenschen, sagt die PMDS-Mentorin.

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