Premiere im Staatstheater Stuttgart Sind die Buddenbrooks bühnentauglich?

Schön gemütlich hat es das Ensemble der „Buddenbrooks“ im Staatstheater Stuttgart. Foto: Thomas Aurin

Zum 150. Geburtstag von Thomas Mann inszeniert das Stuttgarter Staatstheaters sein Meisterwerk „Buddenbrooks“. Es gibt Einblicke in die Besitzängste der Wohlhabenden. Lohnt sich das Hingehen?

Kultur: Tim Schleider (schl)

Das ist lustig: Allen Leuten, denen man erzählt, dass man abends im Theater das Stück „Buddenbrooks“ anschaut, fällt der gleiche Witz ein: „Oh Gott – und wie lang dauert das dann?“ Das ist ein bisschen traurig, weil zwar offenbar zum Allgemeinwissen gehört, dass auch dieser Roman von Thomas Mann je nach Schriftgröße zu den Tausendseitern zählt. Dass er sich aber im Gesamtwerk des Großmeisters dem Lesenden doch gerade am leichtesten, buntesten, schwungvollsten, also zugänglichsten darbietet. Kurzum: Wer noch nie einen Roman von Thomas Mann gelesen hat und sich dazu durch dessen 150. Geburtstag in diesem Sommer aufgefordert fühlt, der sollte die „Buddenbrooks“ lesen. Und nicht gleich den „Zauberberg“.

 

Der Blick auf den Stoff ist heute anders

Was nun die Umsetzung für das Theater angeht, gibt es seit 20 Jahren eine Bühnenfassung des Dramatikers John von Düffel, die für die Produktion am Schauspiel des Stuttgarter Staatstheaters überarbeitet wurde. Natürlich konzentriert von Düffel das Geschehen auf zwei, drei zentrale Motive. Und während ihn 2005, so entnehmen wir einem Interview im Programmheft, vor allem interessierte, wie das traditionsreiche Handelsunternehmen der Lübecker Familie Buddenbrook im Strudel entfesselter Kapitalmärkte untergeht, blicken er und die Regisseurin Amélie Niermeyer 2025 anders auf das Material des Romans: Jetzt geht es ihnen vor allem um die Besitzängste der Wohlhabenden, der nach außen Gefestigten, der Gutsituierten. Diese ahnen, spüren, seismografieren: Überall bebt es, überall bröckelt es, alles scheint in Frage zu stehen – wie kann es gelingen, die Sicherheit des Bisherigen an eine nächste Generation zu übertragen, die womöglich ganz anderes im Sinn hat? Und keine Frage, die Beschreibung trifft’s; all das sind doch gerade: Wir.

Also taucht der Zuschauer dieses Theaterabends ein in die Welt der Familie Buddenbrook, sieht den Konsul mit seiner Bethsy und den drei Kindern Tom, Tony und Christian einziehen in ihr riesiges neues Haus, in ihren karg, aber teuer möblierten Salon zwischen meterhohen unverputzten Betonwänden, aus dessen Rillen das Dienstmädchen beständig die Flusen dieser Welt herausputzen muss (eindrucksvolle Bühnenarchitektur von Christian Schmidt). Wir hören, wie im Konsul von Anfang an der Zweifel nagt, dieses Gehäuse ihres Wohlstands sei eine Nummer zu groß geraten; es fehle die Substanz, um es wirklich zu halten, zu rechtfertigen; es fehle das Rezept, wie es sicher und besser weitergehen könne mit der Firma – und der Zuschauer ist frappiert, wie aktuell und heutig diese Sätze von Thomas Mann klingen. Da scheint die künstlerische Rechnung mithin aufzugehen.

Drei Lebensmodelle stehen im Mittelpunkt

Die drei Geschwister Tony, Tom und Christian präsentieren sich im Folgenden als drei Lebensmodelle, die auf diese latente Existenzkrise reagieren und umgehen. Die Tochter Tony fügt sich in die Aufgabe, reich verheiratet zu werden, obwohl sie längst weiß, dass ihr Selbstbewusstsein als eigenständig fühlende Frau solche Fügsamkeit zum Scheitern bringen wird. Währenddessen ist Christian mehr nach Work-Life-Balance zumute; also: viel Theater, viel Party, zwischendurch heillos übertriebene Achtsamkeit – das kann auf Dauer natürlich nicht gut gehen. Bleibt die Last des Firmenerbes somit ganz allein für Toms Schultern. Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

„Buddenbrooks“ im Staatstheater Foto: Thomas Aurin

Wobei das Schicksal nicht nur im Roman einen langen Lauf nimmt, sondern auch auf der Stuttgarter Schauspielhausbühne, nämlich satte dreieinhalb Stunden lang. Und am Ende dieser dreieinhalb Stunden ist man als Zuschauer doch deutlich weniger beseelt als nach Lektüre des Romans. Woran liegt die wachsende Ermattung im Parkett vor allem nach der Pause? Ganz sicher nicht an den Schauspielern der Kernfamilie, an Anke Schubert (Konsul), Christiane Roßbach (Konsulin), an Rainer Galke als Tom, Tim Bülow als Christian und vor allem an Celina Rongen als Tony, dem dramaturgischen Zentrum dieses Abends. Gespielt wird hier auf Deubel komm raus.

Ironie funktioniert nur im Roman

Aber während es Mann in seinem Roman so meisterhaft gelingt, uns trotz aller Ironie in der Figurenzeichnung die gesamte Bagage recht ordentlich ans Herz wachsen zu lassen, sodass wir noch mit dem größten Tropf oder der größten Tröpfin zutiefst mitfühlen, schafft die pure Übertragung der Ironie auf die Bühne eine seltsame Distanz, macht Empathie mit den Figuren schwer. Letztlich hat man schnell verstanden, wie diese Leute dort oben auf der Drehbühne ticken – und es kommt dann außer wachsender Lautstärke beim Sprechen und nicht ganz gesundem Druck auf die Stimmbänder bis zum tragischen Ende nichts Neues mehr hinzu.

Szene aus „Buddenbrooks“ Foto: Thomas Aurin

Allerdings versuchen Text-Neufasser und Regisseurin, dem entgegenzuwirken, in dem sie die Kerngeschichte rahmen: Hanno, der letzte Buddenbrook-Bub, den Thomas Mann zum Ende hin an Typhus sterben lässt, muss bei diesem Abend von Anfang an, also vorgeburtlich, und in doppelter Gestalt auftreten, einmal erwachsen (Felix Jordan), einmal als Kind. Gekleidet in einem Pyjama redet er wirr und für den Nicht-Roman-Kenner vermutlich komplett unverständlich über Musik; dazu wird auf dem Klavier geklimpert, und alle gucken maximal bedröppelt. Offen gestanden: Der Kritiker hat den produktiven Sinn dieses Einfalls nicht verstanden.

Doll, dieser Permaneder!

Verstanden hat er die herrlichen Auftritte der Nebenfiguren, von Sven Prietz als Grünlich, Reinhard Mahlberg als Kesselmeyer und Sebastian Röhrle als Permaneder – besonders der Bankier und der Hopfenhändler bringen viel Leben in die Bude. Während Silvia Schwinger als Toms Gattin Gerda zwar offenbar tatsächlich live auf der Bühne die Geige spielt, ansonsten aber einen Tick zu kiebig geraten ist. In der Figur steckt eigentlich mehr drin, behaupten wir einfach mal.

Viel Applaus zum Schluss für Ensemble und Regie. Aber der Abend scheitert doch an seinen eigenen Ansprüchen – statt großer Linie und zugespitzter Handlung bleibt er eine Reihung von Szenen mit kalkuliertem Ausgang. Hat das dann schlussendlich noch irgendwas mit uns im Hier und Heute zu tun? Na ja, (Achtung, es folgt eine Abschlussbemerkung für Kenner:) kommt drauf an, wie gut oder schlecht der eigene Zahnarzt ist.

Vorstellungen

Termine
Die nächsten Aufführungen am 23., 25. und 29. Mai; weitere Vorstellungen im Juni und Juli

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