Rätsel um Sigfried Uiberreither gelüftet NS-Kriegsverbrecher hatte in Sindelfingen prominente Hilfe

Sigfried Uiberreither (links außen) war Statthalter Adolf Hitlers in der Steiermark. Dort befehligte der NS-Funktionär grausame Verbrechen. Foto: /Archiv

Jahrzehntelang lebte der NS-Kriegsverbrecher Sigfried Uiberreither mit seiner Familie unbehelligt in Sindelfingen. Nun ist klar, wie der ehemalige Gauleiter in der Stadt Unterschlupf finden konnte: Er hatte namhafte Helfer, sogar der damalige Bürgermeister war involviert.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Sigfried Uiberreither war Hitlers Statthalter in der Steiermark und von 1938 bis 1945 als Gauleiter und Reichsstatthalter verantwortlich für Tausende von Ermordeten. Er unterzeichnete Todesurteile, ließ Menschen in Konzentrationslager stecken, schickte Zivilisten auf Todesmärsche und ließ unzählige erschießen.

 

Tatkräftige Unterstützung

Trotz bestialischer Verbrechen gelang Uiberreither nach Ende des Krieges 1945 die Flucht aus alliierter Gefangenschaft. Sein Weg führte nach Sindelfingen.

Wieso kam die Familie Uiberreither ab 1947 in Sindelfingen unter? Wer beschaffte dem ehemaligen NS-Funktionär einen falschen Namen und wer half Uiberreithers dabei, in der damals noch kleinen Daimler-Gemeinde Unterschlupf zu finden? Die großen Fragen dieser schier unglaublichen Geschichte hat der Grazer Historiker Stefan Karner größtenteils beantworten können. „Gauleiter Uiberreither – Zwei Leben. Gesucht als Kriegsverbrecher – gelebt in Deutschland“ heißt sein aktuelles Buch, das nun in Sindelfingen vorgestellt wurde.

Um Licht ins Dunkel zu bringen, studierte Karner Tonnen an Aktenmaterial. Unzählige Gespräche mit Familienmitgliedern führte der Historiker. Heute ist klar: Sigfried Uiberreither hat prominente Hilfe erhalten, um als „Friedrich Schönharting“ mit Frau und vier Söhnen unbehelligt in Sindelfingen leben zu können. „Die Schlüsselfiguren waren Ernst Bitzer, Bruder des Unternehmensgründers des hiesigen Kühlgeräteherstellers, Martin Bitzer, für den der ehemalige Gauleiter bis 1970 auch arbeitete, der damalige Bürgermeister Arthur Gruber und Pfarrer der pietistischen Gemeinde“, sagt Stefan Karner.

Schweigen und decken

Dass Uiberreither 1984 – ohne je für seine Taten zur Rechenschaft gezogen worden sein – friedlich in Sindelfingen sterben konnte, lag nach Einschätzung des Spurensuchers Karner an einem Zusammenspiel aus Zufällen, Geheimdienstoperationen und Schweigekartellen: „Wir wissen aus Archivdokumenten in Ludwigsburg, dass Uiberreither ab 1945 in US-Camps erst nach Regensburg und später nach Dachau kam. Eigentlich war beschlossene Sache, dass er nach Jugoslawien ausgeliefert werden soll.

Stefan Karner (links) und Horst Zecha mit dem Produkt jahrelanger Ermittlungsarbeit. Foto: M. Dudenhöfer

Uiberreither war klar, dass ihm dort aufgrund seiner Taten die Hinrichtung droht.“ In Regensburg traf er auf den ebenfalls kasernierten Unternehmer Ernst Bitzer. „Sie verfügten über gute Verbindungen zu Nazi-Untergrundburschenschaften, in die Verwaltung und die Geheimdienste“, betont Karner.

1947 – das geben lange unbekannte Archivdokumente aus Ludwigsburg preis – schafft es Uiberreither mithilfe eines Nazifluchthelfers und der Organisation Gehlen, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, aus Dachau zu entkommen. „Er zog sich eine Wärteruniform an und stellte sich am Kontrollpunkt an. Es heißt, kurz bevor er hätte kontrolliert werden sollen, soll Uiberreither sich gebückt haben, um vermeintlich seine Schnürsenkel zu binden. Daraufhin haben ihm die hinter im stehenden Männer einen Schubs verpasst, sodass er nach draußen geschoben wurde“, erzählt Karner. Außerhalb des Lagers wartete ein Fluchtauto der Brüder Lauterbacher, die mit dem Vatikan zusammen auch die sogenannte Rattenlinie nach Südamerika betrieben.

Weil Ernst Bitzer seinen Bruder Martin überzeugen konnte, den damals 39-Jährigen in einem Haus der Familie unterzubringen, landete Uiberreither in Sindelfingen – und er blieb. Vermutlich sei es von Seiten Martin Bitzers nicht geplant gewesen, dem ehemaligen Gefangenen länger Schutz zu gewähren. „Doch aus ein paar Tagen, wurden Wochen, Monate, Jahre. Uiberreither hatte bei Bitzer auch eine verantwortungsvolle Position erhalten. Und es gab weder von Seiten der Bundesrepublik noch von Personen das ernst gemeinte Interesse, NS-Täter zu enttarnen“, unterstreicht der Grazer Historiker.

Sindelfinger Rathauschef half mit

Protokolle aus der Kommunalpolitik zeigen auch, der damalige Bürgermeister Arthur Gruber muss Sigfried Uiberreither ebenfalls gedeckt haben. Horst Zecha, selbst Historiker und ehemals Kulturamtsleiter, sagt: „Gruber wurde nur Bürgermeister, weil er eng mit Martin Bitzer war. Dieser wiederum tat seinem Bruder den Gefallen, Uiberreither anzustellen und nicht zu verpfeifen. Am Ende war es wohl so, dass einmal drin in der Sache, keiner mehr den Ausweg fand, das ganze zu beenden.“ Das System funktionierte jahrzehntelang so gut, „weil es darauf ausgelegt war, dass keiner etwas rausfinden soll“, fügt Zecha an. Entsprechend habe es keine Dokumente gegeben, die Grubers Zutun zum Untertauchen hätten aufdecken können.

Wie stark die Fassade hielt, zeigt auch ein Detail aus der etwas sonderbar erscheinenden, aber in Sindelfingen durchaus integrierten Familie Schönharting, wie Stefan Karner erzählt: „In meinen zahlreichen Gesprächen mit den vier Söhnen haben mir diese gesagt, dass sie jeweils mit 14 von ihrem Vater darüber aufgeklärt wurden, dass sie eigentlich Uiberreithers sind. Was genau der Vater sich aber als Gauleiter zu Schulden kommen ließ, das sagte er wohl nicht genau.“

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