Polizei-Geschichte in Stuttgart Blitzer in der Tonne – warum die Polizei diese Erfindung aus dem Verkehr zog

Blitz aus der Tonne: Ex-Polizeivizepräsident Michael Kühner (links) mit dem getarnten Radargerät, das 1990 für Aufregung sorgte. Foto: Wolf-Dieter Obst, Uli Kraufmann

Unglaubliche und unfassbare Einsätze der Stuttgarter Polizei sind reif fürs Museum. Seit zehn Jahren präsentieren echte Polizisten True Crime zum Anfassen.

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Diese Mülltonne hat es in sich. Unauffällig steht sie am Rand und liefert doch alle wesentlichen Antworten auf Fragen der Verkehrsüberwachung: Wie erwische ich die besonders schnellen Raser, die dicken Fische, ohne dass sie vorab gewarnt werden? Wie viele Autofahrer sind tatsächlich zu schnell unterwegs? Und wie sorge ich durch effektive Kontrollen für Abschreckung – und damit letztlich für mehr Verkehrssicherheit?

 

„Eine eigentlich geniale Idee“, sagt Michael Kühner und öffnet den Deckel. Der pensionierte Kripomann, Polizeivizepräsident und Kurator des Polizeimuseums Stuttgart enthüllt ein Tempoblitzgerät, das in der Tonne versteckt ist. Eines der vielen skurrilen Gegenstände, die das Museum auf dem Areal des Polizeipräsidiums Stuttgart auf dem Pragsattel seit nunmehr zehn Jahren zu bieten hat. Mit dem Prinzip getarnter Messungen wurde nachgewiesen, dass auf der Kaltentaler Abfahrt nicht die sonst üblichen vier bis acht Prozent Schnellfahrer unterwegs sind. Sondern tatsächlich 56 Prozent – mehr als die Hälfte. In der Nürnberger Straße in Bad Cannstatt: immerhin 44 Prozent. In der Böblinger Straße im Süden: 33 Prozent.

Die Idee aus dem Jahre 1990 stammt freilich nicht von dem heute 77-jährigen Kriminalisten. Sondern vom damaligen Chef der Verkehrspolizei, Harald Gröbl. Für ihn war die Mülltonne nur ein Teil des Konzepts – eine doppelte Radarkontrolle. Demnach wird die Tonne vor dem eigentlichen Kontrollstandort aufgebaut und erst ab hohen Geschwindigkeiten scharf gestellt. Der zweite klassische Blitzer löst ein paar Hundert Meter weiter bei den „normalen“ Schnellfahrern aus – die Tonne zuvor lässt sie unbehelligt. Damit werden echte Raser nicht gewarnt. Gröbls Kalkül: Autofahrer werden irgendwann bei jeder sichtbaren Mülltonne langsamer fahren.

Allerdings: Unsere Zeitung berichtete über die Geheimpläne – und nach einem bundesweiten Aufschrei zog der damalige Schutzpolizeichef Günther Rathgeb die Tonne kurzerhand aus dem Verkehr, noch ehe sie richtig gestartet war. „Überwachung aus der Mülltonne – das gibt es nicht bei der Stuttgarter Polizei“, soll er gesagt haben, nachdem er selbst davon erst aus der Zeitung erfahren hatte. Doch: das gibt es, aber im Stuttgarter Polizeimuseum.

Sinnlose Bluttat auf der Brücke

An den 8. August 1989 erinnert sich Kühner, als wäre es gestern gewesen. Als Leiter der Mordkommission muss er zur Gaisburger Brücke ausrücken, wo zwei Polizisten und ein Asylbewerber tot auf dem Gehweg liegen, weitere Beamte lebensgefährlich verletzt sind. „Wenn man vor zwei mit Tüchern bedeckten toten Kollegen steht, und sieht, wie zwei Notärzte zwei Kollegen reanimieren, dann bleibt das im Kopf hängen“, sagt Kühner, „aber man muss in solchen Momenten funktionieren.“ Tödliche Messerangriffe auf Polizisten – die hat es also nicht erst seit dem Tod des Beamten Rouven Laur im Mai 2024 in Mannheim gegeben. Das traurige Stuttgarter Vorbild ist 36 Jahre alt – und es hatte die Republik nachhaltig erschüttert.

Das Drama vom 8. August 1989 dauerte 15 Sekunden. Drei Stunden zuvor hatte ein 48-jähriger abgelehnter Asylbewerber aus Kamerun, der 21 Jahre lang mit falscher Identität durch Europa gereist war, in einer Straßenbahn im Stuttgarter Osten einen Fahrscheinkontrolleur geschlagen und war geflüchtet. Zwei Polizeistreifen entdeckten ihn gegen 9.15 Uhr auf der Gaisburger Brücke und wollten ihn mit aufs Revier nehmen. Der Verdächtige schwang plötzlich eine Stichwaffe, die er in einer eingerollten Zeitung versteckt hatte.

Das Bajonett, das 1989 auf der Gaisburger Brücke zwei Polizeibeamte tötete. Foto: Wolf-Dieter Obst

Der Ex-Mordkommissionschef Kühner wiegt die Tatwaffe in der Hand. Es handelt sich um ein Bajonett, das auf ein Gewehr des Typs Karabiner 98k gesteckt wird, einst um gegnerische Soldaten im Nahkampf zu töten. Zwei 27 und 28 Jahre alte Beamte verbluten, drei ihrer 25-, 26- und 34-jährigen Kollegen werden teils lebensgefährlich verletzt. „Erst später wird einem bewusst, dass zwei von uns nicht mehr dabei sind“, sagt Kühner.

Neue Uniformen gegen Stichverletzungen

Vor wenigen Tagen hat das Innenministerium angekündigt, neue Uniformen zu beschaffen, die einen besseren Schutz gegen Stichwaffen bieten sollen. Eine Reaktion auf die Erfahrungen zunehmender Messer-Kriminalität. So war es schon immer: In den 1990er Jahren hatten sich Streifenbeamte privat Kevlar-Westen aus den USA besorgt, die leichter als die offiziellen kugelsicheren Westen waren. Im Museum ist eine Uniform aus dem Jahr 1912 zu sehen – mit Waffengurt. Passend für einen Revolver, der zum Nachtdienst oder Gefangenentransport getragen werden durfte. Der Grund für die Einführung einer Schusswaffe? „Zuvor war ein Beamter erschossen worden“, sagt Kühner.

Neues Domizil gesucht: Gepanzerter Sonderwagen und geschichtsträchtiger Wasserwerfer. Foto: Polizeihistorischer Verein Stuttgart

Die Polizei als Opfer. Aber auch als Täter: Das Museum, das in zehn Jahren ehrenamtlich 42.000 Besucher betreut hat, verschweigt nicht die Rolle der Polizei im Dritten Reich oder Straftaten einzelner Beamter, etwa den Hammermörder 1984/85. Selbst ein Wasserwerfer vom Schwarzen Donnerstag, der im September 2010 bei der Räumung für das Bahnprojekt Stuttgart 21 mit zahlreichen verletzten Protestierenden eingesetzt worden war, gehört dazu. Allerdings als Teil eines rollenden Museums für 35 historische Polizeifahrzeuge – „aber die werden in absehbarer Zeit kein Domizil mehr haben“, klagt Kühner. Ob hier das Innenministerium zu einer neuen zentralen Stätte verhelfen kann?

Polizeimuseum Stuttgart

Ort
Das Museum befindet sich auf dem Areal des Polizeipräsidiums Stuttgart auf dem Pragsattel, Hahnemannstraße 1.

Eintritt
Es gibt keine festen Öffnungszeiten – die Führungen durch aktive und pensionierte Polizisten finden nach Voranmeldung statt. Entweder für Gruppen über zehn Personen – oder für Einzelpersonen und Kleingruppen, für die es zweimal im Monat Sammeltermine gibt.

Anmeldung
Auf der Internetseite www.polizeimuseum-stuttgart.de kann man sich online anmelden oder unter Telefon: 0711/1255-7065

Preise
Eine Gruppenführung bis zehn Personen kostet 80 Euro. Einzeleintritt acht Euro, für Schwerbehinderte fünf Euro.

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