Prozess in Stuttgart Im Weinberg wartet statt der minderjährigen Luna ein brutaler Schlägertrupp

Prozessauftakt in Stuttgart: Vier junge Männer sind wegen versuchten Mordes angeklagt. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Eine Bande von mehreren jungen Männern soll sich auf einer Internetplattform als junge Frauen ausgegeben haben. Bei Treffen sollen sie ihre Opfer brutal ausgeraubt haben.

Luna wartet schon auf ihn. Am Rande der Weinberge in Obertürkheim. Das glaubt zumindest ein 24-Jähriger, als er vor rund zwei Jahren zum Treffen mit der vermeintlich 16-Jährigen aufbricht. Mit der hatte er zuvor schon längere Zeit auf einer Internetplattform Nachrichten ausgetauscht. Als er an der einsamen Stelle eintrifft, ist von dem wohl erhofften amourösen Abenteuer nicht mehr die Rede. Denn mehrere junge Männer warten da. Der 24-Jährige bekommt einen in Pfefferspray getränkten Schneeball ins Gesicht, wird geschlagen und beraubt.

 

Verantwortlich dafür sollen vier junge Männer sein, heute zwischen 18 und 20 Jahre alt. Sie sitzen am Freitag im größten Saal des Stuttgarter Landgerichts, wo ihnen der Prozess gemacht wird. Drei werden in Handschellen vorgeführt, sie sitzen seit vergangenem Sommer in Untersuchungshaft. Der Vierte ist mittlerweile wieder auf freiem Fuß. Angeklagt sind sie wegen versuchten Mordes, Vergewaltigung, besonders schwerer räuberischer Erpressung und gefährlicher Körperverletzung.

Gruppe werden 15 Taten zur Last gelegt

Denn es ist nicht bei dieser einen Tat geblieben. Eine Stunde dauert die Verlesung der Anklageschrift durch die Staatsanwältin. Insgesamt werden der Gruppe 15 Taten im Zeitraum von Januar 2024 bis Juni 2025 zur Last gelegt. Die Taten sollen in Stuttgart-Obertürkheim, Stuttgart-Süd und Esslingen-Berkheim begangen worden sein. Zum Tatzeitpunkt waren die Angeklagten teils noch minderjährig.

Der Bande wird vorgeworfen, sich auf der Internetplattform „Knuddels“ als Mädchen im Alter von 16 bis 18 Jahren ausgegeben zu haben. In unterschiedlicher Zusammensetzung sollen sie über die Plattform Treffen mit Männern verabredet haben. „Sie gingen dabei in wechselnder Besetzung arbeitsteilig vor“, so die Staatsanwältin. In einer Chatgruppe sollen die Angeklagten die Taten geplant haben. Neben den vier Hauptverdächtigen sollen noch etliche gesondert Verfolgte an den Taten beteiligt gewesen sein. Drei Frauen sollen etwa mit den Opfern telefoniert oder sie am Tatort in die Falle gelockt haben.

Pistolen, Schlagstöcke, Fußtritte

An den vereinbarten Treffpunkten sollen jeweils nicht Mädchen auf die Opfer gewartet haben, sondern die Tatverdächtigen. Bei den Aufeinandertreffen mit den geschädigten Männern sei die Bande äußerst brutal vorgegangen, so die Anklage. So sollen sie den Opfern ins Gesicht und in den Bauch geschlagen haben. Auch wenn die geschädigten Männer bereits auf dem Boden lagen, hätten die jungen Tatverdächtigen weiter auf sie eingetreten.

Die Gruppe soll bei den Taten bewaffnet gewesen sein, unter anderem mit Schlagstöcken, Pistolen, Peitschen und Messern. Sie soll die Männer heimtückisch von hinten angegriffen und auf die Köpfe eingeschlagen haben. In einem Fall sollen die Angeklagten sexuelle Handlungen an einem Geschädigten vorgenommen haben, wobei dieser verletzt wurde.

Erbeutet haben sollen die Angeklagten unter Androhung von Gewalt Wertgegenstände der Opfer, etwa deren Geldbeutel, EC-Karte oder Handys. Bei einer Tat im Juni 2025 sollen die Tatverdächtigen mehr als 5000 Euro über die Bankkarte ihres Opfer abgehoben haben.

Drei der vier Angeklagten werden aus der U-Haft vorgeführt. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Aber auch zu erniedrigenden Handlungen sollen die Geschädigten gezwungen worden sein. So sollten die Opfer beispielsweise bellen, die Schuhsohle von einem der Angeklagten ablecken oder zu einer abgespielten Musik rappen. Bei der zweiten zur Last gelegten Tat im April 2024 seien dem Opfer zudem die Haare mit einem Cutter-Messer abgeschnitten worden. Teilweise sollen die Taten gefilmt worden sein. Die mutmaßlichen Täter hätten den Tod ihrer Opfer billigend in Kauf genommen, so die Staatsanwältin. Die Opfer erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Zur Festnahme von drei der Tatverdächtigen kam es schließlich im Juni 2025 am Südheimer Platz. Denn dort wartete diesmal eine Überraschung auf sie: Das vermeintliche nächste Opfer war ein Polizist, der sich zum Schein mit ihnen verabredet hatte. Der vierte Tatverdächtige wurde ein halbes Jahr später festgenommen.

Am Südheimer Platz wartet ein Polizist auf die Angeklagten

Alle kommen aus guten Verhältnissen

Zum Prozessauftakt machen die vier Angeklagten keine Angaben zu den Taten. Sehr wohl aber zu ihren persönlichen Verhältnissen. Und das Bild, das sich da abzeichnet, will so gar nicht zu den brutalen Überfällen passen. Alle vier kommen aus intakten Elternhäusern, beschreiben ihr Verhältnis zur Familie als gut, ihre Kindheit teilweise als „perfekt“. Alle haben einen Schulabschluss. Einige hatten gewisse Probleme mit Cannabis, ansonsten jedoch keinen Kontakt zu härteren Drogen. Sie beschreiben sich als empathisch und offen. „Meine Eltern waren geschockt, als sie von der Anklage erfahren haben. Für sie ist unvorstellbar gewesen, dass ich mal im Knast lande“, sagt einer der vier. Die anderen äußern sich ähnlich.

Und warum dann das Ganze? Um vermeintlich Pädophile abzustrafen? Als selbst ernannte sogenannte Pedo-Hunter? Das hält das Gericht für zweifelhaft, denn die Angeklagten sollen sich als 16- bis 18-jährige Mädchen ausgegeben haben. Nichts Illegales im Spiel also für die Opfer, die selbst meist zwischen Anfang 20 und um die 30 waren. „Nach der Aktenlage haben wir keinerlei Hinweise darauf, dass die Überfallenen pädophil sind“, so der Vorsitzende Richter. Der Begriff Pedo-Hunter sei deshalb nicht angebracht, für die Opfer gar diffamierend.

Zur möglichen Motivlage – und zur Frage, ob die vier jungen Männer die Taten einräumen – dürfte an den nächsten Verhandlungstagen mehr zu erfahren sein. Angesetzt sind 18 weitere Termine bis Ende Juli.

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