Dirigentin Veronika Stoertzenbach Schlussakkord für Stuttgarts Taktstock-Meisterin
Herausragende Künstlerin und Pädagogin: Veronika Stoertzenbach hat Generationen von Studierenden in Stuttgart für Musik begeistert. Nun verabschiedet sie sich.
Herausragende Künstlerin und Pädagogin: Veronika Stoertzenbach hat Generationen von Studierenden in Stuttgart für Musik begeistert. Nun verabschiedet sie sich.
Stuttgart - Sekundenlange Stille nach dem Schlussakkord. Dann löst Veronika Stoertzenbach ein letztes Mal die Spannung. Die Dirigentin, die nach 32 Jahren den Taktstock der Uni-Ensembles, also des Akademischen Orchesters und des Akademischen Chors, an ihren Nachfolger Mihály Zeke weiterreicht, hat mit feinem Gespür und Leidenschaft unzählige junge Menschen für klassische Musik begeistert. Am Sonntagabend dirigierte sie zum Abschied das Verdi-Requiem.
„Ich würde so gerne noch verschiedene andere Berufe kennenlernen“, sagt die scheidende Universitätsmusikdirektorin auf die Frage nach den Plänen für den Ruhestand, „Architektur würde mich interessieren oder Medizin. Ob das geht, weiß ich noch nicht.“ Was genau in der Zeit danach kommt, will sie gelassen auf sich zukommen lassen. Aber wer sie kennt, traut ihr das mit dem Medizinstudium ohne Weiteres zu, denn was Stoertzenbach anpackt, das setzt sie auch um. Ihre Entschlossenheit in künstlerischer wie menschlicher Hinsicht prägt nicht nur den Konzertabend am Sonntag in der Liederhalle, sondern auch gut drei Jahrzehnte studentisches Musizieren in Stuttgart.
Große Werke hat sie in dieser langen Zeit mit Chor und Orchester auf die Bühne gebracht, darunter Sinfonien von Beethoven, Bruckner und Mahler, Oratorisches und – bei den jungen Musikerinnen und Musikern besonders beliebt – mehrere Operninszenierungen im Züblin-Haus wie 2017 Mozarts „Zauberflöte“ und 2013 Johann Strauß’ Operette „Die Fledermaus“. Wichtige „Merksteine“ im Leben der Ensembles seien auch die Reisen von China bis Südafrika. „Kein Kontinent war ohne Veronika Stoertzenbach. Sie ist wie keine andere Botschafterin der Uni Stuttgart in der Welt“, würdigt der Rektor der Universität Stuttgart, Wolfram Ressel, bei ihrem Abschiedskonzert.
Ob Oper oder Weltreise – damit solche Projekte gelingen, braucht es eine solide Basisarbeit kombiniert mit künstlerischer Vision. Für ein Uni-Ensemble bedeutet Basisarbeit jedes Semester Willkommen und Abschied, die Fluktuation ist naturgemäß hoch. Sie bedeutet viel organisatorisches Kleinklein vom Programmheft bis zur öffentlichen Generalprobe. Und sie bedeutet nicht zuletzt Beziehungsarbeit mit den 280 Aktiven und den vielen Ehemaligen, die sich im Förderverein engagieren.
Dass der Dirigentin dies außergewöhnlich gut gelingt, wird am Sonntagabend in der Liederhalle offensichtlich. Knapp 300 Musikerinnen und Musiker sind hoch konzentriert. Als sie den Taktstock hebt, wird es in dem bis auf den letzten Platz gefüllten Beethovensaal so still, dass man beinahe die Luft anhält. Mit großer Klarheit und unaufwendigen Gesten gibt Veronika Stoertzenbach den ersten Einsatz zu Verdis Requiem, wirkungsvoll entwickelt sie die dramatische Spannung zwischen dem zaghaft geflüsterten Beginn und dem tosenden „Dies irae“. Präzise artikuliert der riesige Chor, Absprachen sitzen, der Klang ist warm und rund. Prachtvoll und dennoch leicht wirkt die große Fuge im „Sanctus“, der Chor zeigt eine große Farbpalette.
Dem steht das Orchester in nichts nach. Schon der erste, sehr präzise gesetzte Pianissimo-Anfang bei den hohen und tiefen Streichern erzeugt eine konzentrierte Atmosphäre, im Surroundsound der acht Trompeten bricht beim „Dies Irae“ von den Emporen aus das Jüngste Gericht herein. Die bangen Fragen des „Quid cum miser“ untermalen sanft die Solo-Holzbläser, allen voran das Fagott im durchsichtigen Quartett mit den Sologesangsstimmen.
„Das Verdi-Requiem wollte ich schon immer mal machen“, sagt Veronika Stoertzenbach, die selbst aus einer Musikerfamilie stammt und bei Thomas Ungar und Sergiu Celibidache studierte. Vor 25 Jahren stand das Stück schon einmal auf dem Spielplan. Dann kam aber die Schwangerschaft mit ihrer Tochter Ina dazwischen, die mittlerweile im Orchester mitspielt. Dass Veronika Stoertzenbach der Familie zuliebe auf eine reiseintensive Karriere als Dirigentin verzichtete, darf für die Uni-Musik in Stuttgart und die vielen Sänger, Musiker und Jung-Dirigenten, die sie auf dem Weg in die Profikarriere mit großem Engagement begleitete, als Glücksfall gelten. Es verwundert deshalb nicht, dass ihr in ihrer Lehrtätigkeit, unter anderem an der Hochschule für Kirchenmusik in Tübingen, die Arbeit mit jungen Dirigentinnen besonders wichtig geworden ist.
Worauf sie stolz ist nach all den Jahren an der Uni? Dass sie vielen Leuten eine gute Gelegenheit gegeben habe, Musik zu erleben und eine reiche Welt zu erobern. Auch dafür danken ihr Musiker und Publikum am Sonntagabend mit lang anhaltendem Applaus.