Premiere am Schauspiel Stuttgart „Die Dreigroschenoper“ als Gerichtsdrama
Viktor Bodó verlegt am Schauspiel Stuttgart den Brecht-Klassiker „Die Dreigroschenoper“ in einen Gerichtssaal, und das Ensemble brilliert mit Kurt Weills Balladen.
Viktor Bodó verlegt am Schauspiel Stuttgart den Brecht-Klassiker „Die Dreigroschenoper“ in einen Gerichtssaal, und das Ensemble brilliert mit Kurt Weills Balladen.
Ganz oben, hinter Schreibmaschine und Telefonen, sitzt der Richter. Man blickt zu ihm auf, aber manchmal vergisst man ihn auch, und einmal, als er brüllen will, verwandelt sich sein Gebrüll in ein Schnarchen. Drunten, im Gerichtssaal, ist der Mensch gemein, und erscheint der reitende Bote des Königs zur rechten Zeit, dann darf er das auch sein, wird zudem noch in den Adelsstand erhoben.
Keinen Monat, nachdem in seiner Heimat Ungarn die Regierung Viktor Orbán und die bekannt korrupte Fidesz-Partei abgewählt wurden, feiert Viktor Bodós Inszenierung der „Dreigroschenoper“ am Schauspiel Stuttgart Premiere. Bodó hat das berühmte Stück von Bertolt Brecht, Kurt Weill und Elisabeth Hauptmann als Gerichtsdrama inszeniert – Peachum, Macheath, Polly, Lucy, Jenny, Tiger Brown, die Bettler, Huren, Gangster – sie alle treten auf in einem Prozess, der sich zu guter Letzt in Wohlgefallen auflöst. Zu Beginn allerdings, ehe das Geschehen sich im Rückblick entfaltet, liegt der Richter schon tot auf der Bahre.
Wie er dorthin kommt, das bleibt die Pointe der Inszenierung. Anfangs also rollt die Bahre auf die Bühne. Zwei Mediziner beschäftigen sich mit dem Leichnam, sägen ihm den Schädel auf, nehmen sein Gehirn heraus – und auf springt der vermeintlich Tote (Reinhard Mahlberg), zeigt sich als Richter und singt die Moritat von „Mackie Messer“, ehe er sich, nun standesgemäß gekleidet, auf seinen erhöhten Posten begibt, um dort die Zeugen aufzurufen.
Zita Schnábel hat die Bühne eingerichtet als Gerichtssaal mit einem zentralen Zeugenstand, Schubfächern, aus denen abgelegte Leichen hervorkommen können, vielen Rängen, einer deutlichen Betonung der Vertikalen, einem Richterpult, das sehr weit oben liegt, mehreren Zugängen, Mauerwerk. Die Handlung, die sich darunter abspielt, ist bekanntlich so schlicht wie amoralisch: Peachum und Frau betreiben eine florierende Bettlermafia. Macheath alias Mackie Messer, der Gangsterkönig, sein Konkurrent, heiratet heimlich Peachums Tochter Polly, darum will Peachum Macheath hängen sehen. Seine Huren verraten ihn, sein alter Freund, der oberste Polizeichef „Tiger“ Brown, kann ihm nicht helfen, doch schließlich kommt in allerletzter Sekunde der berittene Königsbote.
„Die Dreigroschenoper“ basiert auf „The Beggar’s Opera“ von John Gay und Johann Christoph Pepusch, uraufgeführt 1728. Elisabeth Hartmann übersetzte den Text ins Deutsche, Brecht gestaltete ihn als eine Oper „so prunkvoll gedacht, wie nur Bettler sie erträumen und so billig, dass Bettler sie bezahlen können“, als bitter schneidende Sozialsatire, gesättigt mit treffenden, längst fast sprichwörtlichen Sentenzen – und Kurt Weill schrieb die unsterbliche Musik. Viktor Bodó, der in Stuttgart zuletzt Franz Kafkas „Amerika“ auf die Bühne brachte, inszenierte das Stück bereits in Budapest. Im Stuttgarter Ensemble mit seinen beiden Gästen – Marcel Heuperman als Macheath und Miriam Maertens als Spelunken-Jenny – hat er großartige Darsteller gefunden. Hanna Erös hat sie zumeist bürgerlich gekleidet – nur Macheath darf seinen schwarzen Ledermantel mit Pelzkragen tragen. Peachum (Klaus Rodewald) wirkt wie ein konservativer Geschäftsmann, als Filch (Felix Jordan) abgerissen auf die Bühne stolpert, bricht dann aber aus in schrilles, verbrecherisches Gelächter.
Josephine Köhler ist großartig als Polly Peachum, Marietta Meguid nicht minder als ihre Mutter Celia. Polly liefert sich einen erbitterten Zickenkrieg mit Lucy (Sonja Geiger), Tochter des Polizeichefs (Sebastian Röhrle) und Geliebte von Macheath – sie gibt vor, schwanger zu sein, lässt die Wassermelone, mit der sie einen Bauch vortäuschte, schließlich fallen. Die Melone zerplatzt am Boden, und gleich ist Gábor Biedermann als Gerichtsdiener zur Stelle, um sie aufzukehren. Wann immer er mit seltsam verrenkten Bewegungen durchs Bild geht, holt er Gelächter im Publikum ab.
Die nüchterne Atmosphäre des Gerichtssaals scheint die Verve der „Dreigroschenoper“ mitunter etwas zu bremsen – Viktor Bodó steuert mit skurrilen Einfällen gegen: Er lässt Macheath seine Angelschnur in den Graben werfen, in dem das 15-köpfige Orchester unter der Leitung von Klaus von Heydenaber sitzt; er lässt Polly und Lucy Badminton spielen oder eine Stoppuhr mitlaufen, während Marcel Heuperman als Macheath den Ton hält, und die Schauspieler in Zeitlupe agieren. Oder er versteckt das rote Telefon, auf dem die Nachricht von Macheaths Begnadigung eintrifft, im Publikum.
Mehr und mehr jedoch reißt die Inszenierung mit, begeistert mit ihren Balladen, auch der Ballade von der sexuellen Hörigkeit – und im großen Finale schließlich fliegen die geschredderten Gerichtsakten auf der Bühne umher wie Konfetti.
Die Dreigroschenoper: Schauspielhaus Stuttgart, wieder am 11., 16., 30. Mai, 7., 8., 25. Juni sowie am 6., 10., 14. Juli, jeweils 19.30 Uhr.
Stück
„Die Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht, Elisabeth Hauptmann und Kurt Weill wurde am 31. August 1928 im Theater am Schifferbaudamm in Berlin uraufgeführt und seither auf zahlreichen internationalen Bühnen inszeniert. Es gab mehrere Verfilmungen des Stoffes – so 1963 unter der Regie von Wolfgang Staude, mit Curd Jürgens, Hildegard Knef, Gert Fröbe, Lino Ventura.
Regisseur
Viktor Bodó wurde 1978 in Budapest geboren. Mit seiner Inszenierung von Nikolai Gogols „Der Revisor“ am Vig Theater Budapest übte er schon in der Saison 2013/14 offen Kritik am politischen System seiner Heimat. In Stuttgart inszenierte er „Der Würgeengel“ nach Luis Buñuel (2020), „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ nach Erich Kästner (2022) und „Amerika“ nach Franz Kafka (2024).