Beim Start von der Rampe geht es mit mehr als 2000 Watt in die Pedale. Foto: Tom Bloch
In Stuttgart befindet sich eine von nur zwei deutschen BMX-Rennstrecken mit Olympianorm. Am Wochenende haben sich dort zahlreiche Topfahrer getroffen. Was macht die Faszination aus?
Tom Bloch
22.04.2026 - 07:00 Uhr
„Sport ist Mord“, soll der einstige britische Premierminister Winston Churchill gesagt haben. Oder auch nicht. Bloß weil es ständig wiederholt wird, muss es ja nicht so gewesen sein. Aber es gibt viele Sportarten, die tatsächlich ein höheres Verletzungsrisiko haben. Zum Beispiel BMX. Als der Schreiber dieser Zeilen auf das Radsportgelände in Münster läuft, werden gerade die Türen eines Rettungswagens verschlossen. „Das war ein übler Sturz“, sagt die Augenzeugin Anaiya Campbell. Die Zweitliga-Volleyballerin kennt aus dem Internat des Olympiastützpunkts Stuttgart viele BMXler, die auch dort wohnen, und ist deshalb zum Bundesliga-Rennwochenende auf den Speedtrack in den Hallschlag gekommen. „Die humpeln oft. Und gefühlt jeder hatte mal einen Schlüsselbeinbruch“, weiß Campbell. Es ist der Preis eines Spektakels auf zwei Reifen.
Auch David Jäckel vom TSV Betzingen, Deutscher Meister von 2025 in der Cruiser-Klasse (24-Zoll-Räder), kann eine Menge Brüche nach Stürzen auflisten. „Aber ich musste nie operiert werden“, sagt er und grinst, während sein Bruder Marco Jäckel mit Gehgips davonhumpelt. Der einstige Bundeskaderfahrer hat sich vor vier Wochen auf dem BMX-Bike das Sprunggelenk gebrochen.
David Jäckel, Deutscher Meister von 2025, weiß, worauf es in der Sportart ankommt. Foto: Tom Bloch
Oder man macht es wie Philip Schaub, amtierender Deutscher Meister und Olympiateilnehmer von Paris. „Ich bin aufgewacht und hatte ein dickes Knie. Es war wirklich kein Streckenunfall“, sagt Schaub und lacht, während er fleißig Autogramme gibt.
Acht Fahrer starten das Ausscheidungsrennen über die M-förmige 430 Meter lange Strecke gleichzeitig von der Rampe. Antrittskraft: mehr als 2000 Watt. „Das ist schneller als ein E-Auto“, sagt David Jäckel. Mit einer extrem hohen Trittfrequenz (bis zu 230 Umdrehungen pro Minute) geht es über vier Hindernissarten: Roller, Double, Table und Step – und dann durch Steilwandkurven hinein ins Ziel, inklusive Ellbogenkämpfen und Remplern. „Das ist wie Achterbahnfahren auf zwei Rädern“, schwärmt David Jäckel. „Das tolle Gefühl, wenn man nach dem Sprung durch die Luft fliegt, ist eigentlich nicht zu beschreiben.“
Eine gute Einstiegsausrüstung kostet 1500 Euro
Unter seinem gelben Rennanzug ist Jäckel dick gepolstert: spezielle Schuhe mit unbiegsamer Sohle und Klickpedalbindung, Schienbein- und Knieschutz, Hüftpads, Nierengurt, Brust- und Rückenschutz, Schulter- und Ellbogenschutz, Handschuhe, Nackenschutz und Fullface-Helm nach Motorradnorm. „Eine gute Einstiegsausrüstung kostet rund 1500 Euro, inklusive Rad“, sagt Jäckel. „Nach oben ist alles offen, das geht bis hin zu fünfstelligen Beträgen.“ Für Kinder geht es bei etwa 500 Euro los – und in schon jungen Jahren. „Ich hab’ mit fünf angefangen“, erzählt der Olympiafahrer Schaub. Eine Radtour mit seinen Eltern führte damals an der BMX-Strecke in Ingersheim vorbei. Klein-Philip wollte sofort mitfahren, und seine Mutter hat das auch gleich organisiert. So begann die Story, die ihn bis nach Paris zu den Olympischen Spielen brachte.
„Unter zehn Jahren, das ist das optimale Einstiegsalter“, sagt David Jäckel, der mit sechs Jahren angefangen hat und bereits seit 21 Jahren in die Pedale tritt. Die jüngste Altersklasse bei Weltmeisterschaften beginnt mit den Achtjährigen. Durch den frühen Start wächst man laut Jäckel „förmlich in die Sportart hinein und weiß, was man tut“. Kein Wunder, dass Bundesliga-Renntage wie Woodstock aussehen: Camper und Zelte soweit das Auge reicht. Und Rennen für die Breitensportler sind mit in jene der Elite integriert. „Das ist immer wie ein Happening, und auch bei den Radveranstaltungen des Weltverbandes stellen die BMX-Fahrer stets die größte Gruppe dar“, sagt Jäckel.
Nur zwei BMX-Strecken in Deutschland mit Olympianorm
Er selbst fährt wie erwähnt für den TSV Betzingen, aber für den Erhalt der Stuttgarter Speedtrack-Strecke haben sich viele Vereine der Region zusammengetan und die BMX-Union Stuttgart gegründet, schließlich war die Stuttgarter Strecke lange Zeit die einzige in Deutschland, die die Olympianorm erfüllt. Mittlerweile ist in Esselbach bei Würzburg noch eine zweite entstanden, die über eine acht Meter hohe Startrampe verfügt. „Aber die Stuttgarter Strecke ist wirklich cool und es fuchst mich, dass ich heute nicht fahren kann“, sagt Philip Schaub.
Auch wenn es für seine Knochen somit wohl besser ist.