Es sind gar nicht die langen Haare, die das Nesselgift Thaumetopoein enthalten – vielmehr steckt es in feinsten Härchen, die nicht einmal einen halben Millimeter lang sind und nun auch durch die Stuttgarter Luft fliegen. Foto: Patrick Pleul/dpa
Stuttgart und die Region gehörten in den vergangenen Jahren zu den Hotspots im Land. Die Raupen mit ihren Brennhaaren treten auch dieses Jahr auf. Was die Stadt dagegen unternimmt.
Sechs Mal häuten sich die Raupen des Eichenprozessionsspinners, und vor allem in der fünften und sechsten Phase steigt die Zahl der gefährlichen Brennhaare exponentiell an und damit auch das Risiko für Spaziergänger und Radfahrer, einen allergischen Ausschlag zu bekommen. In der Region Stuttgart hat die fünfte Phase am vergangenen Wochenende begonnen, wie man dem Frühwarnsystem des Deutschen Wetterdienstes entnehmen kann. In den nächsten Wochen sollte man also aufpassen, wenn man im Wald unterwegs ist. Auch auf ein Päuschen unter einer schattigen Eiche sollte man vorsichtshalber verzichten.
Grundsätzlich zählen Stuttgart und die Landkreise Ludwigsburg sowie Böblingen seit einigen Jahren zu den Hotspots im Land. Das sagt Dominik Wonsack von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg (FVA): „Aus diesem Grund ist es sehr wahrscheinlich, dass die Raupen auch dieses Jahr wieder auftreten.“ Die FVA ist zuständig für das Monitoring dieser Schmetterlingsart.
In Stuttgart treten die Raupen erneut stadtweit auf
Frederike Myhsok, Sprecherin der Stadt Stuttgart, bestätigt diese Annahme: Die Raupen würden auch in diesem Jahr „stadtweit“ auftreten. Das aktuelle Aufkommen bewege sich aber insgesamt noch in einem erwartbaren Rahmen. Gemeldete Befallsstellen würden erfasst und beobachtet, und bei Bedarf würden die Raupen mit einem Spezialstaubsauger abgesaugt. Genauere Aussagen seien nicht möglich, auch könne nicht belastbar vorausgesagt werden, wie stark die Raupen in diesem Frühjahr an manchen Orten zum Problem werden könnten.
Lokal hat die Stadt Stuttgart allerdings schon vor einigen Wochen gehandelt und ein Insektizid versprüht, das die Raupen über die Eichenblätter aufnehmen und das die Darmwand der Tiere schädigt. Diese präventive Maßnahme ist nur in den ersten Stadien der Entwicklung des Eichenprozessionsspinners sinnvoll. An „ausgewählten Standorten“ sei vom Boden aus behandelt worden; ein Hubschrauberflug habe nicht stattgefunden, so Frederike Myhsok.
Auch in der Region Stuttgart werden teils Insektizide eingesetzt
Auch in Holzgerlingen (Kreis Böblingen) ist in diesem Jahr der Waldfriedhof vorsorglich gespritzt worden, nachdem 2025 ein starker Befall vorhanden gewesen war. In Leonberg ging man an Waldrändern, Grünanlagen oder in der Nähe von Schulen und Spielplätzen gegen die Raupen vor – ein Spezialfahrzeug sprühte ein Insektizid auf die Baumkronen.
Die Brennhaare können Quaddeln auf der Haut oder auch Atembeschwerden auslösen, denn sie enthalten das Nesselgift Thaumetopoein. Die Raupen sind ja üppig behaart, aber die eigentlich gefährlichen Brennhaare sieht man kaum: Sie sind nur 0,05 bis 0,4 Millimeter lang und können mehrere hundert Meter vom Wind davon getragen werden, wie es in einer ausführlichen Broschüre der FVA heißt.
Als letztes Mittel kann ein Spritzmittel gegen die Eichenprozessionsspinner eingesetzt werden. Es kann vom Boden aus oder von einem Hubschrauber aus versprüht werden - das Bild zeigt die Düsen an einem Helikopter. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Kleidung waschen, Augen ausspülen
Wer in Kontakt getreten ist mit den Brennhaaren oder auch mit den Gespinsten, sollte seine Kleidung im Freien wechseln und mit 60 Grad waschen, empfiehlt die FVA. Man sollte gründlich duschen und wenn nötig, die Augen mit klarem Wasser ausspülen. Der Ausschlag lässt sich mit Cremes, die Kortison enthalten, oder mit Antihistaminika bekämpfen. Er kann zwei Wochen anhalten. Bei stärkeren Symptomen empfiehlt sich auf jeden Fall der Gang zum Haus- oder Hautarzt. Eine notfallmäßige Behandlung sei aber nur sehr selten notwendig, heißt es.
Spätestens im Juli ist der Spuk mit den Eichenprozessionsspinnern vorbei, dann werden aus den Raupen unscheinbare graue und völlig harmlose Nachtfalter. Sie leben, da ihre Mundwerkzeuge verkümmert sind, nur wenige Tage.
Der absolute Schwerpunkt des Auftretens innerhalb Baden-Württembergs war im letzten Jahr Aalen im Ostalbkreis gewesen. Dort konnten Sportstätten im Rohrwang, auch das Stadion des VfR Aalen, wochenlang nicht benutzt werden; auch Mitarbeiter des nahen Krankenhauses klagten über Probleme. Aus diesem Grund wurden dort Anfang Mai diesen Jahres auf 170 Hektar Waldfläche die Insektizide Foray ES und Mimic per Hubschrauber ausgebracht, um den Bestand zu dezimieren. Das ist eine sehr aufwändige und sehr teure Angelegenheit, da die Waldgebiete etwa abgesperrt werden müssen.
Für Dominik Wonsack ist der Einsatz von Spritzmitteln immer das letzte Mittel, da dabei auch viele andere und auch schützenswerte Schmetterlingsarten umkommen: „Da gilt es gut abzuwägen.“ Das Biozid Foray ES wirke aber nur auf blattfressende Raupen und etwa nicht auf Käfer. Und es baue sich innerhalb weniger Tage wieder ab. Eine Alternative ist das Absaugen der Raupen; das geht aber nur auf kleineren Flächen.
Naturschützer lehnen Spritzmittel nicht grundsätzlich ab
Sven Selbert vom Nabu-Bundesverband sieht Foray ES ebenfalls als „softe Variante“, das akzeptabel sei, wenn die betroffenen Waldgebiete in der Nähe von Siedlungen liegen oder wenn viele Besucher im Wald unterwegs seien. Das Mittel Mimic sieht er sehr viel kritischer, weil es länger in der Umwelt bleibe. Der Einsatz sei höchstens im Umfeld von sensiblen Orten wie Krankenhäusern zu erwägen: „Im sonstigen Außenbereich lehnen wir es grundsätzlich ab.“ Auch das Umweltbundesamt hält den Einsatz von Insektiziden beim Eichenprozessionsspinner nur dann für hinnehmbar, wenn sowohl ein hohes Vorkommen der Raupen als auch ein hoher Besucherdruck bestehe.
Der Eichenprozessionsspinner ist übrigens keine invasive Art, sondern gehört zur Tiergesellschaft auf Eichen dazu. Seit den 1980er Jahren gibt es aber immer wieder Populationsspitzen - dann können bis zu 100.000 Raupen auf einer Eiche leben. Teilweise sterben auch die Eichen ab, wenn über mehrere Jahre hinweg die Blätter weggefressen werden.