Radsport So adelt König Tadej Pogacar seinen Thronfolger Paul Seixas

Noch ist Tadej Pogacar (re.) einen Tick stärker als Paul Seixas – wie er zuletzt bei Lüttich-Bastogne-Lüttich zeigte. Foto: IMAGO/Belga

Der 19-jährige Franzose Paul Seixas verkörpert die Zukunft des Radsports. Seinem Heimatland soll er den ersten Triumph bei der Tour de France seit 1985 bescheren.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Es muss ein großer Spaß sein, nahezu jedes Rennen zu gewinnen, das man fährt. Oder etwa nicht? Zumindest gibt es die These, dass Erfolg zwar glücklich, aber auch einsam machen kann. Und in der Tat waren bei Radsport-Superstar Tadej Pogacar (27) durchaus schon Momente zu beobachten, zum Beispiel 2025 auf dem Weg zu seinem vierten Triumph bei der Tour de France, in denen es aussah, als könne seine Motivation irgendwann unter der eigenen Überlegenheit leiden. Umso bemerkenswerter war ein Satz, den der Slowene am Sonntag sagte – nach seinem Erfolg beim vierten Monument des Jahres.

 

Auch bei Lüttich-Bastogne-Lüttich war Tadej Pogacar alleine im Ziel angekommen. Zufrieden mit sich und seinem Sieg, vor allem aber mit der neuen Konstellation. Denn plötzlich gibt es im Peloton einen, in dem jeder die Zukunft des Radsports sieht. Auch der Mann, der seit Jahren dominiert und nun genau vor der Herausforderung steht, die er gesucht zu haben scheint. „Dass Paul Seixas bereits mit 19 Jahren so stark ist, motiviert alle anderen, sich weiter zu verbessern“, sagte Tadej Pogacar über den Teenager, der wahlweise als „Wunderkind“, „Phänomen“, „Auserwählter“ oder gar „Messias“ betitelt wird, „auch ich werde hart arbeiten, um in den nächsten Jahren noch so viel wie möglich zu gewinnen – bis er alle zerstört.“

Paul Seixas ist der häteste Widersacher

Es dürfte noch ein bisschen dauern, bis Tadej Pogacar, der König der Landstraße, entmachtet sein wird. Das Potenzial, dessen Thronfolger zu werden, besitzt Paul Seixas aber unzweifelhaft. Wie weit er bereits ist, hat er diese Saison schon öfter gezeigt: mit seinen Siegen bei der Baskenland-Rundfahrt und beim Halbklassiker La Flèche Wallonne, vor allem aber mit zwei zweiten Plätzen.

Paul Seixas (re.) gratuliert Tadej Pogacar zu seinem Sieg in Lüttich. Foto: Imago/Sirotti

Bei der Strade Bianche und bei Lüttich-Bastogne-Lüttich gewann zwar wie erwartet Tadej Pogacar, der Widerstand aber war weit größer als in den vergangenen Jahren – allein dank Paul Seixas. In den Ardennen wurde der Top-Favorit den jungen Franzosen am Sonntag erst am letzten Anstieg los, nachdem die beiden sich 20 Kilometer vorher gemeinsam abgesetzt hatten. „Er hat stark mitgezogen, ich war beeindruckt und erstaunt“, meinte Tadej Pogacar nach dem packenden Duell, über das Paul Seixas anschließend sagte: „Es ist extrem schwer, ihm zu folgen. Er ist der größte Fahrer der Geschichte.“ Und trotzdem wird es auch für Pogacar einen Nachfolger geben. Irgendwann.

Auch der französische Präsident beschäftigt sich mit Paul Seixas

Nach Meinung der Franzosen ist klar, wer das sein wird: Paul Seixas. Wie groß die Hoffnungen der Grande Nation sind, verdeutlicht eine Anekdote, die zwar nicht offiziell bestätigt ist, aber gerne erzählt wird. Demnach soll neulich Monsieur le Président zum Hörer gegriffen haben, um dafür zu sorgen, dass in dieser Angelegenheit nationaler Tragweite nichts schiefgeht. Emmanuel Macron ließ sich also zu Paul Seixas durchstellen, um dem jungen Radprofi klarzumachen, wie wichtig es ist, dass er beim Decathlon-Team bleibt – als Franzose sei er bei der größten Equipe des Landes bestens aufgehoben.

Schon einmal hatte sich Macron bei einem Sportstar des Landes eingeschaltet. Als Kylian Mbappé 2022 zu Real Madrid wollte, bat Macron den Torjäger, weiter in Paris zu spielen – der Wechsel fand erst zwei Jahre später statt. Auch an Paul Seixas, dessen Nachname auf die portugiesischen Wurzeln seines Vaters hinweist, haben die ganz großen Teams Interesse.

Alle wollen Paul Seixas

Der UAE-Rennstall von Pogacar hätte die Mittel, um das vom Seixas-Management angeblich geforderte Jahresgehalt von acht Millionen Euro (so viel verdient nur Pogacar) zu bezahlen, aber auch Red Bull-Bora-hansgrohe zeigt Interesse. „Jedes Team versucht, mit Seixas zu sprechen“, sagte Ralph Denk, der Chef des Rennstalls, gegenüber der ARD, „wir wären dumm, das nicht anzuvisieren.“ Weil es derzeit im Radsport keine Geldanlage mit besseren Renditeaussichten gibt.

Was ganz Frankreich von Paul Seixas erwartet, ist klar: Er soll dem Land den ersten Triumph bei der Tour de France seit 1985 bescheren. Damals gewann der legendäre Bernard Hinault. „Hut ab, was er jetzt schon leistet“, sagte der Bretone über seinen potenziellen Nachfolger, der bereits als 19-Jähriger alles zu haben scheint, was ein großer Rundfahrer benötigt: Er ist Junioren-Weltmeister im Zeitfahren und trotzdem ein herausragender Kletterer, als Cyclo-Crosser beherrscht er sein Rad perfekt, er ist ein wagemutiger Abfahrer und verfügt auch noch über einen ausgeprägten Renninstinkt. Offen ist lediglich die Frage, ob er in der Lage sein wird, auch über drei Wochen top zu sein. Alexandre Roos hat daran keinen Zweifel.

Tadej Pogacar: „Er wird ein Monster“

Zuletzt lobte der Radsport-Chef der „L’Equipe“ das Supertalent überschwänglich. „Er ist ein Vorreiter der französischen Revolution“, schrieb Roos, „und Paul Seixas ist das fortschrittlichste Modell des Radsports, eine ausgereiftere Version von Tadej Pogacar. Der war in diesem Alter noch nicht einmal Profi und aß noch Pizza.“

Vermutlich wird Tadej Pogacar über solche Sprüche lächeln – und sich zugleich freuen, dass er einen Konkurrenten hat, der ihn richtig fordert. Auch wenn er weiß, dass es vermutlich der Franzose sein wird, der ihn einmal vom Thron stößt. „Paul Seixas“, sagte Pogacar zuletzt, „wird ein Monster.“

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