Mit „Sancta“ empfiehlt sich Florentina Holzinger als postfeministisch geläuterter Richard Wagner. „Erlösung dem Erlöser“ säuselt es am Ende des „Parsifal“ mit jener Insistenz, die keine Zweifel lässt, wer der Erlösererlöser ist: Er selbst, Wagner. Mit Kunst will er die Religion retten. Läuft auf obszöne Askese hinaus, die verleugnet, dass sie aufs Gegenteil fixiert bleibt. Florentina Holzinger will die Religion mit Sex retten. Sie zeigt die nackten Körper ihrer ausnahmslos weiblichen Performerinnen (inklusive ihr selbst), sie zeigt lesbischen und queeren Sex – kein Exhibitionismus, sondern Wahrheit des Körpers, die sich herausnimmt, so zu sein, wie sie ist: weiblich, queer, (auf-)begehrlich.
Einmauern des lebendigen Leibs
„Sancta“ konfrontiert diesen Körper mit der Institution, die ihn doppelt verfemt, als Sünde und als Frau: der heiligen katholischen Kirche. Doch was sie als Sünde des Fleisches unterdrückt, korrespondiert auf paradoxe Weise mit der sinnlichen Leibhaftigkeit ihrer Symbole. Ambivalent also wie Holzingers Performance, die Katholen-Bashing mit der Sehnsucht nach religiöser Gemeinschaftsstiftung durchkreuzt. Die Erlösung der Erlöserin – selbstverständlich gibt es einen weiblichen Jesus und eine Päpstin – ist die Befreiung des Glaubens von phallokratischer Herrschaft: sexpositive Lockerung statt Pimmelfimmel, Orgasmus und ein Hallelujah. Dass auf dem Heilsweg zur Partyreligion jede Brisanz abhanden kommt, ist freilich der Sündenfall des Stücks, das nach der Uraufführung im Mai in Schwerin jetzt im Stuttgarter Opernhaus Premiere hatte.
Ausgangspunkt ist Paul Hindemiths 20-Minuten-Einakter „Sancta Susanna“, der nach über hundert Jahren erstmals auf die Bühne kommt, die 1921 seine Uraufführung kleinmütig absagte. Im Text August Stramms, aufgeladen mit Vitalismus und Jugendstil, protestiert das gellende „Nein!“ einer jungen Nonne gegen das Einmauern des lebendigen Leibs, das ihr droht wie Jahrzehnte zuvor einer Schicksalsgenossin, die sich am Kruzifix befriedigte, am Heiland der Lust statt des Lustverbots. Mit diesem doppelten Bild des Gekreuzigten passt die Kolportage exakt in Holzingers Konzept: als Vorspiel in der Hölle, wo der Himmel sexuellen Glücks als satanischer Frevel erscheint, als ruchloser Akt am neonleuchtenden Kreuz, als kreuchendes Spinnenwesen, in dem die einst geopferte Nonne weiterlebt, als gekreuzigte nackte Körper, die wie Fliegen an einer Kletterwand kleben (Bühne und Kostüme: Nikola Knezevic). Dirigentin Marit Strindlund entfaltet Hindemiths spätimpressionistische Klangsinnlichkeit, die vom tinnitusartigen Orgel-Gis zu Beginn und von wuchtigen Ballungen am Ende unterminiert wird, mit Kraft und Feinheit der Nuance. Andrea Baker singt eine tremolierende Schwester Klementia, Caroline Melzer eine leuchtende Susanna.
Hinabgestiegen in das Reich der Black-Metal-Untoten
Dann fügen sich, hinabgestiegen in das Reich der Black-Metal-Untoten, Geschrei und brachiale Gitarrenriffs zum eindrucksvollen Höllentrip, der kontrastdramaturgisch den Broadway ans Licht anbahnt, wo die Holy Horror Show leider ins Musical eingeht. Doch erst kommt Jesus (Annina Machaz): bekifft, in Wrestler-Pose, weiblich mit Bart, Motorradbrille über der Dornenkrone. „No stress, I love bleeding for you“: Erlöser halt mit frommen Tipps („Destroy your credit card“), sehr amerikanisch, manchmal schwyzerdütsch, göttliche Comedy à la „Leben des Brian“. Die Himmelfahrt tritt er auf einem Bierkistenstapel an. Kippt aber um. Der Heilige Geist versteht da keinen Spaß.
Rasante Nonnen auf der Halfpipe
Es setzt Sister-Act mit rasanten Nonnen auf der Halfpipe, natürlich unten ohne, oder mit schrubbenden Schwestern beim „Sanctus“. Die katholische Messe ist das Rückgrat des Zweieinhalbstünders, mit dem „Kyrie“ aus Bachs h-Moll-Messe, für die Chordamen arrangiert von Johanna Doderer, mit Tönen von Rachmaninoff, Gounod, Born in Flamez und vielen mehr, teils wacker akkompagniert von Strindlund und dem Staatsorchester, teils sound designed von Stefan Schneider. Wohlfühlpoppig und mit Textszenen im Gesprächskreis-Stil hängt das schon mal schlaff in den Seilen. Holzingers komödiantischer Einfallsreichtum hilft wieder auf die Sprünge, im Zweifelsfall muss Joker-Jesus ran. Der Trick: Holzinger nimmt religiöse Symbolik wörtlich, dann wird automatisch ein Gag daraus. Etwa das Splattermovie, wo einer Performerin ein Hautfetzen herausgeschnitten wird – man versteht bei solchen Bildern, warum manche Leute das Medizinstudium schmeißen. Beim letzten Abendmahl kommt das Menschenfleisch neben Koteletts vom Lamm Gottes in die eucharistische Pfanne: „Das ist mein Leib.“
Freakshow und Parodie
Aber Freakshow und Parodie suchen die Pointe, nicht den Punkt, an dem der Glaube zu verherrlichen oder zu verteufeln wäre: seine Antwort aufs Rätsel menschlicher Existenz. Trotz Blut, Schweiß und Sex bleibt „Sancta“ zu harmlos. Abgesehen vom Anfang und einigen bewegenden Momenten. Die kleinwüchsige Päpstin (Saioa Alvarez Ruiz) ist ein zutiefst christlich-humanes Bild, der allmächtige Roboter, der sie in den Himmel wirbelt, der einzige Gott, den die Menschheit noch verehrt und fürchtet: einer, den sie selbst programmiert hat. Oder: Eine Heiligsprechung der Sünden bezeugt wie beim frühen Pasolini den Segen des Elends. „Ich bin heilig, weil ich mit 19 abgetrieben und eine Seele vor der Bürde des Lebens bewahrt habe“. Sagt mehr über Abtreibung als „Mein Bauch gehört mir.“
Finale mit Kitschorgie
Nach dem Bildersturm aufs Schöpfungsfresko der Sixtinischen Kapelle wird ein neuer Adam für eine neue Schöpfung gecastet. Und alles wird gut, zu gut. Die einzig wirklich obszöne Szene ist das Finale, eine Standing Ovations generierende Kitschorgie mit „Don’t dream it, be it“ (aus der „Rocky Horror Show“) als Schlusschoral zum Mitsingen. Fehlten nur noch die Feuerzeuge. Die hätten wenigstens die Sprinkleranlage ausgelöst.
Nacktheit und Akrobatik mit Altersfreigabe ab 18
Performerin
Florentina Holzinger, 1986 in Wien geboren, ist der aktuelle Shooting Star der Tanzperformance. Typisch für ihren Stil sind Nacktheit und akrobatischer Körpereinsatz bis hin zu Stunts. „Sancta“ enthält mit Paul Hindemiths „Sancta Susanna“ ihre erste Operninszenierung.
Termine
Nächste Vorstellungen: 26. und 27. Oktober, 1., 2. und 3. November. Der Vorstellungsbesuch ist ab 18 Jahren freigegeben. Die Oper Stuttgart weist darauf hin, dass die Aufführung explizite Darstellungen von Sexualität und Gewalt zeigt. Zum Einsatz kommen Stroboskopeffekte, hohe Lautstärke und Weihrauch.