Region Stuttgart Ehemalige berichten – Glücklich an der Waldorfschule, aber auch mal angeeckt

Jonathan Buchholz (links) und Daniel Olm (jeweils mit einem aktuellen Foto und einem Bild aus Kindertagen) haben ihre Waldorf-Schulzeit in guter Erinnerung. Foto: privat

Ihre Pädagogik ist umstritten: Namen tanzen statt Leistung bringen, Handarbeiten statt Naturwissenschaften. Was ist dran an solchen Behauptungen? Ehemalige Schüler berichten.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Die Waldorfpädagogik basiert auf den Ideen der Anthroposophie. Begründet wurde diese esoterische Weltanschauung Ende des 19. Jahrhunderts von Rudolf Steiner – und seit jeher gab es glühende Anhänger und vehemente Kritiker. Auch die Waldorfschulen polarisieren bis heute. Anlässlich des 100. Todestags von Rudolf Steiner am 30. März geben drei Gesprächsprotokolle Einblicke in eine etwas andere Kindheit und Jugend.

 
Daniel Olm hat als Kind eher auf Sparflamme gelernt, dann aber Gas gegeben und studiert. Foto: privat

Von der Waldorfschule gut aufs Leben vorbereitet

Ich kenne die staatliche Schule nicht. Ich war auf der Waldorfschule Engelberg in Winterbach und habe nach zwölf Jahren die Mittlere Reife gemacht. Danach bin ich für die Fachhochschulreife ein Jahr auf die Rudolf-Steiner-Schule in Nürtingen.

Ich habe mich auf der Waldorfschule sehr wohl gefühlt. Ich war kein arg fleißiger Schüler. Das mag dem geschuldet sein, dass ich keinen großen Druck verspürte. Wir haben in Epochen gelernt, das fand ich gut. Wenn man sich über längere Zeit mit einem Thema beschäftigt, prägt es sich besser ein. Wir mussten Epochenhefte anfertigen und zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeben. Das war bei mir meist auf Sparflamme. Heute denke ich, dass ich ein bisschen mehr hätte machen können.

Erst als es auf die Prüfungen zuging, wurde der Druck stärker. Es sind ja dieselben Prüfungen wie an den staatlichen Schulen. Aber das Lernen war für mich auch dann nicht belastend. Dass die Waldorfschulen die Naturwissenschaften vernachlässigen, kann ich so nicht bestätigen. Ich habe Wirtschaftsingenieurwesen studiert und bin gut durchgekommen.

Der Unterricht war sehr abwechslungsreich. Neben den normalen Schulfächern gab es viel Praktisches wie Holzbearbeitung, Handarbeit und Goldschmieden. Auch das Künstlerische und das Theaterspielen hat mir gefallen. Ich habe gelernt, frei vor anderen Leuten zu sprechen. Ich denke, dass die Waldorfschule breiter aufs Leben vorbereitet. Als esoterisch habe ich meine Waldorfschule nie empfunden. Auch wenn Eurythmie sicher ein bisschen meditativ war.

Besonders interessant waren die außerschulischen Aktivitäten wie das Sozialpraktikum. Da war ich drei Wochen lang in einer Einrichtung mit behinderten Menschen. Das vergisst man nicht. Wir hatten auch an Landwirtschaftspraktikum und waren zum Feldmessen auf der Schwäbischen Alb. Ich kenne aber auch einige, die auf der Waldorfschule nicht glücklich geworden sind.

Jenseits der Waldorfschule hatte meine Familie nur wenig mit der Anthroposophie zu tun. Meine Mutter war Grundschullehrerin an einer staatlichen Schule. Ab der Neunten hatte ich einen Klassenlehrer, der Professor für Pädagogik war, und meine Mutter im Studium unterrichtet hatte. Er ist dann von der Hochschule weg, um Waldorflehrer zu werden. Bei ihm hatte ich immer das Gefühl, das ist ein ganz bodenständiger Mensch. Er hat sogar einen alten Computer angebracht, an dem wir rumprobieren konnten. Zu ihm habe ich aufgeschaut, er hat mich geprägt. Ich hatte nie das Gefühl, von Lehrern schlecht oder unfair behandelt zu werden. Wir hatten fast schon ein gutes Verhältnis.

Daniel Olm (45) wohnt in Baltmannsweiler, arbeitet als Rettungssanitäter beim DRK und hat einen Handel für Heizungen und deren Bauteile.

„Homeschooling im Corona-Lockdown hat Lücken deutlich gemacht“

Meine Waldorfzeit habe ich gut in Erinnerung. Ich kam in der sechsten Klasse vom Gymnasium auf die Waldorfschule in Nürtingen. Es war viel gemütlicher als meine alte Schule. Im Gymnasium war es sehr kalt, der Stoff ging sehr schnell voran, ich habe mich immer unter Druck gesetzt gefühlt, mir hat auch vieles keinen Spaß gemacht. Mein Lehrer hat dann gespürt, dass ich mich nicht wohlfühle und meinen Eltern vorgeschlagen, sich die Waldorfschule anzuschauen. Wir kannten die vorher nicht.

Auf der Waldorfschule war es anfangs etwas befremdlich, aber mir hat das schnell gefallen. Auch die Klasse war nett und hat mich gut aufgenommen. Es gab nicht so verschiedene Grüppchen, das war sehr angenehm. Ich fand es toll, dass ich gut mithalten konnte, ohne mich groß anzustrengen. Allerdings habe ich es mir deshalb auch etwas sehr gemütlich gemacht. Mit den meisten Lehrern kam ich gut zurecht.

Auch meine beiden Kinder gingen zunächst auf die Waldorfschule. Aber mein Sohn ist in der achten Klasse runter, meine Tochter hat zum siebten Schuljahr gewechselt. Mein Sohn hat sich schwer getan mit dem Lernen, ihm war das zu unstrukturiert. Er konnte in der fünften, sechsten Klasse noch immer nicht gut schreiben. Für ihn wäre es besser gewesen, das Schreiben in Zeilen zu lernen und nicht auf einem weißen Blatt Papier. Dann kam der Corona-Lockdown und wir mussten zu Hause lernen. Da habe ich gesehen, was für Probleme und Lücken er hat. Er ist an ein privates Gymnasium mit kleinen Klassen gewechselt, hat ein Schuljahr wiederholt, dann aber den Anschluss geschafft. Die größten Lücken hatte er in Deutsch, Mathe war okay, und an den Naturwissenschaften ist er ohnehin interessiert.

Bei meiner Tochter war es anders. Sie konnte schon schreiben, als sie in die Schule kam. Doch es hat ihr an der Waldorfschule nicht so gut gefallen. Sie ist eine logische und ehrgeizige Person. Ihr war das Lerntempo zu langsam, sie hat sich gelangweilt. Allerdings ist sie auch eine sehr kreative Person. Der künstlerische Fokus war für sie toll.

Und ich habe auch damals schon einen Schritt weitergedacht: Wenn es für meine Kinder Richtung Abitur gehen sollte, wollte ich das für sie in einer anderen Form als an der Waldorfschule üblich. Mir war es wichtig, dass sie sich darauf etwas längerfristig vorbereiten können und nicht nur am Ende die Prüfungen schreiben. Mich hat es auch gestört, dass die Kinder nie Hausaufgaben hatten. Für mich war das nicht logisch, wie man so auf den gleichen Wissensstand wie an einer öffentlichen Schule kommen soll.

Die Gesprächspartnerin wohnt im Landkreis Esslingen, möchte mit Rücksicht auf ihre Kinder aber anonym bleiben.

Jonathan Buchholz hat nur gute Erinnerungen an seine Waldorf-Schulzeit, obwohl er auch mal angeeckt ist. Foto: privat

„Waldorfschule muss sich dem aktuellen Zeitgeist zuwenden“

Meine Schwester hat eine geistige Behinderung. Für sie war die Michael-Bauer-Schule in Stuttgart-Vaihingen ein großartiger Ort. Ich bin überzeugt, dass für Menschen, die in der ungeschützten Gesellschaft große Schwierigkeiten hätten, eine anthroposophische Umgebung das Beste ist. Ich kenne keine anderen Ansätze, die so humanistisch und liebevoll sind, und so eine schöne Balance finden zwischen Normalität und Schutzraum.

Auch an meine eigene Waldorf-Schulzeit in Vaihingen habe ich nur gute Erinnerungen. Sie war geprägt von Freiheit, das Angebot war vielfältig. In der elften Klasse gab es ein Gesangsprojekt, alle wurden intensiv gebeten, ein Schuljahr lang Gesangunterricht zu nehmen. Ich weigerte mich zunächst, ließ mich dann aber doch darauf ein. Am Ende habe ich allein vor 300 Leuten gesungen. Das war eine wertvolle Erfahrung.

Aber ich bin auch angeeckt. Ich hatte als Junge schwarze T-Shirts mit Totenköpfen oder Skeletten an. Mein erster Klassenlehrer fand das nicht so cool. Der war von der alten Schule. An solchen Stellen merkt man, dass die Waldorfpädagogik, wenn sie nicht mit dem aktuellen Zeitgeist belebt wird, versteinert. Das ist zu Recht einer der Hauptkritikpunkte. Wenn sie sich aber dem neuen Zeitgeist zuwendet, kann die Waldorfschule meiner Meinung nach ein tolles Umfeld sein.

Ich glaube nicht, dass die Waldorfschule per se ein überlegenes System ist. Man muss sich das Kind anschauen: Was hat es für Bedürfnisse und Stärken, was braucht es? Und für manche ist das die Waldorfschule. Ich hatte auch Freunde, bei denen ich mir vorstellen könnte, dass sie in einem anderen System besser aufgehoben gewesen wären, also in einer Schule, in der es nicht so viele Freiheiten gibt.

Dass die Waldorfschulen die Naturwissenschaften vernachlässigen, ist vielleicht eine berechtigte Kritik. Ich für mich kann das aber nicht bestätigen. Ich hatte bei meinem naturwissenschaftlichen Studium keine Anschlussschwierigkeiten. Allerdings habe ich mich als leistungsorientierter Typ in der Waldorfschule nach Noten gesehnt. Da war ich auch nicht der Einzige.

Retrospektiv empfinde ich es als Nachteil, dass wir am Ende nur die Abiturprüfungen geschrieben haben, und nicht wie an der staatlichen Schule vorher im Kurssystem Punkte für unseren Abschluss sammeln konnten. Denn so ist die Abi-Note eine Momentaufnahme. Es kann immer passieren, dass es einem am Tag der Prüfung nicht gut geht. Und an den meisten Waldorfschulen ist es dann diese eine Prüfung, die zählt. Ich frage mich, ob man nicht – vereinbar mit den Waldorfideen – auf ein Konzept kommen kann, das Leistung ein bisschen valider widerspiegelt.

Natürlich wurde ich als Waldorfschüler auch mal belächelt, zum Beispiel in meinem Fußballverein. Ja, ich habe Fußball gespielt, obwohl die Waldis das nicht so gern sehen, Aber wir haben das alle gemacht. Gelitten habe ich unter abfälligen Bemerkungen nicht. Im Gegenteil, ich habe ein Selbstbewusstsein entwickelt. Die Kommentare waren auch nie wirklich gehässig. Und ich konnte nachvollziehen, dass für andere Kinder beispielsweise Eurythmie befremdlich ist.

Jonathan Buchholz (26) ist systemischer Psychotherapeut in Ausbildung und Doktorand in der kognitiven Neurowissenschaft an der Psychologischen Hochschule in Berlin.

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