Ballweg hat treue Anhänger in Deutschland – und Fans in amerikanischen Regierungskreisen. Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich (Archiv)
Leland Lehrman ist als Impfgegner ein Berater des US-Gesundheitsministers Robert F. Kennedy. Kein Wunder, dass er den Prozess gegen Michael Ballweg im Gerichtssaal verfolgte.
Mit besten Grüßen aus Washington hat ein Zuschauer der Urteilsverkündung des Landgerichts gegen den „Querdenken“-Gründer Michael Ballweg beigewohnt – den wohl ohne Erklärung kaum jemand erkannte. Leland Lehrman hieß der Mann aus dem Umfeld Robert F. Kennedy Jr., des Gesundheitsministers. Und es ist nicht das erste Mal, dass eine gewisse Nähe des „Querdenken“-Gründers Michael Ballweg und der Regierung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump (Republicans) offenkundig wurde. Zuletzt war das im vergangenen Winter der Fall. Ballweg und sein Anwalt Ralf Ludwig, ebenfalls fest verwurzelt in der „Querdenker“-Szene, flogen zur Amtseinführung des 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten nach Washington – mit Smoking im Gepäck. Eingeladen hatte sie Robert F. Kennedy Jr., Trumps damals noch designierte, inzwischen aktiver Gesundheitsminister.
Donald Trump und sein Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. Foto: AFP
Am Tag der Urteilsverkündung im Verfahren gegen Michael Ballweg war die Geduld der Besucher im Saal gefragt, denn es dauerte, bis alle Interessierten die Einlasskontrollen passiert hatten und im Saal saßen. Kaum jemand hätte es gemerkt, dass auch hier wieder etwas Trump-Nähe bestand. Doch Ralf Ludwig trat zu den Presseplätzen, an das Ende der Reihe, wo vor allem die „Querdenken“-nahen alternativen Medienleute saßen. Strahlend zeigte er mit einer Kopfbewegung in die Reihen – und wies, nicht ohne Stolz, auf einen Besucher aus dem Umfeld Trumps und Kennedys hin. Natürlich drehten sich alle Köpfe – doch Politprominenz erkannte niemand auf den ersten Blick. Ludwig half: Der Mann im hellen Anzug mit dem Bart sei es, und buchstabierte bereitwillig den Namen: Leland Lehrman, Vorsitzender des MAHA-Institutes des Gesundheitsministers Robert F. Kennedy Jr., das sich Gesundheitsfragen widmet. Besagter Leland Lehrman, Rauschebart, heller Anzug und rote Krawatte, suchte sich einen Platz in der hinteren Hälfte des Saales und verfolgte das Verfahren. Neben seinem Interesse für die Corona-kritische Bewegung fiel er zuletzt auch mit antisemitischen Äußerungen und kruden Verschwörungstheorien, etwa zum 11. September, auf.
Nach dem Urteil gibt Ballweg im Gericht ein Interview – draßen spricht Leland Lehrman in eine Kamera. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Robert F. Kennedy Jr. selbst ist den „Querdenkern“ und Ballweg seit 2020 verbunden. Damals sprach er bei einer Großdemo in Berlin am 1. August – und wetterte unter anderem gegen Impfungen. Diesem Kurs der „Anti-Vaxxer“ – so heißen Impfgegner in den USA – ist er auch in Regierungsverantwortung treu geblieben. Und gründete ein Institut, das verdächtig ähnlich heißt wie Trumps „Make America Great Again“ – kurz MAGA-Bewegung: MAHA. Das steht für „Make America Healthy again“.
Wer ist Leland Lehrman, der Amerikaner im Ballweg-Prozess?
Wer ist dieser Mann, der nach dem Gerichtstermin ausführliche Interviews gab – für besagte alternative Medien? Trotz der prominenten Platzierung dürfte Leland Lehrman nicht einmal manchen Leuten in der „Mach-Amerika-wieder-gesund“-Bewegung (Maha) von US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy bis vor kurzem ein Begriff gewesen sein. Doch im Juni wurde der Impfgegner und Medienunternehmer, der auch mal Senator im US-Südweststaat New Mexico werden wollte, zum Exekutivdirektor des MAHA-Instituts ernannt, einer neuen Interessenvertretung mit dem Ziel auf „MAHA-Gewinne von Präsident Trump, Minister Kennedy und dem Kabinett“ aufmerksam zu machen, gewählte Offizielle zum Programm der Bewegung zu beraten sowie Verbündete in der Regierung „zu finden und zu gewinnen“. Kennedys Bewegung erlebt aktuell in den USA einen beachtlichen Zulauf und mit ihm die Skepsis gegenüber etablierter Ernährung und Gesundheitsversorgung, darunter die Ablehnung der meisten Impfstoffe. Auch Filme über „vegane Lügen und die Rettung unserer Farmen“ findet man auf der Seite des Instituts. Lehrmans Verbindungen zu RFK Jr. sind offenbar eng genug, dass er auf der Gründungskonferenz des MAHA-Instituts im Mai als erster verkünden konnte, dass der Gesundheitsminister bei Schwangeren und Kindern keine Impfungen gegen Corona mehr empfehlen werde. Und in dieser Haltung liegt sicherlich auch ein Anknüpfungspunkt für Ballwegs „Querdenken“-Bewegung, die den Corona-Schutzmaßnahmen – und den Impfungen – kritisch und ablehnend gegenüberstand.
Aber noch weniger bekannt ist Lehrmans lange Geschichte, antisemitische und andere extremistische Verschwörungstheorien zu verbreiten, wie die US-Bürgerrechtsbewegung Forschungs- und Bildungsinstitut für Menschenrechte (Institute for Research & Education on Human Rights), die rechten Nationalismus beobachtet, jüngst gut dokumentiert hat. Demnach pries Lehrman in den 2000er wiederholt die berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“, ein extrem antisemitisches Pamphlet von Anfang des 20. Jahrhunderts, das vorgibt, über einen geheimen Plan der Juden zur Beherrschung der Welt zu berichten. Das ganze ist eine – mutmaßlich russische – Fälschung, die schon seit mehr als 100 Jahren als solche entlarvt ist. Lehrman dagegen schrieb, dass die Protokolle „am wahrscheinlichsten authentisch“ seien, „und deshalb die weitgehendste Anklage jüdischen Überlegenheitswahns“ darstellten. Außerdem behauptete er im Jahr 2005, ohne Belege zu liefern, Israels Geheimdienst Mossad sei „ein führender Kandidat für die Planung der Terrorangriffe vom 11. September“. Eine aktuelle Anfrage unserer Zeitung, ob er diese antisemitischen und antiisraelischen Ansichten immer noch teile, ließ Lehrman unbeantwortet. Allerdings pries er im April erneut die Ansichten eines Antisemiten aus Kanada.
Wie reagieren die „Querdenker“ auf Kritik an derlei Positionen? Michael Ballweg antwortet, die Bewegung stehe für „Eigenverantwortung, Selbstbestimmung, Liebe, Frieden, Freiheit, Freude und Wahrheit. Wer für Frieden steht, steht für Gewaltfreiheit. Wer für Liebe steht, lehnt jede Form von Extremismus, Rassismus und Antisemitismus implizit und explizit ab. Das ist die Grundlage, an der wir unser Denken und Handeln orientieren. Daran wird sich nichts ändern.“ Das sei der Text des „Querdenken“-Manifests. Die Aussagen des Leland Lehrman will er nicht kommentieren. Für ihn gelte der Grundsatz „Wir reden miteinander, nicht übereinander“.
Eine der ersten Corona-Demos im Frühjahr 2020 in Stuttgart Foto: Lichtgut (Archiv)
Auch Ralf Ludwig, Ballwegs Anwalt im vor kurzem beendeten Verfahren, antwortet, er kenne die Aussagen nicht, auf die sich die Anfrage beziehe. „Ich kann Äußerungen von Herrn Lehrman nicht einschätzen, da ich diese – und insbesondere den Kontext – nicht kenne. Soweit mit bekannt, hat Herr Lehrman selbst jüdische Vorfahren. In den Gesprächen, die wir geführt haben, haben Themen, die antisemitisch konnotiert sein könnten, zu keinem Zeitpunkt eine Rolle gespielt“, so Ludwig. Auch er verweist auf das Manifest der Bewegung. Zudem könne „niemand dafür verantwortlich gemacht werden, was „Unterstützer“ einer Idee an anderer Stelle zu anderen Themen äußern“, meint Ludwig. Kritik an Kontakten zu Leuten aus der Trump-Administration kann er ebenfalls nicht nachvollziehen. Und fügt hinzu: „Für Menschen, die sich politisch engagieren, sollte es selbstverständlich sein, Kontakte in die politischen Machtzentren zu halten, auch wenn dieses kritische Kontakte sind.“
Lehrmans Hintergrund: Jüdische Vorfahren
Lehrman ist der Urgroßenkel des Gründers der US-Drogeriemarktkette Rite-Aid. Sein Vater, der Investment-Banker Lewis E. Lehrmann, stammt aus einer jüdischen Familie, aber er konvertierte zum Katholizismus. Anfang der 1980er Jahre bemühte sich der Vater für die Republikaner auch erfolglos um das Gouverneursamt im Staat New York. Während der Corona-Pandemie wandte sich Leland Lehrman dem Kampf gegen das Impfen zu und wurde zu einem lautstarken Werber für Kennedys Präsidentschaftsbewerbung – zunächst ehrenamtlich und später nach eigenen Angaben als festangestellter Berater. Es ist unklar, ob Lehrmans antisemitische Einlassungen sein Standing im Umfeld Kennedys beeinträchtigt. Kennedy selbst setzte im Wahlkampf mehrfach auf antisemitische Kommentare. Und heute ist sein Ministerium auch Teil einer Taskforce, die den Antisemitismus an Universitäten untersuchen soll.