Premiere am Staatstheater Stuttgart Auf der „Farm der Tiere“ läuft alles schief
Schweine sind die besseren Herrscher? Na ja. Im Schauspiel Stuttgart wird George Orwells Fabel „Farm der Tiere“ auf die Bühne gebracht.
Schweine sind die besseren Herrscher? Na ja. Im Schauspiel Stuttgart wird George Orwells Fabel „Farm der Tiere“ auf die Bühne gebracht.
Generationen von Schülerinnen und Schülern mussten da schon durch: „Animal Farm“, George Orwells 1945 veröffentlichte Allegorie auf den Stalinismus, war lange Standardlektüre im Englisch-Unterricht. Die Tiere brechen die Revolution vom Zaun und vertreiben den versoffenen Bauern. Doch nachdem die Schweine die Macht übernehmen, wird der Hunger unerträglich, die Unterdrückung noch grausamer und am Ende, so heißt es im Buch, „war es unmöglich zu sagen, wer das Schwein und wer der Mensch war“.
Der Regisseur Oliver Frljić hat sich jetzt im Schauspiel des Staatstheaters Stuttgart diese tierische Parabel auf die Mechanismen der Macht vorgenommen und aus dem Roman ein 90-Minuten-Stück destilliert, in dem Hühner, Schafe, Kühe und die schlauen Schweine große Fragen auf den politischen Punkt bringen. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral, dann der Intellekt“ oder „Politische Freiheit ohne wirtschaftliche Gleichheit ist eine Täuschung“ lauten diese Sätze.
Allerdings: Auch wenn der 1976 geborene Frljić in seiner Textfassung die Fragen nach dem Preis der Freiheit auf seine Weise durchdekliniert – im Handlungsverlauf bleibt er der Fabel treu, was den Spannungsbogen relativ schnell erschlaffen lässt. Der für seine politischen Arbeiten bekannt-berüchtigte Theatermann, der im Leitungsteam des Berliner Gorki Theater ist, hat gut daran getan, sich auf eineinhalb Stunden Spieldauer zu beschränken.
An Inszenierungsideen mangelt es dem 1976 in Bosnien geborenen Regisseur nicht, der in Stuttgart schon „Schuld und Sühne“ und „Romeo und Julia“ inszeniert hat. Im Gegenteil. Da setzt sich Gabriele Hintermaier als Ratte zwar wortgewandt und angereichert mit Wissenschaftsjargon gegen ihre geplante Verwendung als Laborratte zur Wehr. Währenddessen wird sie aber am Schwanz gepackt. Und schon schnürt ihr ein Schwein damit die Luft ab und prompt ist es vorbei mit ihrem Leben als wildes, ungezähmtes Tier.
Wie Opportunismus funktioniert, warum die einfachen Parolen „Mensch schlecht, Tier gut“ so gefährlich sind, das wird eindrücklich demonstriert mit dem Bild von schnell hin- und her springenden Hühnern, Schafen und Kühen (Choreografie: Andrea Krolo), die immer auf der Seite dessen stehen, der gerade am lautesten schreit. Sei es das Wortführerschwein Napoleon (Julian Lehr) oder sein Genosse Schneeball (Valentin Richter). Nur dass Napoleon sich schon ein Hunderudel scharf gemacht hat und so seinen Worten eine ganz andere Eindrücklichkeit und Überzeugungskraft verleiht. Eins, zwei, drei – und schon ist Schneeball vom Hof gejagt und fortan an als Sündenbock für alles verantwortlich, was schief läuft beim Aufbau eines neuen Systems.
Wie Einschüchterung funktioniert, das wird schon im ersten Drittel der Inszenierung anschaulich gemacht: Lustig ist immer nur das, was die Schweine zum Lachen finden. Die Fröhlichkeit im Reich der Tiere flackert im Sekundenrhythmus auf und ab, bis nur noch Verunsicherung übrig bleibt.
Es gibt aber auch Regieeinfälle, die mehr als abgenudelt sind: Wenn dem Arbeitspferd Boxer ein tierischer Heldenorden verliehen wird, dann ist das – tata, tata! – ein Mercedesstern. Genauso wie die Schweine ihren neuen Pomp in einem – richtig geraten! – Daimler zelebrieren. Wie perfekt dieser Oldtimer allerdings ausgeleuchtet ist und seine Runden auf der schwarzen Bühne dreht, das hat dann doch wieder Klasse.
Überhaupt zeigen die Werkstätten bei dieser zwar wortlastigen, aber auch musikalisch mit Dixiesound und pathetischen Orchesterklängen angereicherten Regiearbeit ihr ganzes Können: Pia Maria Mackert ist für die Kostüme verantwortlich, in denen die Hühner in hüfthohen roten Lackstiefeln und grandiosen roten Haarkämmen bella figura machen und den Kühen ihr Euter wie ein überdimensionierter Kragen um den Hals hängt. Die Hühner, die den Aufstand wagen, als die Schweine ihre grausame Herrschaft schon längt etabliert haben, werden belagert und zur Kapitulation gezwungen. Im Käfig geht ein Bombenhagel aus roten Konfetti nieder. Es herrscht wieder Krieg.
Glücklicherweise ist diese Inszenierung der pessimistischen Fabel von der Unverbesserlichkeit der Menschen in Tiergestalt – erschienen ist sie ja unmittelbar nach Weltkriegsende – auch durchlässig für den Witz und die Spielfreude des Stuttgarter Staatstheater-Ensembles: Es ist eine Freude, Boris Burgstaller als Sprecher der Schafe oder Hannah Müller als Wortverdreher-Propagandaschwein Quieker zuzusehen.
„Gewalt ist das tägliche Brot der Ideen“ sagt Oliver Frljić in einem Interview im Programmheft. Das gilt, folgt man der Inszenierung, für die dunkle Seite der Macht genauso wie für den Kampf im Dienst der guten Sache. Diese Ambiguität steht im Zentrum von Frljić Regiearbeit.
Wie weit er dabei geht, darüber lässt sich streiten. Wenn gegen Ende wieder ein Mensch Einzug hält auf der Farm der Tiere und dazu Fetzen aus Winston Churchills „Blut, Schweiß und Tränen-Rede“ zu hören sind, mit der dieser zum Kampf gegen Nazi-Deutschland mobilisiert hat, dann kann man das provokant finden. Oder geschmacklos.
Termine
„Farm der Tiere“ wird wieder gespielt am 11., 12.und 19. Mai, 13., 14., 25. und 28. Juni und am 4. Juli, es sind auch Nachmittags- und Frühvorstellungen dabei. Karten unter www.schauspiel-stuttgart.de
Biografie Der 1903 geborene Brite George Orwell hat im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten gekämpft, während des Zweiten Weltkriegs als Journalist gearbeitet und das Kriegsende als Korrespondent in Frankreich und Deutschland erlebt. Sein Roman „Farm der Tiere“ entstand kurz danach, er hatte allerdings Schwierigkeiten, einen Verlag zu finden. In Ländern des Ostblocks war das Buch verboten, ebenso wie sein 1949 publizierter Roman „1984“. George Orwell ist mit 46 Jahren gestorben.
Ausblick Die nächsten Premieren am Schauspiel Stuttgart: „Sonne/Luft“ von Elfriede Jelinek am 11. Mai (Kammertheater) unter der Regie von FX Mayr. Am 18. Mai führt Viktor Bodó die Regie bei „Amerika“ von Franz Kafka