Sechs Wochen Heimspiel für Pur: Das Musical „Abenteuerland“ feiert Stuttgart-Premiere mit Standing Ovations und etlichen Promis. Worüber sich Hartmut Engler bei der Party danach freut.
Standing Ovations, ein Orkan der Begeisterung – und ein sichtlich bewegter Hartmut Engler. Mit der Stuttgart-Premiere von „Abenteuerland“ im Theaterhaus ist das Erfolgsmusical rund um die Hits von Pur aus Bietigheim am Donnerstagabend „daheim“ im Südwesten angekommen und wird euphorisch gefeiert.
Für den Sänger ist die Produktion mehr als nur ein weiteres Kapitel seiner Karriere. „Ich habe die Show bisher 14-mal gesehen – völlig freiwillig“, sagt der Frontmann von Pur bei der Aftershow-Party im Glaskasten des Theaterhauses, „und sie wird immer besser.“ Regisseur Dominik Flaschka feile immer wieder an Details.
Das Musical ist für Engler ein „Ritterschlag“ für das Lebenwerk der Band„
Für Engler ist das Musical ein „Ritterschlag“ für das Lebenswerk der Band. Nach über 400.000 Zuschauern in Düsseldorf wurde die Produktion für die Tour durch Deutschland weiterentwickelt. Executive Producer Martin Flohr, dem die Idee während einer Pilgerreise auf dem Jakobsweg kam, erklärt die Anpassungen: „Wir mussten die Bühne für die neuen Spielstätten fit machen und haben die Gelegenheit genutzt, die Story noch einmal zu verdichten.“
Am Ende werden die großen Hits gefeiert
Regisseur Dominik Flaschka sieht das Erfolgsgeheimnis in der Bodenständigkeit der Handlung. Erzählt wird die Geschichte der Familie Schirmer, deren alltägliche Konflikte und Sehnsüchte durch die Musik von Pur eine neue emotionale Wucht entfalten. „Es ist eine Storytelling-Geschichte“, sagt Flaschka. „Das Publikum folgt dieser intimen, emotionalen Handlung tief berührt, oft ruhig und konzentriert, bevor am Ende die großen Hits gefeiert werden.“
Und die werden gefeiert. „Ist das geil oder geil?“, ruft Engler beim stürmischen Schlussapplaus ins Publikum. Er sei „völlig geflasht“. Das sechswöchige Gastspiel im großen Saal des Theaterhauses ist nach Angaben der Veranstalter bereits „zu 70 Prozent“ ausverkauft, am Wochenende wird die Show zweimal täglich aufgeführt. Es ist die längste Spielzeit einer auswärtigen Produktion in der Geschichte der Kultstätte am Pragsattel.
Dickes Lob vom Theaterhaus-Chef: „Das ist handwerklich super gemacht“
Deren Chef Werner Schretzmeier lobt nicht nur den starken Vorverkauf. „Die Show ist handwerklich sehr gut gemacht“, sagt er. „Die Geschichte berührt emotional tief und ist sehr bewegend.“ 1988 trat Pur erstmals im alten Theaterhaus in Wangen auf, woran er erinnert und sich darüber freut, dass Premierengäste, die früher über Songs der Band eher die Nase rümpften, nun völlig begeistert sind von der Show.
Das Theaterhaus brummt an diesem Donnerstagabend: Alle vier Säle sind bespielt und gut besucht. Von der oft beklagten Konsumzurückhaltung ist wenig zu spüren. „Wir hatten im Januar die besten Besucherzahlen seit langer Zeit“, sagt Schretzmeier, „sogar besser als im Dezember vor Weihnachten.“ Das Bedürfnis nach Kultur und Entertainment scheint gerade in schwierigen Zeiten groß. Angesichts von knapp 600.000 Euro weniger Zuschüssen im Jahr durch Sparzwänge der Stadt sichern solche Erfolge das Überleben. Mit gut laufenden Produktionen wie „Abenteuerland“ ist ein Personalabbau kein Thema.
Auch politisch und gesellschaftlich ist die Stuttgart-Premiere prominent besetzt. Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir erscheint nach einem Wahlkampftermin eine halbe Stunde verspätet – „aber genau richtig“, wie er in der Pause sagt. Er betritt den Saal nämlich just zu dem Zeitpunkt, als sein Lieblingslied „Immer wenn sie Tango hört“ gespielt wird. Der 60-Jährige kommt mit drei Bodyguards, jedoch ohne seine künftige Ehefrau Flavia Zaka, die er am Samstag in Tübingen heiraten wird.
Özedmir sagt: „Ich bin multitasking-fähig“
Wie er Wahlkampf und Hochzeit unter einen Hut bringt? „Ich bin multitasking-fähig“, sagt er lächelnd, „zuletzt habe ich zwei Ministerien in Berlin geführt.“ Kritik des politischen Gegners daran, dass er im Winter heiratet statt bei schönem Wetter wie die meisten Paare, mag er nicht nachvollziehen: Der Liebe sei die Jahreszeit doch egal. Unsere Zeitung hatte exklusiv über die Trauung bei seinem Freund Boris Palmer als Standesbeamter berichtet. „Ja, ihr seid hartnäckig gewesen“, sagt er, „aber wir hätten die Hochzeit auch noch öffentlich bekannt gemacht.“ Aber eben zu einem späteren Zeitpunkt.
Etliche Promis bei der Premierenfeier
Unter den Gästen ist VfB-Legende Hansi Müller, der die Show „sensationell“ findet und die „starken Stimmen“ des jungen Ensembles lobt (viele Sängerinnen und Sänger waren noch gar auf die Welt, als Pur durchgestartet ist). Sein Kollege Guido Buchwald berichtet von seiner besonderen Verbindung zu Pur – die Band rockte 1995 bei seinem Abschiedsspiel und besuchte ihn in Japan, als er dort Trainer war. Sein Lieblingslied ist das „Graue Haar“.
Gesehen werden außerdem VfB-Präsident Dietmar Allgaier, VfB-Sportdirektor Christian Gentner, Kabarettist Christoph Sonntag, Travestie-Star Frl. Wommy Wonder, Kulturbürgermeister Fabian Mayer, Künstlerin Christa Winter, Ex-Staatssekretär Matthias Kleinert, Society-Lady Vera Niefer sowie Radiomoderatorin Stefanie Anhalt, die Pur verdankt, dass sie in Stuttgart lebt – einst kam sie aus Westfalen als Bandbetreuerin zur Plattenfirma Intercord, die sich eben in Stuttgart befand.
„Das Pur-Musical ist an den Menschen nah dran“
Immer wieder ist an diesem Abend zu hören, „Abenteuerland“ sei näher dran an den Menschen als andere Musicals. Während man bei „We Will Rock You“ zwar die Hits von Queen feiere, aber die Geschichte als konstruiert gelte, punkte das Pur-Musical mit Themen wie Parship-Suche im Alter (die Senioren sind die heimlichen Stars der Show), schwuler Liebe, familiären Konflikten und dem Selbstmordversuch einer Tochter – Stoff aus dem echten Leben.
Dass Pur aus Bietigheim stammen, macht das Gastspiel zum Heimspiel. In München lief die Show nur eine Woche im Deutschen Theater. Stuttgart dagegen bekommt sechs Wochen „Abenteuerland“. Bei der Aftershow-Party sitzt Hartmut Engler entspannt auf dem Sofa, sichtlich zufrieden. Von Pur gebe es noch viele weitere Hits, sagt ein Gast, also noch genügend Stoff für eine Fortsetzung. Was er davon halte? „Nicht ausgeschlossen“, sagt er und grinst. Andere hätten diese Idee auch schon gehabt.