Sara Pierbattisti-Spira erklärt, warum Mental Load vor allem ein Thema bei Müttern ist. Foto: privat/imago/Michaela Begsteiger
Mental Load meint die vielen Kleinigkeiten, die es braucht, um den Familienalltag am Laufen zu halten. Oft übernehmen Frauen diese Aufgabe – und vergessen sich dabei selbst.
Wie Mütter – aber auch Väter – das Stresslevel reduzieren können, darüber spricht die Kommunikationsberaterin Sara Pierbattisti-Spira im Interview. Ihr Buch „Freier Kopf statt Mental Load“, das sie zusammen mit der Psychologin Katharina Wick verfasst hat, ist vor Kurzem erschienen.
Frau Pierbattisti-Spira, was steht heute auf Ihrer To-do-Liste?
Meine Kinder haben Ferien, parallel dazu läuft die Selbstständigkeit weiter, und wir als Familie versuchen gerade, das alles zu kombinieren. Da sind viele Kleinigkeiten im Kopf. Ich lass mich davon aber nicht mehr aus der Ruhe bringen. Ich weiß, was auf meiner endlos langen To-do-Liste länger geparkt bleiben darf und was ich schnell abarbeiten muss. Das gibt mir Sicherheit.
Sind es eher die Frauen, die diese langen gedanklichen To-do-Listen haben?
Erfahrungsgemäß sind es häufig die Frauen. Sie haben im Kopf, wann der nächste Arztbesuch bei den Kindern ansteht, ob der Sohn neue Schuhe braucht oder der Kindergeburtstag der Tochter organisiert werden muss. Es sind diese vielen kleinen Dinge, die es braucht, um den Alltag am Laufen zu halten. Die Summe dieser tausend Kleinigkeiten, die im Hintergrund laufen, bezeichnet man als „Mental Load“.
Warum sind vor allem Mütter von Mental Load betroffen?
Ich glaube, dass das in vielen Familien gar nicht bewusst geschieht, es passiert einfach. Verstärkt wird diese Entwicklung oft durch gesellschaftliche Erfahrungen, Erwartungen und Prägungen, die wir aus unserer Kindheit mitbringen: Frauen haben sich in ihre Mutterrolle zu fügen, Männer sind die Ernährer der Familie. Frauen fällt es oft viel schwerer, aus diesen Rollen auszubrechen, weil es Rahmenbedingungen gibt, welche diese Strukturen zementieren, zum Beispiel der Gender-Pay-Gap, also die Tatsache, dass Männer oft mehr verdienen. Im Sinne des Familieneinkommens erscheint es dann oft logisch, dass die Frau mehr Care-Arbeit zu Hause übernimmt und der Mann mehr arbeiten geht.
Was macht Mental Load so gefährlich?
Mental Load ist wie Stress. Stress kann gut sein, er treibt uns zu Höchstleistungen an. Aber dann muss er auch wieder nachlassen, damit wir eine Erholungsphase haben. Bei Mental Load fehlt diese Erholungsphase, wir sind im Dauerstress. Und dass das nicht gut ist, wissen wir alle. Das kann zu gesundheitlichen Problemen führen, sowohl emotional als auch psychisch und körperlich.
In ihrem Buch erklären Sie, dass zu viel Mental Load zu einer „hochfunktionalen Depression“ führen kann. Was genau ist das?
Es gibt Menschen, die merken gar nicht, dass sie in eine Depression rutschen und einfach immer weiter funktionieren. Sie bemerken nicht, dass sich so viel aufgestaut hat, dass sie innerlich leer sind und nur noch nach außen den Schein wahren. Das ist tückisch, weil es schleichend passiert. Um da wieder rauszukommen, braucht man professionelle Hilfe.
Wie merke ich, dass es zu viel wird? Was sind erste Alarmzeichen?
Wenn ich merke, dass ich mich emotional zurückziehe. Wenn ich körperliche Beschwerden habe wie Zähneknirschen, Verspannungen oder auch Vergesslichkeit. Es sind viele Kleinigkeiten, die jede für sich nicht schlimm ist, die aber in der Summe zeigen können: Hier stimmt was nicht, ich sollte einen Gang zurückschalten.
Und wie schalte ich einen Gang zurück?
Da setzt das Buch an. Im ersten Schritt geht es darum, sich einen Überblick zu verschaffen. Am besten ist es, alles einmal aufzuschreiben, was einem im Kopf rumschwirrt, und dann zu überlegen: Was davon ist eine große Last für mich? Was wuppe ich mit links? Und welche dieser Dinge möchte ich gerne abgeben? Also zumindest, wenn es jemanden gibt, der mir das abnehmen könnte.
Alleinerziehende haben oft niemanden, um ihre Last zu teilen.
Aber auch sie sollten schauen, ob es jemanden in ihrem Umfeld gibt, den sie einbeziehen können. Im nächsten Schritt sollte ich mir überlegen: Was von den Dingen auf meiner To-do-Liste kann ich vereinfachen? Was sollte ich nicht mehr tun? Und was kann effizienter erledigt werden? Das Ziel muss es sein, wieder mehr Freiraum für sich und seine Selbstfürsorge zu haben.
Das Ziel müsse es sein, wieder mehr Freiraum für sich und seine Selbstfürsorge zu haben, sagt Sara Pierbattisti-Spira. Foto: privat
Mit dem Thema Arbeitsteilung beschäftigen Sie sich in Ihrem Buch ausführlicher. In diesem Zusammenhang sprechen Sie von „strategischer Inkompetenz“. Was genau ist damit gemeint?
Das ist ein Phänomen, dass es sowohl in der Arbeitswelt als auch in der Familie gibt. Gemeint ist zum Beispiel die Person, die sagt: „Ich kann das Kind nicht wickeln, die Windel wird immer schief und läuft aus. Mach du das mal lieber.“ So wird man eine unliebsame Aufgabe unter Umständen wieder los. Das passiert nicht immer bewusst.
Und manchmal ist die andere Person sogar froh darüber, eine Aufgabe weiterhin selbst erledigen zu können, oder?
Genau, wenn die andere Person nicht bereit ist loszulassen und eine Aufgabe wirklich abzugeben, zu viel kontrolliert und zu schnell wieder eingreift, kann strategische Inkompetenz nicht überwunden werden. Man muss schon aushalten können, dass der Partner oder die Partnerin was anders und anfangs vielleicht Fehler macht.
Und es ist nicht so, dass Frauen per se besser für Care-Arbeit im Allgemeinen und Windeln wechseln im Besonderen geeignet sind.
Nein, sie machen es, weil es gemacht werden muss. Männer könnten es aber genauso gut. Windeln wechseln liegt nicht in der Genetik. Und die Bindung zum Baby ist nicht angeboren, sie entsteht durch Kontakt. Das bedeutet, dass Väter oder auch Großeltern genauso gut eine Beziehung aufbauen können. Man darf als Mutter also getrost Verantwortung abgeben.
Diesen Punkt sprechen Sie auch in Ihrem Buch an. Dort erklären Sie, dass es nicht um „Hilfe“ geht, sondern darum Verantwortung abzugeben. Wo genau liegt der Unterschied?
Wenn ich sage: „Mein Partner hilft mir im Haushalt“, dann beschreibt das eigentlich schon das Problem. Denn es geht nicht um Hilfe, sondern um Verantwortung. Es ist schließlich der gemeinsame Haushalt. Wenn ich immer noch die Denkarbeit habe, also die Aufgabe formulieren muss, sie begleiten und womöglich kontrollieren muss, dann entlastet es mich nicht. Außerdem ist Hilfe etwas, was ich freiwillig anbiete und wofür ich womöglich auch noch ein Dankeschön erwarte. Verantwortung hat man einfach.
Das heißt, es geht um eine Haltung?
Ja genau, es geht um eine Haltung, um das Selbstverständnis. Verantwortung abgeben heißt zum Beispiel, wenn der Partner mit dem Kind zum Arzt geht, muss er selbst daran denken, den Impfpass mitzunehmen und das Kind in der Betreuung abzumelden. Nur dann ist es eine echte Entlastung.
Wie kommuniziere ich das meinem Partner?
Das geht von beiden Seiten aus. Der eine darf nicht sagen: „Du muss mir ja nur sagen, was ich zu tun habe.“ Sondern er muss sich selbst einbringen und selbst sehen, was zu tun ist. Und wenn ich meinen Mental Load loswerden will und auf meinen Partner zugehe, ist es wenig sinnvoll, ihm meinen Frust der letzten Jahre vor die Füße zu knallen. Man sollte mit Bedacht vorgehen, konkret werden, am besten Beispiele nennen, nicht in Generalkritik verfallen, sondern bei der Sache bleiben. Und am Ende sollte man einen Wunsch äußern, der auf die Zukunft gerichtet ist. Wenn man nicht sorgfältig kommuniziert, geht der Partner oft schnell in die Verteidigung oder er zieht sich zurück. So werde ich weder meinen Mental Load los, noch erweise ich der Partnerschaft einen guten Dienst.
Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Zum Buch Der Ratgeber „Freier Kopf statt Mental Load. In drei einfachen Schritten den unsichtbaren Ballast loswerden“ von Sara Pierbattisti-Spira und Katharina Wick ist erschienen bei Stiftung Warentest. Das Taschenbuch hat 176 Seiten und kostet 20 Euro.
Zur Person Sara Pierbattisti-Spira ist Coach und Kommunikationsberaterin. Sie berät und begleitet vor allem Frauen dabei, berufliche und familiäre Anforderungen erfolgreich miteinander zu vereinbaren, ohne dabei die eigenen Bedürfnisse aus dem Blick zu verlieren. Auf Instagram setzt sie sich als „brombeermama“ für eine entspannte Elternschaft ein.