Üben für den direkten Weg zum Abitur: An den Gymnasien im Land wird am Dienstag der Potenzialtest geschrieben. Foto: dpa/Andreas Arnold
Viertklässler, die ohne die entsprechende Empfehlung aufs Gymnasium wollen, müssen heute den Potenzialtest schreiben. Wir haben mit einem Vater aus der Region Stuttgart darüber gesprochen, warum er seinen Sohn angemeldet hat.
Das Zeugnis kann sich sehen lassen: fünf Zweien, eine Drei, in Deutsch eine Drei plus und in Mathe eine Zwei bis Drei. Doch für eine Gymnasialempfehlung reichen diese Noten nicht. Dafür braucht es in Mathe und Deutsch einen Durchschnitt von 2,5 oder besser. Eine Familie aus der Region Stuttgart empfindet das als bitter. Sie hat unserer Redaktion ihre Geschichte erzählt, möchte aber nicht mit Namen genannt werden, um den Sohn zu schützen. Er sei traurig, sagt der Vater, die Situation belaste ihn. In der Klasse werde jetzt darüber geredet, wer aufs Gymnasium komme und wer nicht. Dass er eine Realschulempfehlung erhalten habe, sei „eine Abwertung, die der Junge nicht verdient hat“.
Der Vater hadert mit der nun wieder verbindlichen Grundschulempfehlung und mit den neuen Kompetenztest Kompass 4. Er tut das um so mehr, weil sein Kind eigentlich schon in der fünften Klasse wäre. Doch wegen der Coronapandemie habe sein Junge eine Klasse wiederholt. „Die Mutter und ich haben beide systemrelevante Berufe. Wir konnten damals nicht im Homeoffice arbeiten, unser Sohn war in der Notbetreuung“, erzählt der Vater und fügt hinzu: „Dort war kaum Unterricht möglich, und wir konnten unser Kind nicht entsprechend unterstützen.“ Wenn Corona damals nicht gewesen wäre, wäre sein Sohn nun wahrscheinlich schon auf dem Gymnasium, weil im vergangenen Jahr noch der Elternwille zählte, so der Vater.
Die neue Grundschulempfehlung Navi 4 hingegen besteht aus drei Teilen:
Der pädagogischen Gesamtwürdigung der Lehrkräfte in Abhängigkeit vom Notendurchschnitt,
dem Elternwillen
und dem neuen Kompetenztests Kompass 4 in Mathe und Deutsch, an denen im vergangenen Herbst alle Viertklässler an den staatlichen Schulen teilnehmen mussten.
Nur wenn zwei der drei Komponenten in Richtung Gymnasium zeigen, bekommt das Kind eine entsprechende Empfehlung. Im Fall des Jungen aus der Region Stuttgart zeigte die pädagogische Gesamtwürdigung nicht in Richtung Gymnasium. Dies aber nur, weil die Lehrerin ihn mündlich in Mathe und Deutsch jeweils eine 3,0 gegeben habe. „Sonst hätte es gereicht“, sagt der Vater.
Er ist mit dieser Bewertung nicht einverstanden. Vor allem deshalb nicht, weil er die Klassenlehrerin wiederholt darum gebeten habe, ihm Bescheid zu geben, wenn die mündlichen Leistungen seines Sohnes nachlassen. „Wir haben ihn immer wieder motiviert, im Unterricht mitzumachen. Aber unser Sohn ist eher zurückhaltend, vor allem in der Gruppe. Das ist ein Charakterzug, und eigentlich kein schlechter. Nun wird ihm das aber zum Nachteil ausgelegt“, sagt der Vater. Er habe auch die Rektorin angeschrieben, aber keine Reaktion erhalten. „Unser Sohn ist kein 3er-Schüler. Sonst hätten wir gar nicht diskutiert. Doch nun darf er wegen ein paar Zehnteln nicht aufs Gymnasium.“
Mathematik ist für viele Schülerinnen und Schüler ein Knackpunkt. Foto: dpa/Èernı Vít
Denn Kompass 4 sei natürlich auch nicht gut gelaufen. Das sei auch kein Wunder, schließlich erreichten bei dem neuen Kompetenztest in Mathe nur sechs Prozent der Viertklässler in Baden-Württemberg das Gymnasialniveau und acht Prozent des Realschulniveau. „Die Aufgaben waren viel zu schwer und viel zu textlastig“, findet der Familienvater. Sein Sohn lese sehr gewissenhaft und habe dann ein Zeitproblem bekommen. „In der Klasse haben nur zwei Kinder den Test bestanden. Die standen aber ohnehin nicht auf Kippe“, sagt der Vater.
An diesem Dienstag steht nun der Potenzialtest an. Für ihn konnten Kinder angemeldet werden, die trotz einer fehlenden Empfehlung aufs Gymnasium wollen oder sollen. Auch der Junge aus der Region Stuttgart wird daran teilnehmen. „Wir wollen uns später nichts vorwerfen müssen. Aber wir machen uns auch nicht viel Hoffnung, dass er besteht.“ Ebenso wie Kompass 4 empfinde er auch den Potenzialtest als „gezielte Überforderung und Eingangsschleuse“. Der Test sei von den gleichen Leuten entwickelt worden, die auch die Kompass-4-Aufgaben gestellt hätten. Und deren Maßgabe sei es, „einen Ansturm aufs Gymnasium zu verhindern“.
Das ist nicht ganz falsch. In der Tat ist ein Ziel der neuen Grundschulempfehlung, dass die Kinder, die aufs Gymnasium kommen, am Ende auch wirklich das Abitur schaffen und nicht „scheitern“ oder „abgeschult“ werden müssen, was für die diese oft eine schlimme Erfahrung ist.
Die Eltern haben mit ihrem Sohn für den Potenzialtest geübt, unter anderem mit Aufgaben aus dem Internet und indem sie die beiden Kompass-4-Test in Mathe und Deutsch noch einmal durchgegangen sind.
Warum es ihm so wichtig sei, dass sein Sohn aufs Gymnasium geht? Er habe zwei ältere Töchter, keine von ihnen habe damals eine Gymnasialempfehlung bekommen. Dennoch hätten beide das Abitur geschafft und heute sehr gute Berufe, erzählt der Vater. Er selbst habe sich auf dem zweiten Bildungsweg nach oben gearbeitet und wisse, wie langwierig und schwierig das sei. „Das will ich meinem Sohn ersparen“, sagt er.
An der viel zitierten Offenheit des baden-württembergischen Schulsystems und der Losung „kein Abschluss ohne Anschluss“ ist für ihn nicht viel dran. Er sei beruflich viel an Schulen unterwegs gewesen und habe erlebt, auf wie vielen Pausenhöfen nicht einmal Deutsch gesprochen werde. An den Realschulen reiche das durchschnittliche Notenspektrum von 2,75 bis 4,0. Er habe Sorge, dass die Schulleistungen seines Sohne so nach unten gezogen werden.
Verbindliche Grundschulempfehlung ist „eine Bevormundung“
Wenn der Junge den Potenzialtest nicht schaffe, „dann reißen wir ihm nicht den Kopf ab“, sagt der Vater. Dann gehe es für ihn wahrscheinlich auf einer Gemeinschaftsschule weiter. Über die neue Grundschulempfehlung sei er dennoch verärgert: „Ich will nicht, dass uns die Entscheidung abgenommen wird. Das ist eine Bevormundung.“