Rechtschreibung Filen Eltern sten die Hare zu Berge

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Selbstständig Lernen steht in der Kritik. Eine Rückkehr zu alten Methoden ist aber auch keine Lösung. Es geht auch um die Lust der Kinder am Formulieren.

Eltern sind darüber besorgt, dass ihre Kinder nicht richtig Schreiben lernen. Foto: dpa
Eltern sind darüber besorgt, dass ihre Kinder nicht richtig Schreiben lernen. Foto: dpa

Stuttgart - Alarmiert durch eine „Spiegel“-Titelgeschichte im Sommer dieses Jahres verfolgen besorgte Eltern von Erstklässlern nun Buchstabe für Buchstabe den Schriftspracherwerb ihrer Sprösslinge. Auf Elternabenden werden die Lehrer neuerdings häufiger mit Kritik an der Methode des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen und dessen sogenannter Anlauttabelle konfrontiert – obwohl das Konzept „Lesen durch Schreiben“ bereits aus den 70er Jahren stammt und vermutlich kaum noch in Reinform Anwendung findet.

Schon bei dem Gedanken, dass Kinder schreiben dürfen, wie sie wollen, stehen vielen Eltern die Haare zu Berge: Wenn Kinder bis zum Ende der zweiten Grundschulklasse alles falsch schreiben dürfen und Fehler erst von der dritten Klasse an korrigiert werden, könnten sich dauerhaft Fehler einschleichen. Möglicherweise verfahren einige wenige Lehrkräfte tatsächlich so. Überwiegend jedoch kombinieren Grundschullehrer verschiedene Methoden und entwickeln mit der Zeit einen Unterricht, in dem sie die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder berücksichtigen.

Erneut angeheizt wurde die Debatte durch einen Beitrag des Germanistikprofessors Wolfgang Steinig der Universität Siegen. Er hat kürzlich ebenfalls im „Spiegel“ den Bildungsnotstand ausgerufen. In seinem Artikel schreibt er: „So kann es jedenfalls nicht weitergehen. Unsere Schrift sollte von Anfang an so vermittelt werden, wie sie tatsächlich funktioniert.“ Nicht nach dem Prinzip „ein Laut – ein Buchstabe“, sondern nach regelhaften Mustern.

Die deutsche Rechtschreibung ist in der Tat hochgradig reguliert: Etwa 95 Prozent der Wörter kann man aus Regeln ableiten. Die Lehrer entscheiden oftmals selbst, wie und zu welchem Zeitpunkt sie diese den Kindern beibringen.

Stefan Jeuk, Professor und Leiter des Sprachdidaktischen Zentrums an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg, versucht, die Sache so neutral wie möglich zu betrachten. Wissenschaft, sagt er, sei nicht immer frei von Emotionen und Eitelkeiten. Er selbst versuche, nicht einer bestimmten Schule anzugehören, sondern die Vor- und Nachteile der Ansätze zu vergleichen. So hält er es auch in seinen Publikationen. In dem Buch „Schriftsprache erwerben“, das er gemeinsam mit dem Kollegen Joachim Schäfer verfasst hat, werden didaktische Modelle und Methoden für den Unterricht dargestellt sowie deren Vorzüge und Nachteile erläutert.

Jeuk sagt: „Schriftspracherwerb ist ein sehr komplexer Vorgang. Neben kognitiven Voraussetzungen und Vorerfahrungen spielen Dinge wie Lust, Motivation, Freude und Interesse eine Rolle.“ Es gebe inzwischen einige Studien zum Thema Schriftspracherwerb. Alle kämen im Grunde zu dem Ergebnis, dass keine Methode die Führung beanspruchen kann. Kein Konzept könne guten Unterricht oder erfolgreichen Schriftspracherwerb garantieren. Es komme neben der Methode vor allem auf den Lehrer und die Rahmenbedingungen an. Lehrer müssten, so Jeuk, „die Struktur und Regelhaftigkeit der Schrift“ den Kindern ihrem aktuellen Wissensstand entsprechend vermitteln. „Nach meiner Erfahrung unterrichten Lehrkräfte in den seltensten Fällen ausschließlich nach einer Methode.“

Jeuk selbst hat als Lehrer mit der Reichen-Methode und dessen Anlauttabelle angefangen, diese dann aber an einigen Stellen verändert. Für ihn war es „eine Befreiung nach dem lehrerzentrierten Unterricht“. Mit dem neuen Werkstattunterricht konnte er den Kindern ein Angebot machen. Das sei auch deshalb so wichtig, weil es in einer ersten Klasse eine enorme Bandbreite kognitiver Entwicklungsstände gebe – man spricht von bis zu zwei Jahren Unterschied. Somit sei schon die Idee, mit allen genau das Gleiche zu machen, problematisch. Diese Unterschiede würden sich im Laufe der ersten beiden Schuljahre jedoch teilweise nivellieren.