RAF-Podiumsdiskussion Warum radikalisieren sich junge Menschen?

Gudrun Ensslin wurde von einer gebildeten Studentin zur Terroristin. Im Haus der Geschichte diskutierten die Podiumsteilnehmer:innen vor 120 Gästen, wie es so weit kommen konnte. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Geschichte der RAF-Terrorist:innen fasziniert immer noch viele. 50 Jahre nach dem Stammheim-Prozess ist das Thema Radikalität unter jungen Leuten aktueller denn je.

Volontäre: Julian Meier (mej)

Was geht in jungen Menschen vor, die ein ganz normales Leben führen und eines Tages plötzlich Menschen töten? Die Häuser in die Luft sprengen, Geiseln nehmen? Wie werden sie zu Terrorist:innen? Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Eine Podiumsdiskussion der Stuttgarter Zeitung in Kooperation mit dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg hat am Dienstagabend versucht, sich möglichen Antworten zumindest anzunähern. Auf der Bühne diskutierten neben den beiden Redakteur:innen der Stuttgarter Zeitung, Lea Krug und Felix Frey, auch Holger Marcks vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena sowie der Ausstellungsleiter des Hauses der Geschichte, Rainer Schimpf.

 

Anlass für den Talk war, dass sich der Prozess gegen die führenden Köpfe der ersten RAF-Generation dieses Jahr zum 50. Mal jährt. Die Stuttgarter Zeitung hat deshalb einen Podcast über das Leben von RAF-Mitbegründerin Gudrun Ensslin aufgenommmen. Ensslin ist ein Musterbeispiel dafür, wie aus einer jungen, gut gebildeten Frau eine Terroristin wurde, die für den Tod von vier Menschen mitverantwortlich war, zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde und sich schließlich im Gefängnis das Leben nahm.

RAF stößt immer noch auf großes Interesse

„Wir haben diesen Podcast gemacht, weil wir uns nicht sicher waren, ob sich junge Menschen wirklich noch für die RAF interessieren“, meint Felix Frey, einer der beiden RAF-Podcast-Hosts. Dabei ist das Thema Extremismus bei jungen Menschen aktueller denn je: Erst in der vergangenen Woche wurden bei einer Razzia fünf junge Männer festgenommen, die Mitglieder der rechtsextremistischen Terrorgruppe „Letzte Verteidigungswelle“ sind. Ihnen wird vorgeworfen, Anschläge verübt oder geplant zu haben. Der Jüngste der fünf Männer ist gerade einmal 14 Jahre alt.

Die beiden Podcast-Hosts Felix Frey und Lea Krug haben sich monatelang intensiv mit der Geschichte der RAF-Terroristin Gurdun Ensslin beschäftigt. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Vielleicht gibt es auch ein Problem bei der Bildung. In der Schule findet die Geschichte der RAF nur wenig Raum. Frey kann sich lediglich an ein Arbeitsblatt erinnern, dass er im Unterricht zur RAF bekommen hatte. Auch bei seiner Podcast-Kollegin Lea Krug wurde das Thema nur am Rande behandelt. Dabei gebe es ein sehr großes Interesse an dem Thema, wie Rainer Schimpf erklärt. Die Ausstellung „RAF – Terror im Südwesten“ im Jahr 2013 ist bis heute die erfolgreichste in der Geschichte des Hauses.

Der Gedanke, revolutionär zu sein

Wie schnell es gehen kann, dass aus jungen Menschen Terrorist:innen werden, zeigt das Beispiel Gudrun Ensslin wie ein Lehrbucheintrag: 1965 engagierte sie sich noch im Bundestagswahlkampf für den SPD-Kandidaten Willy Brandt. Doch statt einer SPD-geführten Regierung bekam das Land eine Große Koalition, in der die Union weiter den Kanzler stellte. Dann kam der geschichtsträchtige 2. Juni 1967, als bei einer Studentendemonstration in West-Berlin der 26-jährige Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde. Der Auslöser dafür, dass fortan Teile der Studentenbewegung zu gewaltsamen Mitteln griffen.

Für Holger Marcks, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena, muss bei der Radikalisierung junger Menschen immer auch „Zeit und Raum“ beachtet werden. Damals in den 1960er-Jahren spürte man das Nachwirken des Nationalsozialismus; auch internationale Faktoren wie der Vietnamkrieg prägten die Zeit. „Da kommt ziemlich viel zusammen. Der Gedanke, revolutionär zu sein, war bei vielen ein treibendes Motiv“, sagt Marcks.

Junge Menschen wurden durch Fernsehbilder angestachelt

Der Prozess der Radikalisierung vollziehe sich bei den meisten relativ schnell. Einschneidende Ereignisse wie jener 2. Juni 1967 seien „nochmal beschleunigende Momente“, findet Marcks. Trotzdem müsse jeder Fall einzeln betrachtet werden. Auch die Persönlichkeit spiele eine wichtige Rolle. Für Schimpf hatte im Fall Ensslin auch der Raum prägenden Einfluss: Die RAF-Terroristin lebte seit 1964 in West-Berlin – zur damaligen Zeit „eingemauert und umgeben von Systemgegnern“. „Das ist ein ganz besonderes Biotop“, betont er. „Da sind Sachen möglich, die in München, Hamburg oder Köln so nicht möglich waren.“

Die erfolgreichste Phase der RAF begann allerdings erst, als die Terrorist:innen bereits im Gefängnis saßen und sich beim Prozess erfolgreich als Folteropfer inszenierten. Andere junge Menschen verfolgten das live im Fernsehen. „Sie bekamen diese Geschichten mit und fühlten sich aufgefordert, etwas zu machen“, sagt Schimpf. So entstanden neue Generationen junger Terrorist:innen. Die Geschichte der RAF endete erst mit ihrer Selbstauflösung Ende der 1990er-Jahre.

Holger Marcks (Mitte) findet, dass man immer auch Raum und Zeit betrachten müsse. Für Rainer Schimpf ist im Fall Ensslin der Raum besonders prägend. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stellt sich nur noch die Frage: Was wäre gewesen, wenn Gudrun Ensslin TikTok gehabt hätte? Da gehen die Meinungen der Expert:innen auseinander. „Ich glaube, sie hätte sich daran abarbeiten können, ohne großen Erfolg zu haben“, sagt Podcast-Host Frey im Hinblick auf ihre hochgestochene Sprache. Marcks widerspricht: „Dieses Hochgestochene hat viel von der Faszination ausgemacht. Sie hätten ihr Geltungsbedürfnis über Social Media ausgelebt. Vielleicht hätte es die RAF dann niemals gegeben?“ Social Media sei wie ein „Ventil“: Man könne dort sehr leicht radikale Ideen verbreiten, aber das wäre für viele auch schon ausreichend. Oder, wie es Moderatorin Carina Kriebernig schmunzelnd zusammenfasste: „Man ist so sehr mit den Inhalten beschäftigt, dass man keine Zeit hat, Bomben zu bauen.“

Wer sich weiter rund ums Thema RAF informieren und die bereits veröffentlichten Folgen des Podcasts hören möchte, ist auf unserer Themenseite zum RAF-Podcast gut aufgehoben:

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