Manche Patienten standen einfach vor verschlossener Tür. So wie Susan Bauer, die für ihren Arzttermin bei dem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Mind für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie am Charlottenplatz eigens aus dem Landkreis Ludwigsburg nach Stuttgart gefahren war. An der Tür habe gestanden, dass die Praxis aus betrieblichen Gründen geschlossen sei.
Vor der Türe habe sie „aus Verzweiflung“ unter der Praxisnummer angerufen. „Aber da war nur eine Warteschleife ohne Ansage“, sagt Bauer, die eigentlich anders heißt. Bauer ist seit 2025 Patientin bei Mind. „Mit meiner Ärztin war ich sehr zufrieden“, sagt sie.
Patienten erfahren nichts von Terminabsagen
Wie ihr ging es noch einigen weiteren Patienten, die sich bei unserer Zeitung gemeldet haben – manche empört, viele ratlos: Niemand hatte ihnen mitgeteilt, dass ihre Arzttermine nicht mehr stattfinden würden. Das ist gerade in diesem medizinischen Fachbereich besonders heikel: Patienten warten auf Facharzttermine in der Neurologie und Psychiatrie teils monatelang, auf Psychotherapieplätze vier bis sechs Monate.
Lediglich ein Aushang an der Praxistür verweist auf eventuelle Ausweichmöglichkeiten: Die Patienten von Mind sollten sich demnach bei Valeara Neurozentrum Stuttgart melden. Das Praxiszentrum hat Standorte in ganz Deutschland und ist ebenfalls auf Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie spezialisiert.
Geschäftsführung äußert sich bisher nicht zu Schließungsgründen
Zu den Gründen der Schließung hat sich die Geschäftsführung des MVZ Mind auf Nachfrage unserer Zeitung bisher noch nicht geäußert. Doch es gibt Hinweise aus dem kollegialen Umfeld: Laut Simone Hoffmann, Chief People Officer (CPO) bei Valeara, habe sich für die Betreiber des Mind MVZ abgezeichnet, dass die Praxis erhebliche Versorgungsprobleme bekommen würde. „Deshalb stehen wir bereits seit einigen Wochen mit der Praxis im Austausch“, so Hoffmann. Wenn so ein großer Versorger wie das MVZ Mind nicht mehr die gewohnte Menge an Patienten behandeln könne, entstehe automatisch ein erhöhtes Patientenaufkommen für andere Versorger, „also auch in unserer Praxis“.
Fünf Ärzte wechseln zur Nachfolgepraxis
Gemeinsam habe man eine gute Lösung finden wollen, um Patientinnen und Patienten des MVZ Mind möglichst ohne Versorgungsengpass qualitativ gut weiter versorgen zu können. „Viele leiden an chronischen Erkrankungen und müssen regelmäßig betreut und behandelt werden“, sagt Hoffmann. Da bereits fünf Ärzte der Praxis Mind fest zum Valeara-Standort gewechselt seien, „ist es uns möglich, den Versorgungsengpass partiell abzufedern“.
Es zeigt sich jedoch laut Hoffmann deutlich mehr Bedarf, als Valeara in Stuttgart derzeit mit seinen personellen, rechtlichen und räumlichen Möglichkeiten abdecken kann. „Wir sind sehr bemüht, auch noch diese Lücke zu schließen, und stehen dazu sowohl mit der Kassenärztlichen Vereinigung in intensiven Gesprächen, als auch weiter mit der neuen Geschäftsführung des MVZ Mind“, ergänzt sie.
Fraglich bleibt, was mit den ganzen Krankenakten nach der Schließung geschieht: So haben Patienten grundsätzlich das Recht auf ihre eigenen Akten und Dokumentationen. Natürlich sei es für Valeara als weiterführenden Behandler und vor allem für die Patienten sehr viel effektiver und effizienter, wenn die neuen Ärzte auf bestehende Dokumentationen zurückgreifen könnten. „Auch hier sind wir zuversichtlich, dieses Problem schnell zum Wohle der Patientinnen und Patienten lösen zu können“, betont Hoffmann.
Susan Bauer sagt, sie glaube bei Valeara erschienen nun jeden Tag 40 bis 50 verzweifelte Patienten, die einen neuen Arzt bräuchten. „Ich verstehe schon, dass die Hilfe in der neuen Praxis auf bestimmte Sprechzeiten limitiert ist und sie auch dringende Rezepte nur nach vorheriger Arztsprechstunde ausstellen können“, sagt Bauer. Dennoch hätte Bauer gerne ihre Krankenakte mitgenommen. Sie habe daraufhin ihre Krankenkasse kontaktiert.
Krankenkasse verweist Patientin nur an Ärztekammer
Die Landesärztekammer Baden-Württemberg teilt dazu mit, dass gemäß der ärztlichen Berufsordnung Ärztinnen und Ärzte verpflichtet sind, über ihre beruflichen Feststellungen und Maßnahmen erforderliche Aufzeichnungen anzufertigen, die sowohl als Gedächtnisstütze als auch im Interesse einer ordnungsgemäßen Patientendokumentation dienen.
Patienten hätten das Recht auf unverzügliche Einsicht in ihre Akten, sofern keine erheblichen therapeutischen Gründe oder Rechte Dritter entgegenstehen.
Die Aufbewahrungspflicht für ärztliche Aufzeichnungen betrage mindestens zehn Jahre nach Behandlungsabschluss. Diese Verpflichtung bestehe auch über die aktive Berufsausübung hinaus: Bei Praxisaufgabe müssten Ärzte entweder selbst für die Aufbewahrung sorgen oder die Unterlagen in gehörige Obhut geben.
Psychotherapie wurden ein Tag vorher beendet
Eine Übergabe an Praxisnachfolger sei aber grundsätzlich nur mit schriftlicher Einwilligung der betroffenen Patienten zulässig. Kann diese Einwilligung trotz entsprechender Bemühungen nicht eingeholt werden, verbleibe die Aufbewahrungspflicht beim bisherigen Praxisinhaber.
Auch die ehemalige Patientin Saskia Maier, die ihren echten Namen ebenfalls nicht nennen möchte, hat versucht, ihre Patientenakte zu bekommen. Die Stuttgarterin war in der Praxis zu einer Psychotherapie. „Ich bin schon länger dort in Behandlung und habe Ende März plötzlich eine Nachricht bekommen, dass ab sofort keine weiteren Termine mehr möglich sind“, schildert Maier.
„Unfassbar, wie mit Patienten umgegangen wird“
Ihr sei in einem Schreiben mitgeteilt worden, es habe bei Mind Veränderungen in der Geschäftsführung gegeben, weshalb sie keine neuen Termine mehr erhalten könne. „Ich finde es unfassbar, wie hier mit Patienten umgegangen wird“, sagt Maier und ergänzt: „Menschen mit psychischen Erkrankungen gehen nach monatelanger Wartezeit nicht zum Spaß zur Psychotherapeutin.“
Eine Therapie derart abrupt zu beenden, könne ihrer Einschätzung nach bei manchen Patienten eine lebensbedrohliche Situation hervorrufen. Für viele sei die Psychotherapie ein Halt, der nicht einfach von heute auf morgen wegbrechen sollte. „Gibt es keine Fürsorgepflicht seitens der Mind mvz GmbH?“, fragt sie. Immerhin sei sie wenigstens von ihrer Psychotherapeutin persönlich kontaktiert worden.