Max, Anton und Levi schauen ganz genau, wie viel Wasser in einer Minute in den Messbecher getropft ist. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Mathe? Kann ich nicht! Das sagen viele Schüler. Viel zu viele, findet die Vector-Stiftung. Mit ihrem Projekt „Mkid – Mathe kann ich doch!“ wollen sie dieser Abwehrhaltung entgegenwirken. 232 Schulen im Land nehmen daran inzwischen teil, 32 alleine in Stuttgart. Zum Beispiel das Schickardt-Gymnasium.
Bei dieser Mathe-Aufgabe braucht man kein Sitzfleisch, die sorgt für Bewegung bei den Schülern. „Was kostet es, wenn ein Wasserhahn das ganze Jahr tropft?“, fragt Lehrer Matthias Rückert die 14 Siebtklässler des Schickardt-Gymnasiums. Bald darauf schwärmen mehrere Gruppen aus ins Schulgebäude, ausgestattet mit einem Messbecher auf der Suche nach einem Waschbecken.
Anton, Max und Levi bleiben in dem Klassenzimmer und machen sich dort am Wasserhahn zu schaffen. Es ist das Mathe-Zimmer der Schule, auf dem Zifferblatt der Uhr sind Wurzelzeichen und Brüche zu sehen, an der Wand hängen Blätter mit Gleichungen, Potenzgesetzen und dem Satz des Pythagoras. Die drei Jungs sind zwölf Jahre alt und besuchen die siebte Klasse der Schule. Sie stellen ihren Messbecher unter den tropfenden Hahn und warten eine Minute.
Rege Beteiligung: Einmal in der Woche freiwillig und entspannt Mathe machen bei Mkid. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Auf diese Zeitspanne hatten sich die Schüler geeinigt, das Experiment sollte nicht zu lange dauern. Aber zuerst mussten die elf Jungs und drei Mädchen schätzen, was ein tropfender Wasserhahn einem Haushalt im Jahr wohl kostet. Viele Arme gehen nach oben. Der erste Schätzwert: 20 000 Euro. Mit jedem neuen Ansatz nähern sich die Angaben einer realistischeren Zahl. Edda tippt zuletzt auf 700 Euro pro Jahr. Dann geht es los an die Waschbecken.
Als alle zurück sind im Klassenzimmer, werden die jeweils gesammelten Wassermengen abgelesen: Die Gruppe von Max misst 52 Milliliter, die Jungs mit Jon 30, Edda und die anderen beiden Mädchen haben 330 Milliliter aufgefangen, sie haben aber auch zehn Minuten abgewartet. Jetzt geht’s ans Rechnen: Welche Menge kommt zusammen, wenn man den Wert auf ein Jahr hochrechnet? Am Handy wird der Wasserpreis gesucht. Kurz gehen Kubikmeter und Liter durcheinander. Nun wird der Kubikmeterpreis in einen Literpreis umgerechnet. Eines der Ergebnisse: 270 Euro. „Die Gruppe von Max würde 270 Euro verschleudern im Jahr, nur weil der Wasserhahn offen ist“, sagt Lehrer Matthias Rückert. Die Mädchengruppe um Edda applaudiert, ihre Schätzung lag dem Ergebnis am nächsten.
Die Schüler machen an diesem Nachmittag freiwillig Mathematik und haben sichtlich Spaß daran. Sie beteiligen sich am Projekt „Mkid – Mathe kann ich doch!“ der Stuttgarter Vector-Stiftung. Insgesamt 232 Schulen im Land nehmen dieses Angebot inzwischen wahr, 32 alleine in Stuttgart. Nach Angaben der Stiftung sind derzeit mehr als 4500 Sechst- und Siebtklässler dabei. Zu den Zielen der Stiftung gehört, „mehr Menschen in technische Berufe zu bringen“, sagt Christina Luger, Projektmanagerin Bildung bei der Stiftung. Dabei sei „Mathematik wichtig“. Nur lasse „mit dem Beginn der Pubertät das Interesse an Mathe und den Naturwissenschaften oft nach“, erklärt Luger. Vieles werde von den Jugendlichen dann in Frage gestellt, oft auch ihre eigenen Fähigkeiten.
Um den „Interessensverlust zu stoppen“, hat die Stiftung der in Stuttgarter Bezirk Weilimdorf ansässigen Firma Vector Informatik das Förderprogramm aufgelegt. Die Mkid-AGs sind für die sechste und siebte Klasse gedacht. Ziel des Programms ist es, die Freude an Mathematik und an anderen MINT-Themen zu stärken. Und zwar beim „Mittelfeld“ der Schüler, sagt Christina Luger. Mkid sei „keine Nachhilfe und auch nicht Jugend forscht“. Zur Zielgruppe gehören all jene, die sich Mathe vielleicht gar nicht zutrauen, obwohl sie das Potenzial dazu haben. Ihnen will man ein „Kompetenzerleben“ ermöglichen.
Mathe-Lehrer Matthias Rückert bespricht mit Schülern die Messung. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Entwickelt wurde das Programm, das im Schuljahr 2017/18 als Pilotprojekt gestartet wurde, mit dem Seminar für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte Stuttgart. Jeder Kurs erhält eine große Materialienkiste mit Utensilien für Aufgaben und Experimente. Es gibt Versionen für Real- und Gemeinschaftsschulen sowie für Gymnasien. Laut der Stiftung bleibt etwa die Hälfte der Schüler, die in Klasse 6 starten, in der siebten Klasse dabei. 87 Prozent der Kursleiter, unter ihnen auch Studierende, stelle bei den Schülern eine „positive Veränderung der MINT-Kompetenz“ fest. In der Schülerumfrage gaben 75 Prozent der Mkids an, sich in Mathe und den MINT-Fächern nun mehr zuzutrauen.
Matthias Theis ist Fachleiter Physik beim Stuttgarter Seminar für Lehrkräfte. Wichtig an dem Projekt sei, dass es „komplett freiwillig und vom Unterricht entkoppelt ist“. Es gehe nicht um Noten, sondern darum, „emotionale Einstellungen und Selbstbilder“ zu verändern, erklärt der Pädagoge, der selbst Lehrer am Schiller-Gymnasium in Fellbach ist. Er schätzt, dass ein Viertel bis ein Drittel der Schüler einer Klasse für das Projekt passen. Von denen hätten nicht wenige eine „Abwehrhaltung“ gegen Mathe und MINT-Fächer.
Diese Abneigung will man durch das Vermitteln von „Problemlösungsstrategien“ abbauen. Zuallererst durch das zerlegen von für diese Klassenstufen durchaus schwierigen Aufgaben in Teilprobleme. Das Berechnen der Kosten für einen tropfenden Wasserhahn gehöre da zu den leichteren Kurselementen, geeignet für den Einstieg am Schuljahresbeginn. Viele Aufgaben sind praxis- und handlungsorientiert, aber nicht nur. Nicht dazu gehört die Frage: Wie lautet die letzte Ziffer von 7 hoch 2024? In dem Kurs wird auch Mathe-Poker gespielt und mit Spaß Bruchrechnen geübt.
Dabei sollen die Kinder immer wieder das Gefühl haben, vor einer für sie nicht lösbaren Aufgabe zu stehen. Wenn sie diese dann doch zusammen schaffen und jeder seinen Teil beiträgt, verlieren sie in solchen Situationen mit der Zeit Unsicherheit und Angst und entwickeln Selbstbewusstsein, werfen die Flinte nicht gleich ins Korn. Denn dann seien sie „oft für den Rest ihrer Schulkarriere verloren“ für diese Fächer, sagt Matthias Theis. Stattdessen sollen die Schüler sich von Aufgaben, die sie nicht sofort verstehen, nicht abschrecken lassen, sondern „sich mal zehn Minuten hinsetzen und ein paar Methoden ausprobieren“.
Aufgaben werden gemeinsam in der Gruppe gelöst. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Zwischen zehn und 20 Prozent der Schüler einer Klassenstufe beteiligten sich am Mkid-Projekt, schätzt Lehrer Matthias Rückert. Der 38-Jährige findet den stärker praxisorientierten Unterricht, bei dem Schüler selbst Lösungswege finden sollen, gut. In Klassen mit 30 Schülerinnen und Schüler sei das aus zeitlichen Gründen zumeist nicht machbar. „Da ist es geschickt, dass man das in Mkid auslagern kann“, erklärt der Pädagoge. Das Projekt sei „eine sinnvolle Ergänzung“ des Unterrichts. Früher oder später wirke sich das auch auf die Noten aus.
Levi ist schon das zweite Jahr dabei. Er findet es gut, dass es im Unterricht so entspannt zugeht und man auch mal Spaß hat, besonders beim Mathe-Poker. Und man lerne Methoden, die man auch in anderen Fächern anwenden könne. Auch Yanin gefällt, dass die zusätzlichen Mathe-Stunden sehr unterhaltsam sind. Experimente in der Gruppe zu machen, findet er „cool“.
Ein Stuttgarter Unternehmen uns seine Stiftung
Unternehmen Die Vector Informatik GmbH entwickelt Softwarewerkzeuge, Softwarekomponenten und Hardware für Entwickler von Software und elektrisch-elektronischer Architektur (E/E). Die Anwendungsschwerpunkte für die Vector Produkte liegen in der Entwicklung komplexer Software-Projekte, elektronischer Systeme sowie auf deren Vernetzung mittels serieller Bussysteme. Das Unternehmen hat 2440 Beschäftigte, mit Tochtergesellschaften 4000 im Jahr 2023. Der Umsatz betrug fast 800 Millionen Euro, mit Tochtergesellschaften 1,16 Milliarden Euro.
Stiftung Die Vector Stiftung wurde 2011 als unternehmensverbundene Stiftung gegründet. Sie besitzt 60 Prozent der Anteile der Vector Informatik GmbH und finanziert ihre Tätigkeit aus der Dividende, die sie aus dieser Beteiligung erhält. 150 Projekte fördert die Vector Stiftung durchschnittlich mit jährlich etwa 12 Millionen Euro. Seit 2011 hat sie laut eigener Aussage mehr als 90 Millionen Euro für ihre gemeinnützige Arbeit eingesetzt. Die Stiftung ist auf den Gebieten Forschung, Bildung und Soziales Engagement in Baden-Württemberg tätig. Der Förderschwerpunkt liegt in technikwissenschaftlichen Forschungsprojekten, in der MINT-Bildung sowie in der Bekämpfung der Wohnungs- und Jugendarbeitslosigkeit.