Rechtschreibkenntnisse von Schülern Lehrerverband: „Wir brauchen wieder Diktate!“

Deutschunterricht in einer 9. Klasse Foto: Rainer Weisflog/IMAGO

Die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, sieht bei deutschen Schülern die Studier- und Ausbildungsfähigkeit durch schlechte Rechtschreibung eingeschränkt.

Korrespondenten: Tobias Peter (pet)

Ohne Druck durch Noten und Prüfungen wird sich die Rechtschreibung der Schüler nicht verbessern lassen, ist die Chefin des Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, überzeugt.

 

Frau Lin-Klitzing, sind die Rechtschreibkenntnisse der Schülerinnen und Schüler in Deutschland schlechter geworden?

Ich habe zahlreiche Rückmeldungen von Lehrkräften und von Dozenten aus Universitäten. Das eindeutige Bild ist: Um die Rechtschreibkenntnisse der deutschen Schüler und Schulabgänger ist es oft dramatisch schlecht bestellt – weit schlechter als in früheren Jahren. Auch aus meiner eigenen Erfahrung als Professorin kann ich sagen: Haufenweise Rechtschreib- und Kommafehler in Hausarbeiten oder Abschlussarbeiten sind keine Seltenheit mehr.

Leidet die Studierfähigkeit? Fehlt es an den Grundfertigkeiten, die Schulabgänger auch für eine Lehre brauchen?

Wenn jemand nicht weitgehend fehlerfrei schreiben kann, ist seine Fähigkeit, ein Studium gut zu absolvieren, definitiv eingeschränkt. Für eine Ausbildung gilt das auch. Egal ob Sie Ingenieurin, Lehrer oder Tischler werden: Der Sinn der Rechtschreibung besteht darin, dass Kommunikation auch wirklich gelingt. Das Ziel von Schule muss sein, dass Menschen kompetent und sicher am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Das geht nur mit einem guten mündlichen und schriftlichen Ausdruck.

Mancher argumentiert, die Rechtschreibung könne im Zweifel auch eine Künstliche Intelligenz übernehmen.

Ein sorgfältiger Umgang mit der eigenen Sprache zeugt von Wertschätzung gegenüber den Menschen, mit denen man kommuniziert. Wer richtig schreibt, zeigt, dass es ihm wichtig ist, verstanden zu werden. Es ist eine Zumutung, zwischen lauter Fehlern erst einmal nach dem Sinn suchen zu müssen. Künstliche Intelligenz ist eine gute Sache. Doch wer sie bewusst einsetzen will, muss wissen, was richtig ist. Sonst liefert sich der Mensch der Maschine aus.

Verfallen Sie hier dem Lamento, dass früher alles besser war?

Nein, das ist wirklich nicht meine Sicht. Wenn wir über schlechte Rechtschreibkenntnisse reden, liegt der Fehler auch nicht zuerst bei den Jugendlichen – die sind genauso schlau oder begriffsstutzig wie wir damals. Politik und Gesellschaft müssen überlegen, was falsch läuft, zum Beispiel in den Schulen. Und wie die Weichen anders und besser gestellt werden können.

Dann lassen Sie uns konkret werden. Welche Probleme gibt es, und was muss sich in den Schulen ändern?

In den Lehrplänen ist mittlerweile zu wenig Zeit zum Einüben von Rechtschreibung und Kommasetzung vorgesehen. In den fünften bis zehnten Klassen brauchen wir eine Stunde Deutschunterricht pro Woche mehr. Wir brauchen wieder Diktate! Die gibt es in der Mittelstufe oft gar nicht mehr. Generell gilt: Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik müssen bei den Zensuren eine Rolle spielen. Wenn die Anreize wegfallen, das richtige Schreiben zu üben, schleifen sich Fehler dauerhaft ein. Hier muss die Bildungspolitik entschieden umsteuern.

Ohne Notendruck geht es nicht?

Ich fürchte nein. Momentan vermitteln wir Kindern und Jugendlichen den Eindruck: Es ist egal, ob ihr wisst, wie ein Wort richtig geschrieben wird und wo das Komma im Satz hinkommt. Wenn ich zusätzlichen Deutschunterricht fordere, geht es mir aber nicht nur darum.

Sondern?

Es muss in der Mittelstufe mehr Zeit geben, dass sich die Klasse mit Lektüren beschäftigt. Nur wer in diesem Alter ausreichend viel liest, entwickelt ein echtes Gefühl für Sprache und trainiert die eigene Vorstellungskraft. Wer nur noch auf Außenreize reagiert – den Clip im Internet, die Animation im Computerspiel – droht auch in Sachen Fantasie zu verarmen. Das kann uns doch nicht egal sein. Längere Texte lesen zu können ist Jogging für das Gehirn.

Stichwort Außenreize. Würde es helfen, Handys aus den Schulen zu verbannen?

Ich bin dafür, digitale Geräte zu benutzen, wenn es im Unterricht angebracht ist. Ich glaube aber nicht, dass das Privathandy dafür ein geeignetes Instrument ist. Dafür braucht es schulische Tablets, die der Lehrer verteilen kann, wenn es passend ist. Meine Vorstellung ist: Die privaten Handys dürfen zwar mit zur Schule gebracht werden, sollten dann aber möglichst für den ganzen Unterrichtstag abgegeben werden. Im Notfall kann es davon immer Ausnahmen geben. Aber es geht darum, wieder zu lernen, sich nicht den ganzen Tag vom Handy ablenken zu lassen. Diese Abhängigkeit ist zu reduzieren. Wenn man ehrlich ist, täte das ja auch uns Erwachsenen gut.

Sind für all das nur die Schulen verantwortlich? Was ist mit den Eltern?

Die können viel tun. Den Kindern vorzulesen und mit ihnen in die Bibliothek zu gehen, ist wichtig. Und natürlich können auch klare Regeln für den Umgang mit Handy, Fernsehen und Computer helfen. Im Idealfall gelingt es, manches überzeugend vorzuleben.

Eine Erziehungswissenschaftlerin an der Spitze

Professorin
Susanne Lin-Klitzing wurde 1963 in Bremerhaven geboren. Sie ist Erziehungswissenschaftlerin und hat als Professorin in Marburg gelehrt.

Vorsitzende
Seit Ende 2017 ist Lin-Klitzing Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, dem sie seit 1994 angehört. Sie ist die erste Frau an der Spitze des Verbandes, der Lehrkräfte an Schulen, die aufs Abitur vorbereiten, vertritt.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Interview Schulen Bildung Studium Handy