Premiere der Staatsoper Der Abend wird zu einem Fest des Lebens

Betörend: Claudia Muschio (li.) als Füchsin, Ida Ränzlöv als Fuchs. Foto: Martin Sigmund

An der Staatsoper Stuttgart inszeniert Stephan Kimmig „Die schlaue Füchsin“ von Leoš Janáček, Dirigentin ist Ariane Matiakh.

Die Lichter verlöschen, es wird dunkel im Saal. Die französische Dirigentin Ariane Matiakh, seit 2022 Chefdirigentin der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, hat ihren Platz am Pult des Staatsorchesters eingenommen, gleich werden die ersten jener kleinen Klangzellen ertönen, aus denen Leoš Janáček sein orchestrales Gewebe spinnt: feine, schnelle Bewegungen, piano und pianissimo – ein Waldweben der tschechischen Art. Man spitzt die Ohren.

 

Aber dann: Rap! Laute Beats aus großen Boxen! Der Song „Sie mögen sich“ von Shaban und Käptn Peng erzählt die „Geschichte, wie sich zwei Leute in Füchse verwandeln“. Ein Paar teilt eine Vision – bis einer spürt, dass er sich verwandeln, seine Flügel ausbreiten muss, um weiter glücklich zu sein. Als der Rap zu Ende ist, gibt es Buhrufe aus dem Parkett der Staatsoper Stuttgart. Es bleiben aber die einzigen. Mit gutem Grund, denn die Premiere von „Die schlaue Füchsin“ am Sonntagabend ist ein großer Wurf.

Die Regie nimmt die Töne beim Wort

Musikalisch wirkt der Rap des Anfangs wie angeklebt (und auch ein wenig rattenfängerisch). Aber mit den dazu projizierten Comiczeichnungen nimmt er die Kunstform auf, die den Komponisten 1924 zu seiner Oper inspirierte. Außerdem macht er deutlich, worum es an diesem Abend gehen wird. Nämlich um Verwandlungen, Akzeptanz, um oszillierende Bewegungen zwischen unterschiedlichen Formen und Zuständen des Lebens. Ariane Matiakh macht das hörbar, sie formt mit dem Staatsorchester schillernde Klangbänder aus kleinen, agilen Teilchen, die Janáček der tschechischen Sprache und den Geräuschen der Natur abgelauscht hat – ein vom Orchester detailreich gestaltetes Wunderland der Töne, Verbindungen und Entwicklungen.

Bewegendes Spiel in einem schräg anmutenden Bühnenbau. Foto: Martin Sigmund

Der Regisseur Stephan Kimmig nimmt die Töne beim Wort. Sein neuer Titel – „Die schlaue Füchsin“ statt „Das schlaue Füchslein“ – treibt dem Stück alles Possierliche aus; dem Original von 1924, das übersetzt „Die Abenteuer der Füchsin Schlaukopf“ heißt, kommt man dadurch auch ein Stück näher. Und auf der Bühne schaffen die Sängerinnen und Sänger fließende Übergänge. Die Tiere im Stück zeigen menschliche Verhaltensweisen – wie etwa bei der wunderbar durchgestalteten Annäherung zwischen Füchsin und Fuchs. Im Gegenzug bewegen sich die Menschen oft wie Tiere. In der verrutschten, tunnelartigen Höhle, die Katja Haß auf die Bühne gebaut hat, lebt eine Welt im Wandel. Claudia Muschio als Füchsin hat die Bewegungen des Tieres in ihrem Körper, doch sie ist auch eine Carmen, eine selbstbewusste Frau. Genauso spielt und singt sie – grandios. Paweł Konik als Förster arbeitet sich mit darstellerischer wie stimmlicher Wucht an einer Figur ab, die sich nach und nach aus einem starren System befreit, um die Flügel auszubreiten, loszulassen und sich von den Lüften getragen zu wissen. Er mag sie, und sie mag ihn: So heißt es im Rap-Song des Anfangs, und so zieht es die Füchsin und den Förster zueinander, bis an ihrer Stelle eine kleine, junge Füchsin sitzt. Das Leben geht immer weiter.

Michael Nagl nimmt als Jäger Haraschta Füchsin Claudia Muschio aufs Korn. Foto: Martin Sigmund

Am Ende der Oper hat Konik schon die kurzen Hosen an, die vor ihm die mit betörenden Stimmfarben singende Ida Ränzlöv als Fuchs getragen hat. Anja Rabes‘ Kostüme sind Teil des bewegenden Spiels der Bewegungen. Die Doppelbesetzungen nehmen es auf. Moritz Kallenberg senkt als vielleicht betörendste Stechmücke der Aufführungsgeschichte seinen Rüssel in das Antlitz des Försters, torkelt anschließend virtuos als betrunkener Lehrer über die schräge Spielfläche und singt noch dazu mit der ihm eigenen Prägnanz. Olivia Johnson wechselt zwischen Försterin und Eule, Andrew Bogard zwischen Pfarrer und Dachs, Catriona Smith zwischen Wirtin und Eichelhäher, Itzeli del Rosario zwischen Dackel und Specht. Hinzu kommen Michael Nagl als überzeugend polternder Wilderer, Torsten Hofmann als Wirt und noch etliche weitere – alle wunderbar besetzt und tänzerisch geführt. Für die Choreografie sorgt Jonathan Reimann, den manche noch als Tänzer in „La Fest“ in Erinnerung haben mögen. Er sorgt mit dafür, dass auf der Bühne immer etwas los ist: Man kommt, man verschwindet, teils durch Gucklöcher, teils durch schmale Türen an den schrägen Außenseiten des Bühnenbaus.

Der Kinderchor kommt groß heraus

Dessen hinteres Ende gibt hinter einer Glaswand den Blick frei auf eine mal grün wuchernde, mal winterlich karge, mal auch ganz dunkle, nur von Glühwürmchen beleuchtete Natur. Kinder spielen die Insekten, und überhaupt kommen sie an diesem Abend ganz groß raus. Der Kinderchor der Staatsoper macht seine Sache exzellent, auch in solistischen Partien. Besonders die sängerisch wie darstellerisch ungemein reife, quicklebendige Marta Pfeifer als Jungfüchsin ist eine kleine Bühnen-Sensation.

Ja, und was will das Stück, was will das Stuttgarter Produktionsteam uns sagen? Das Leben ist nie nur dies und nie nur das. Es ist mal todtraurig (etwa, wenn die Titelheldin nach einem Schuss des Wilderers stirbt), mal ist es zum Schreien komisch (etwa bei der großen Hühnerszene mit Gockel, bei dem die Frauen des Staatsopernchors nicht nur authentisch gackern, sondern ebenso auch zucken). Oft aber ist es beides gleichzeitig. Vor allem aber ist Janáčeks Oper ein Fest einer Lebendigkeit, die sich aus dem Miteinander von Unterschiedlichem speist. Dass dieses Miteinander nicht nur möglich, sondern unerlässliche Basis einer funktionierenden Gesellschaft ist: Das ist die politische Botschaft hinter dem bunten szenischen Treiben, der auch die Musik mit ihren gegeneinander verschobenen Rhythmen zuarbeitet. Man kann nicht genug Janáček hören.

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