Beim Thema Schwabtunnel scheiden sich in der Landeshauptstadt die Geister. In der 125 Meter langen Röhre, die den Stuttgarter Westen mit dem Süden verbindet, gilt ein Überholverbot. Wie eine Polizeikontrolle Mitte Juli gezeigt hat, missachten Autofahrer die durchgezogene Linie jedoch immer wieder und ziehen vor allem aus Heslach kommend, bergauf an Radfahrern vorbei. Nicht immer wird dabei der gesetzliche Mindestabstand von 1,50 Metern eingehalten. Wer regelmäßig in der Landeshauptstadt in die Pedale tritt, kann ein Lied davon singen: Alltag auf Stuttgarts Straßen.
Ein Unfall in diesem Jahr
Am 1. Juni dieses Jahres war ein 80-jähriger Mercedes-Fahrer gegen 13.15 Uhr im Schwabtunnel in Richtung Heslach unterwegs und zog verbotenerweise an einem Radfahrer vorbei. „Es kam wohl zum Kontakt“, sagt Polizeisprecherin Kara Starke. Der 36-Jährige sei in Richtung Gehweg abgedrängt worden. Der Mann sei nicht zu Fall gekommen, habe sich aber leicht am linken Bein verletzt.
Glücklicherweise sind Unfälle, die auf ein verbotenes Überholmanöver zurückzuführen sind, im Schwabtunnel die absolute Ausnahme. Laut Statistik gab es seit Anfang 2019 keinen weiteren solchen Unfall. Zum Vergleich: Sieben Mal hat es dort im vergangenen Jahr gekracht, weil unter anderem Lastwagen oder Linienbusse zu eng aneinander vorbeigefahren sind. Abgefahrene Spiegel waren meist die Folge. Für den FDP-Landtagsabgeordneten Friedrich Haag, der die Zahlen beim Innenministerium erfragt hat, „hält die Diskussion rund um den Schwabtunnel als gefährlicher Abschnitt den Fakten damit nicht stand“. Für den Liberalen sei klar, dass eine einseitige Sperrung nicht infrage komme.
Bezirksbeiräte Süd und West sind uneins
Nach Beschwerden von Radfahrern, die sich im Schwabtunnel nicht sicher fühlen, hatten Interessensverbände wie der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club sich für eben solch eine Sperrung ausgesprochen. Sie forderten eine Umweltspur, die nur von Linienbussen, Taxen und Radfahrern genutzt werden darf. Unterstützung erhielten sie vom Bezirksbeirat West, der sich mit einer knappen Mehrheit für den Vorschlag ausgesprochen hat. Das Pendant im Stuttgarter Süden lehnte die Idee bei Stimmengleichheit und einer Enthaltung dagegen ab und sprach sich für große Piktogramme auf dem Asphalt und Tempo 30 als schnell umsetzbare Maßnahmen aus.
Es ist gut möglich, dass sich der Stuttgarter Gemeinderat ebenfalls für den Verkehrsversuch im Schwabtunnel entscheidet. Der Liberale Haag rät davon ab. „Der Verkehr verschwindet dadurch nicht, sondern sucht sich andere Wege durch die Wohngebiete.“ Und das könne nicht im Interesse der Stadt sein. „Offensichtlich wird hier versucht, Stimmung gegen den Autoverkehr zu machen. Wir brauchen vernünftige Lösungen für alle Arten der Mobilität, aber keine Ausgrenzung.“