Ihre Welten könnten gegensätzlicher nicht sein, und doch kommen beide Duos vom deutschen HipHop und stehen am zweiten Weihnachtsfeiertag im Stuttgarter Opernhaus auf der Bühne: Maeckes und Tristan Brusch machen es sich in einer Kulisse bequem, die wie ein weihnachtliches Wohnzimmer anmutet; Yung Kafa und Kücük Efendi tanzen mit leuchtenden Masken durch abstrakte Räume. Die einen werden mit akustischen Gitarren fast zu Liedermachern der ganz alten Schule; die anderen entführen, strahlend und lässig, in die Zukunft. Die beiden „Homecoming Concerts“ folgen am 26. Dezember im Opernhaus aufeinander, setzten eine Tradition an Popmusik fort, die sich dort bereits etabliert hat.
Schwäbischer „Creep“
Maeckes und Tristan Brusch kennen sich lange schon – seit die Orsons den Song „Little Funny Man“ sampelten, den Brusch vor viel mehr als 20 Jahren, wie er sagt, auf der Bettkante seines Kinderzimmers schrieb. Am Donnerstagnachmittag singt er ihn, und Maeckes spielt dazu Gitarre. Tristan Brusch wechselt zwischen Klavier und Gitarre; seine Stimme ist voll und schön. Maeckes bleibt bei der akustischen Gitarre und begleitet mit ihr seinen schärferen, leicht spöttischen Sprechgesang. Die Kunst, mit Ironie ans Herz zu rühren, beherrschen sie beide, und auf der sattgrünen Samtcouch sitzen sie nebeneinander die meiste Zeit, geben ein so abwechslungsreiches wie intimes Konzert. Sie zaubern berührende Momente und lassen ihr Publikum im nächsten Augenblick hell auflachen, mit einer schwäbischen Version von Radioheads „Creep“: „I bin a Lump. Was zum Deifel mach i hier?“
„Lässt das HipHop Duo Yung Kafa und Kücük Efendi im Littmann-Bau die Masken fallen?“ – so lockte die Oper ins abendliche Konzert. Natürlich lassen sie nicht die Masken fallen, ernsthaft erwartet hat es vermutlich keiner. Dennoch ist die Oper voll, das Publikum steht beim zweiten Song schon, wird später sehr energisch eine Zugabe fordern. Wie Yung Kafa und Kücük Efendi im wahren Leben heißen, das weiß nach wie vor keiner, der es weitersagen würde. 2017 erschienen beide in der digitalen Welt, sangen mit verpixelten Gesichtern, landeten mit „Diamonds“ einen großen Hit.
Der Traum von den Juwelen
In der Oper nun sieht man zwei menschliche Wesen in lockerer Kleidung und mit funkelnden Masken als blitzten dort Hunderte von Diamanten. Ihre Musik besteht aus scharf klickenden, groovenden Beats, sehr schweren Bässen und einem Gesang, der kreist, verschmilzt, mal als harter Silbenfall, mal als ätherischer Singsang, und dabei eine irreale, künstliche Stimmung entstehen lässt – nicht zuletzt, weil Yung Kafa und Kücük Efendi auch ganz unverschämt in materiellen Träumen schwelgen: „Du willst es, ich kauf“, geht der Text in ihrem Stück „Black Mastercard“. Weiter: „Babe, bei Juwelen kenn ich keine Grenzen. Ich schmück dich, du bist mein Tannenbaum.“
Yung Kafa und Kücük Efendi verzichten auf Dekoration, auf der Opernbühne. Es gibt den schwarzen Vorhang, der sich hebt, dann wieder senkt; es gibt einen weiten Raum hinter ihm, mit Spiegeln in der Ferne, die wellige Bilder werfen, die Rapper widerspiegeln oder ihr Publikum, ganz wie das Licht es will. Gelegentlich laufen Projektionen, kaum fassbar, an den Wänden vorbei. Als das Duo sein Stück „Legenden sterben nie“ bringt, macht man Picasso aus, Freddy Mercury, Dali, John Lennon und viele andere. Und dann steht da plötzlich ein echter Flügel, an ihm ein echter Pianist, der die Traumwelten von Yung Kafa und Kücük Efendi ein wenig näher an die Wirklichkeit holt und zugleich noch himmlischer klingen lässt.
Irgendwann steht ein Mond hoch über der Opernbühne. Und immer wieder, auch zum Abschied, nach mehr als 100 Minuten, stehen beide da, Arm in Arm, und blicken hinaus ins Publikum.