Premiere im Schauspielhaus Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ in Stuttgart

Szene mit Evgenia Dodina in der Titelrolle von Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ im Schauspielhaus Stuttgart Foto: Schauspiel Stuttgart/Julian Baumann

Burkhard C. Kosminski verknüpft in seiner Inszenierung Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ mit der Biografie der grandiosen Hauptdarstellerin Evgenia Dodina. Gelingt das Experiment?

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Stuttgart - Eine Frau kommt zurück in ihre Heimat Güllingen, in der sie als Hure beschimpft und fortgejagt wurde. Die Stadt ist wirtschaftlich am Ende. Ihr Freund von damals, der sie geschwängert und vor Gericht verleumdet hat, erwartet sie jetzt ebenso wie ganz Güllingen. Man erhofft sich Hilfe von der inzwischen steinreichen und als wohltätig geltenden Dame.

 

Claire Zachanassian, gespielt von Evgenia Dodina am Samstag bei der Premiere im Stuttgart, ist tatsächlich spendabel. Sie verkündet mit ihrer herrlich tiefen, rauchigen Stimme: „Ich gebe euch eine Milliarde und kaufe mir dafür die Gerechtigkeit.“ Konkret: 500 Millionen für die insolvente Stadt und 500 Millionen verteilt auf alle Bürger. Aber eben nur, wenn jemand vorher ihren Ex-Freund Alfred Ill ermordet.

Lässt sich Gerechtigkeit kaufen?

Da macht er große Augen, der Alfred (Matthias Leja). Mit erschreckter Miene und offen stehendem Mund blickt er in die Runde. Und die Güllinger? Gucken unbehaglich in die Luft. „Die Gerechtigkeit kann man doch nicht kaufen! Noch sind wir in Deutschland, noch sind wir keine Heiden“, ereifert sich der Bürgermeister (Sven Prietz) – mit der Betonung auf „noch“. „Man kann alles kaufen“, entgegnet kühl die Dame.

Die Geschichte ist so spektakulär wie bekannt, „Der Besuch der alten Dame“ heißt das 1956 uraufgeführte Drama, das seinen Autor Friedrich Dürrenmatt weltberühmt gemacht hat, das längst Schullektüre geworden ist und häufig im Theater gespielt wird. Im Stuttgarter Schauspielhaus zuletzt 2013, mit Astrid Meyerfeldt in der Hauptrolle (die aktuell für den Theaterpreis Faust nominiert ist für eine Arbeit am Schauspiel Köln) .

Weibliche Selbstermächtigung

Das Rachestück verhandelt ewig aktuelle Themen: Wie steht es um den Zusammenhang von Geld und Moral? Wie ist es um Solidarität in einer Gesellschaft bestellt? Darf man einen einzelnen Menschen opfern, um eine größere Gruppe zu retten? Zweimal „schlecht“ und einmal „nein“, das sind die Antworten, die sich anbieten und die auch nun dem Publikum angeboten werden. Allerdings nicht auf klassische Weise, denn das Stück wird mit einer Geschichte weiblicher Selbstermächtigung kontrastiert.

Der Regisseur weiß um die Bekanntheit des Stücks und entscheidet sich, für seine 90-minütige Inszenierung den Text zu skelettieren. Dies sicher auch, weil die vielen Figuren aus Dürrenmatts Text wegen der Corona-Bestimmungen nicht mit den nötigen Sicherheitsabständen Platz auf der Bühne gefunden hätten. Kosminski reduziert das Personal auf wenige Funktionsträger, Bürgermeister (Sven Prietz), Lehrer (Marco Massafra), Pfarrerin (Gabriele Hintermaier), Freund Ill (Matthias Leja) und Polizist (Felix Strobel, der seiner goldzahnbleckenden Figur eine unheimlich funkelnde Gemeinheit unterlegt).

Dürrenmatt hat die Figuren nicht psychologisch fein ausgearbeitet, es ist ja kein Kammerspiel, sondern eher eine Groteske. Und auch Burkhard C. Kosminski betont das Zweidimensionale, lässt die Darsteller wie Pappkameraden auftreten, zackig marschieren und Deutschlandfähnchen schwingen. Steife Spießer allesamt, Opportunisten, die sich die Untat moralisch schönreden wollen, nachdem sie genügend Schnaps intus haben. Allerdings: Da es nun so wenige Figuren sind, verliert sich die erschreckende Wucht der moralisch dubiosen Masse.

Beeindruckendes Spiel von Evgenia Dodina

Und dann ist da noch eine, die so gar nichts Chargenhaftes an sich hat: die alte Dame. Der Regisseur bricht die Geschichte der Rächerin auf, um dies zu zeigen: Ja, man kann Claire Zachanassians Wunsch verstehen, Vergeltung zu üben, aber es gibt andere Wege, um seinen Feinden entgegenzutreten. Sich nicht vertreiben lassen, Kunst machen. Hauptdarstellerin und prominentes neues Ensemblemitglied Evgenia Dodina – mit ihrem kraftvollen Spiel inMouawads „Vögel“ 2018 im Schauspielhaus in bester Erinnerung geblieben – tritt also nicht nur als Claire Zachanassian auf, sondern auch als sie selbst.

Die aus Weißrussland stammende Künstlerin erzählt von sich, ihrer Mutter, einer Ärztin, und der Großmutter, die im Krieg vor den Augen der Mutter und des Bruders verhungerte, von Vertreibung, von Judenhass, von Nazis, die Juden ermordeten, davon, wie sie selbst Schauspielerin wurde, wie sie 1990 von Russland nach Israel emigrierte, dort Theater spielte und in der ganzen Welt Filme drehte – und nun in Stuttgart am Schauspielhaus Stuttgart Ensemblemitglied wurde. Aufgeschrieben und mit dem Stück verknüpft wurde die Erzählung von Peter Michalzik.

Die Regie erhofft sich womöglich, dass durch diesen Kurzschluss zweier Geschichten aufregende Funken sprühen. Das gelingt. Allerdings geht das Experiment auf Kosten des Theaterklassikers. Denn während im Stück chargiert wird, gerät der Monolog packend, lebendig, anrührend. Die Vorzeichen verkehren sich; es wirkt, als werde die Performance von Evgenia Dodina aufgebrochen, um zwischendurch Dürrenmatt zu spielen. Ob Alfred Ill sein Leben lassen muss oder nicht, man weiß es ja, treibt einen weniger um – und möchte lieber noch mehr erfahren von der charismatischen Schauspielerin.

Gekommen, um zu bleiben

Eine zusätzliche Wand segelt sanft den Bühnenhimmel hinab, wenn Evgenia Dodina für sich selbst spricht, auf Hebräisch, auf Deutsch, sich auf den Boden setzt, dann wieder umhergeht, singt, Klavier spielt, weint, lacht, erzählt. Anders als die alte Dame, die gekommen ist, um sich zu rächen (und nicht glücklich damit wirkt) ist die Dame gekommen, um zu bleiben, um zu spielen. Sie sagt, sie habe eigentlich vorgehabt, nie mehr wieder in Stuttgart aufzutreten, als sie erfuhr, dass die AfD im Landtag die Anfrage gestellt hatte, wie viele Nichtdeutsche in den Staatstheatern arbeiteten, wie viele Ausländer im Ensemble sind.

Dann aber habe sie sich entschieden, da zu sein, und am liebsten bei jedem Auftritt zu sagen: „Ich bin nicht deutsch, ich bin Israelin, und ich danke ganz besonders der AfD, dass ich heute hier spielen darf, als Frau aus Israel.“ Da wird sie laut und skandiert das „Danke AfD! Vielen, vielen lieben Dank, AfD“ im angemessen harschen Ton.

Sie sagt auch, und ihre Stimme wird sanft und die Miene nachdenklich, die Augen glänzen, ebenso wie ihre sanfte Mutter sei sie kein politischer Mensch. Sie sehe aber, die Politik (auch in Deutschland, auch in Israel) mache es nötig, wachsam zu sein, und ja, sich zu engagieren. Wer wollte widersprechen.

Info

Die nächsten Aufführungen: 27., 28. September, 1.–,3., 5.–7. Oktober sind ausverkauft, eventuell gibt es Karten an der Abendkasse. Weitere Aufführungen sind für Dezember geplant.

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