Zeitgleich zur CSD-Politdemo am 26. Juli in Stuttgart lädt das Studio Gaga zum Pride-Festival. Die Gemüter der queeren Community kochen hoch. Wird der CSD zu kommerziell?

Im früheren Hotel am Schlossgarten beginnt bald der Endspurt für die beiden temporären Bars. Statt einem halben Jahr, wie von den Eigentümern der sanierungsbedürftigen Nobelherberge versprochen, sind es beim Warten im langen Antragsverfahren zum Hotelumbau zweieinhalb Jahre geworden. Das Studio Amore will vom 27. bis zum 29. Juni „ein letztes Mal und so groß wie noch nie“ feiern. Mit einem 49-stündigen DJ-Programm nonstop ist eine „ehrwürdige Verabschiedung“ geplant, die eines der spannendsten Pop-up-Hotspots des Stuttgarter Nachtlebens noch mal mit voller Wucht erbeben lässt.

 

Das Studio Gaga darf für den CSD in die Verlängerung

Ende Juni wäre dann Schluss im 60er-Jahre-Hotel, auf dass die Sanierung für die Zukunft beginnen kann – doch das queere Studio Gaga, das sich ein halbes Jahr nach der Amore-Eröffnung im Untergeschoss dazu gesellt hat, bekommt noch eine Extra-Zugabe. Zum CSD in Stuttgart dürfen die Betreiber – also fast einen Monat nach dem vereinbarten Showdown – noch mal so richtig aufdrehen. „Wir haben die Immobiliengesellschaft der LBBW um die Verlängerung gebeten“, berichtet Gaga-Chef Nikos Likopulos,„und die Zusage erhalten.“

Für den 25. und 26. Juli, dem CSD-Wochenende, lädt das Studio Gaga deshalb zu einem „Pride-Festival mit drei Floors, einer Outdoor-Area, einer Hüpfburg und einer Men-Only-Area“ ein. Dies sorgt innerhalb der Community für hitzige Debatten, da das Fest im früheren Luxushotel um 16 Uhr beginnen soll – also am Samstagnachmittag, wenn die CSD-Politdemo durch Stuttgart zieht.

„Während der Demo sollte man nicht mit der Party beginnen“

Wortführer der Kritik ist der Partyveranstalter Dirk Wein, der dem Vorstand des Club-Kollektivs angehört, aber „als Privatperson“ seine Vorwürfe öffentlich formuliert, wie er gegenüber unserer Redaktion betont. „Die Stuttgart Pride ist immer noch eine politische Demonstration, da ist es mehr als kontraproduktiv, während des politischen Teils schon mit einer Party loszulegen“, erklärt Wein.

Der CSD bringe Zehntausende in die Stadt – dies würden Partyveranstalter nutzen, um Reibach zu machen, kritisiert er. Seit den Anfängen des CSD sei es ein „ungeschriebenes Gesetz“, dass man mit der Party erst gegen Ende der Hocketse beginne, um dem Straßenfest, das der Finanzierung des CSD diene, keine Konkurrenz zu machen. Clublegende Laura Halding-Hoppenheit spricht von „schmarotzerhaften Personen“, die nichts mit dem CSD zu tun hätten – man solle sie boykottieren.

„Wir verdienen uns keine goldene Nase“

Nikos Likopulos, der Betreiber des Studios Gaga, bleibt trotz der heftigen Kritik gelassen, die in der Community bereits als „Zickenkrieg“ verspottet wird. „Um 16 Uhr trudeln doch nur wenige Leute bei uns ein“, versichert er. Auch andere Kneipen müssten während der Parade nicht schließen, wird in der Debatte argumentiert. In zwei Jahren habe die Pop-up-Bar mit allerlei Veranstaltungen „viel für die Vielfalt getan“, so Likopulos. Wer denke, man könne sich damit „eine goldene Nase“ verdienen, der täusche sich gewaltig.

Zum Abschied im Schlossgartenhotel wolle das queere Studio seinem „überwiegend jungen Publikum“ noch mal was Gutes tun, betont Likopulos. Vielleicht stecke hinter dem Streit in Wahrheit ein Alterskonflikt. Das Gaga spreche die jungen Leute an, die anders lebten als die Generation vor ihnen, die sich früher im inzwischen geschlossenen Kings Club trafen. Dass die junge Location so brumme, gefalle nicht allen Veranstaltern.

CSD-Sprecherin sagt: „Je mehr queere Angebote, desto besser“

Betina Starzmann vom CSD-Vorstand sorgt sich um das Bild, das eine zerstrittene Community in der Öffentlichkeit erzeugen könne. „Je mehr queere Angebote, desto besser“, sagt sie. Man müsse zusammenhalten, vor allem auch nach außen. Gleichzeitig appelliert Starzmann an die Betreiber des Studios Gaga, das Pride-Festival am Samstag, dem Tag der Polit-Demo, erst später beginnen zu lassen. Für 17 Uhr sei die Kundgebung geplant, die gegen 18 Uhr enden solle. Danach könne doch die Party im Schlossgartenhotel beginnen.

Auch beim CSD wird am 26. Juli die sexpositive Party Blow im Proton gefeiert (hier die Schlange bei der Premiere im Januar). Foto: Alexander Klarmann

Die Gaga-Leute sagen, beim CSD seien so viele Menschen in der Stadt, da störe es doch nicht, wenn einige wenige bereits am Nachmittag zu ihnen kämen. Richtig rund gehe es ohnehin erst in der Nacht. Felix Horsch, der am 26. Juli gleich zwei queere Partys (die Blow im Proton und die Fame im Wonders) veranstaltet, plädiert für Vielfalt. Wenn man sich für die Vielfalt in der Gesellschaft einsetze, müsse man auch eine Vielfalt bei Events tolerieren. Die „Lovepop Pride Edition“, die als „offizielle Party des Stuttgarter CSD“ firmiert, an der Dirk Wein beteiligt ist, findet übrigens am 26. Juli von 22 bis 8 Uhr im White Noise samt illuminierter Open-Air-Area statt.

Die Anmeldungen für Formationen sind „so hoch wie vor einem Jahr“

Der CSD 2025, dessen Schirmherr der VfB-Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle ist, dürfte erneut die Massen nach Stuttgart locken. Betina Starzmann sagt, dass die Anmeldungen zur Demo „mindestens so groß“ seien wie vor einem Jahr – da waren es 150 Formationen. Das Pride-Motto lautet: „Nie wieder still! Laut für Freiheit, stark für Vielfalt“.

Still bleiben will auch das Studio Gaga nicht und nach dem Abschied vom Schlossgarten an einem neuen Ort in gewohnter Vielfalt weitermachen. Man sei gerade dabei, in Zusammenarbeit mit der Brauerei nach einer Location mit Außenbereich zu suchen, sagt Nikos Likopulos.