Der Regisseur Thom Luz & Ensemble lassen „Das irdische Leben“ mit Hilfe von Gustav Mahler und vielen seltsamen Gerätschaften Revue passieren. Wie ist diese Seance im Stuttgarter Kammertheater gelungen?
Der schöne Tadzio irrlichtert durch den vollgerümpelten Raum im Stuttgarter Kammertheater. Imaginär und vermutlich auch nur vor den Augen der Thomas-Mann-Leser, welche die Novellen-Verfilmung „Tod in Venedig“ von Luchino Visconti kennen. In der blickt Gustav Aschenbach dem jungen Tadzio wehmütig hinterher, dazu erklingt das Adagietto aus Gustav Mahlers fünfter Sinfonie.
Diese sich minutiös steigernde, geigenweinende Melodie eröffnet „Das irdische Leben“; durchgenudelt und gleichzeitig ein immerschöner Hit. Nur eins kommt einem nicht in den Sinn, dass man humorvoll und zugleich voller Respekt damit umgeht. Und doch gelingt genau dies dem vielfach zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Schweizer Regisseur Thom Luz und seinem Ensemble. Der gut einstündige Abend, der 2023 in Basel uraufgeführt wurde, ist nicht nur eine Auseinandersetzung mit Musik, sondern auch mit den Zumutungen der Welt, des Lärms, dem Leiden an der Welt.
Es knattert im Zivilisationsmüll
Sie ist nicht nur hässlich und brutal, sondern auch laut. Lärm lenkt ab, vom Komponieren, Musizieren, Lauschen, malträtiert das Gehirn jedes feinfühligen, musikliebenden Menschen: Die Bühne im Kammertheater stellt ein apokalyptisches Geräusche-Setting dar. Man sieht vergangenen Lärm, spürt förmlich, wie Stühle geworfen wurden, wie mit Megaphonen herumposaunt wurde, wie Boxen drangsaliert, wie hier gebrüllt, geschwitzt wurde. Man ahnt, hier ist etwas mächtig schief gegangen.
Im Zivilisationsmüll knattert und piepst nur noch die Klimaanlage vor sich hin, pustet Plastikfetzen in die Luft. Die Maschine ist ein Sinnbild dafür, dass nur noch die Technik regiert, nachdem die Menschen einander weitestgehend zerstört haben. Und dieses Gerät macht mit Stottergeräuschen auf sich aufmerksam, lockt diejenigen, die sich gerettet haben, die in anderen Sphären sich bewegen, musizieren – Mahlers Fünfte spielen.
Sie wollen nur eins: den Lärm abstellen. Schauspieler Samuel Streiff marschiert schnurstracks auf die Bühne, schlägt mit der Hand auf die Anlage, geht wieder. Doch ehe er und seine Mitspieler – der musikalische Leiter Mathias Weibel, die Musikerin Mara Miribung und der Musiker und Schauspieler Daniele Pintaudi – sich versehen, sind sie plötzlich wieder drin, im Leben, im Lärm. Wenn sie die Bühne verlassen wollen, ertönt ein klingendes Sirren, ähnlich einem Elektroschockgerät, da bleiben sie lieber da.
Sie versuchen die Maschinen abzustellen oder zumindest neben wummernden Beats eine Koexistenz zu beginnen, den Lärm in ihre Musik zu integrieren, damit ihr irdisches Leben wieder zu einem Konzert zu großer Kunst wird. Doch immer geschieht, immer nervt etwas. Das ist das Leben. Und das führt dann dazu, dass sie den Absaugrüssel der Klimaanlage ins Gesicht geblasen bekommen, während sie gerade von Lindenduft singen. Oder sie versuchen, Klavier zu spielen, wo gar keines ist und knistern fingerübungshaft Melodien auf einer Alufolie, bemühen sich, den Bühnenschrott in ihre Kunst einzubinden. Sie interpretieren Gustav Mahlers Kompositionen, Rückert-Lieder, rumänische Volkslieder und begleiten sie mit sparsamen Wortbeiträgen. Die fallen gern ironisch aus: „Jetzt wäre ein Moment der Stille schön“, heißt es, wenn Maschinenlärm auf der Bühne extrem an den Nerven zerrt.
Szene aus „Das irdische Leben“ mit Mathias Weibel, Mara Miribung, Daniele Pinaudi, Samuel Streiff (v. li.). Foto: Björn Klein/SchauspielStuttgart
Das Tun der Vier erinnert an Christoph-Marthaler-Abende in einer meditativen Variante. Schön ist der feine Witz, die hintergründige Philosophie. Es geht ja auch um die Programmierung des irdischen Lebens, die brutale Technik, die kaum mehr kontrollierbar ist. Das Projekt scheitert natürlich, sie müssen fliehen, dorthin, wo man sie in Ruhe lässt.
Der Ausflug in die Welt – was für eine Zumutung. Doch an der Reise durch die Welt der Musik teilzunehmen, dem Versuch, im Lärm das Glück zu finden, beizuwohnen, zwischen Krach und schönen Klängen, bei wunderbarem Gesang und dem schlafwandlerisch aufeinander eingestimmten Quartett, das ist ein Erlebnis. Und die frohgemute, hüpfende Melodie von James W. Blakes Lied „The Sidewalks of New York“ begleitet einen heiter, tröstlich hinaus ins Gelärme der nächtlichen Stadt.
Info
Weitere Vorstellungen 27. Oktober, 10.-14. Dezember, 30. und 31. Januar im Kammertheater Stuttgart.
Theater mit Musik „Hotel Savoy“. Die Hybridoperette mit der Musicbanda Franui, basierend auf Joseph Roths Roman „Hotel Savoy“, ist eine Kooperation des Schauspiel Stuttgart und der Staatsoper Stuttgart. Vorstellungen im Stuttgarter Schauspielhaus: 2., 3., 29. und 30. November, 7.-9. Januar, 15.-17. und 28. Februar.