In den vergangenen Jahren sind die kleinen Weihnachtsmannhelfer aus dem hohen Norden auch hierzulande immer populärer geworden. Unsere Autoren haben unterschiedliche Meinungen zu dem neuen Trend.

Bei immer mehr Familien zieht in der Adventszeit ein Wichtel ein. Dann markiert eine kleine Tür, die wie aus dem Nichts auftaucht, den Eingang zu seinem Zuhause. Der Gehilfe des Weihnachtsmanns soll Glück bringen, er treibt aber auch Unfug – den in aller Regel die Eltern vorbereiten und wieder aufräumen müssen. Ist das eine neue, liebevolle Idee, um in Weihnachtsstimmung zu kommen oder nur Kommerz?

 

Immer willkommen: Wichtel (besonders Lykke)

Zuerst klebte meine Frau eine kleine Tür im Kinderzimmer über die Bodenleiste an die Wand, dann schleppte sie ein Buch über Lykke an. Lykke kommt, das schreibt der Stuttgarter Autor Florian Fickel, aus Schweden und hilft dem Weihnachtsmann bei allen Arbeiten, die in der Vorweihnachtszeit anfallen. Das macht er nachts, wenn alle schlafen. Danach sorgt er für Unordnung und Quatsch – und morgens liegt dann ein Brief vor der Wichteltür, in dem er erzählt, was er so getrieben hat. Manchmal entschuldigt er sich auch für das Chaos.

Für mich endeten alle Tage im Dezember 2023 damit, dass ich vor dem Schlafengehen, die im Buch geforderten Unordnungen anrichten durfte: angebissenes Marmeladenbrot oder Mandarinenschalen vor die Wichteltür legen, Zahnpasta an die Türklinke schmotzen oder Schnürsenkel an Schuhen zusammenzuknoten. Jeder Tag begann wiederum damit, dass sich mein Sohn bestens gelaunt aus dem Bett torpedierte, um den neusten Streich von Lykke zu bestaunen und den Wichtelbrief vorgelesen zu bekommen. Die fingen immer mit „God Morgon!“ an, schwedische Wichtel reden so.

Rational gesprochen ist das freilich grober Unfug, absichtlich Chaos zu veranstalten, das man selbst wieder aufräumen muss. Doch alle Rationalität ist egal, wenn das Kind Lykke bereits nach zwei Tagen in den engsten Freundeskreis aufgenommen hat. Der Fantasy-Autor Stephen King sagte mal, dass Kinder nicht ganz bei Sinnen seien, dies aber leider irgendwann aufhöre, weil sie zur Logik gedrängt werden. Kurz vor Weihnachten sagt die Frau: „Lykke muss bleiben!“ Ich: „Im Buch sind aber keine Geschichten mehr!“, Frau: „Lass dir was einfallen.“ Ja. Lykke ist erst Anfang Januar wieder nach Schweden gefahren. Nieder mit der Rationalität!

Michael Setzer (51)ist Editor, Autor und Vater eines Sechsjährigen. Lykke gehört mittlerweile auch zur Familie.

Contra: Ein Wichtel kommt mir nicht ins Haus!

Für mich ist es eine der schönsten Geschichten im Advent. So liebevoll und warmherzig erzählt Astrid Lindgren über den Wichtel Tomte Tummetott, der in einem Winkel auf dem Heuboden wohnt und nur des Nachts, wenn die Menschen schlafen, hervorkommt. Dann geht er zu den Tieren und spricht ihnen im harten Winter Mut zu, lässt sie vom Frühling träumen. Tomte Tummetott muss weder mit Keksen oder Haferbrei gefüttert werden, noch spielt er irgendwelche Streiche. Er ist einfach nur da, gibt acht, dass das Feuer im Herd nicht erlischt und wacht über die Menschen.

Der Wichtel-Boom der vergangenen Jahre hat mir diese Geschichte kaputt gemacht. Mich ärgert es, dass Einzelhandel und Industrie nun auch noch die schönen Wichtellegenden, die in Nordeuropa in vielen Facetten kursieren, kommerzialisiert haben. In den Läden gibt es Holztürchen, Leiterchen und Deko zu kaufen, womit Eltern für ihre Kinder den Eingang zur Wohnung des vorübergehenden Untermieters bauen sollen. Im Internet findet man Tipps, wie man es mit Mehl oder Puderzucker (!) vor dem Wichtel-Zuhause schneien lassen kann. Aber bitte die winzigen Fußspuren nicht vergessen. In Büchern stehen mögliche Streiche und Vorlagen für Briefe, die der Wichtel an die Kinder schreibt. Aus meiner Sicht ist das alles völlig übertrieben.

Und ganz ehrlich: Ich habe weder Zeit noch Muße, mich in der ohnehin chaotischen und wenig besinnlichen Adventszeit auch noch um einen kleinen, hyperaktiven Mitbewohner zu kümmern – und um abends Kekskrümel auf dem Fußboden zu verteilen, die ich am Morgen selbst wieder wegsaugen muss. Ich bin froh, dass meine Kinder bereits zu alt für diesen neuen Trend sind. Ein Wichtel kommt mir nicht ins Haus!

Alexandra Kratz (41) ist Reporterin und hat zwei Töchter (11 und 14), die sich auch ohne Wichtel auf Weihnachten freuen.