„Reichsbürger“-Prozess in Stuttgart „Das kam alles mit Corona“ – Angeklagter bereut Radikalisierung

Beim Prozessauftakt verbirgt der Angeklagte sein Gesicht hinter Akten. Foto: Bernd Weißbrod/dpa (Archiv)

Ein mutmaßlicher „Reichsbürger“, der Teil des militärischen Arms der Terrorgruppe um Prinz Reuß gewesen sein soll, berichtet unter Tränen, wie er auf Corona-Demos in Kontakt mit der Szene kam. Heute sehe er alles mit anderen Augen.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Am Nachmittag kann er wieder lachen: Der 58-Jährige aus Horb, der zur mutmaßlichen „Reichsbürger“-Terrorgruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß gehört haben soll, wirkt wie erleichtert nach seiner ausführlichen Aussage zu seiner Person und seinen Lebensumständen. Das war am Vormittag noch anders. Mehrfach war der Angeklagte im Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichts in Stammheim in Tränen ausgebrochen. Doch als alles raus ist, was sein Leben durcheinander gebracht hatte, gipfelnd in der Corona-Zeit, wirkt er erleichtert, wie er da hinter der Panzerglasscheibe sitzt.

 

Acht Männer sitzen in Stammheim auf der Anklagebank

Neben dem 58-Jährigen sind sieben weitere Männer auf der Anklagebank. Das Verfahren in Stuttgart befasst sich mit dem militärischen Teil der Terrorgruppe um Prinz Reuß. Diese soll einen Umsturz in Deutschland geplant haben. Begleitend zu den Vorbereitungen soll mit dem Aufbau sogenannter Heimatschutzkompanien begonnen worden sein. Die Heimatschutzkompanie Nummer 221 hätte der 58-Jährige aus Horb leiten sollen, das wirft ihm die Anklage vor.

Ein Stapel eng handschriftlich gefüllter Blätter liegt vor dem Mann aus Horb, der in seiner Heimatstadt eine zentrale Rolle in der „Querdenker“-Bewegung gespielt hatte. In die Zeit der Pandemie fällt auch seine Radikalisierung und sein Weg in die „Reichsbürger“-Szene. Vor Gericht zeigt er sich reuig und offenbar nicht erst hier: Er habe Kontakt zu Konex aufgenommen, schon im vergangenen Sommer. Das ist das Kompetenzzentrum gegen Extremismus des Landes Baden-Württemberg, das Aussteiger berät. Über sein Verhalten in der Corona-Pandemie, seine Rolle als Organisator von Demos und seine mit der Erwartung eines Blackouts und danach eines Umsturzes begründete Verweigerung, Steuern und andere Abgaben zu zahlen, sagt der Handwerker aus Horb: „Ich habe an mir selber vorbei gelebt.“

Heinrich XIII. Prinz Reuß wird im Dezember 2022 festgenommen. Foto: dpa/Boris Roessler

Der Angeklagte berichtet aber nicht nur über seine Irrwege in der Corona-Zeit. Sein ganzes Leben breitet er aus. Er fängt in den Kindertagen an. Die waren alles andere als unbeschwert. Die Eltern hätten „keine Liebesheirat“ gehabt. Der Haussegen hing offenbar schief. Da er dem Vater so ähnlich gewesen sei, habe er den Frust der Mutter abbekommen. Etliche Haarbürsten und Kochlöffel habe sie an ihm zerschlagen.

Auch die eigene Familiengründung brachte ihm nicht das ersehnte Glück. In die erste Ehe fühlte er sich gedrängt von der Mutter seiner Freundin. Diese sei „trotz Pille schwanger geworden“. Drei Kinder entsprangen der Beziehung. Als die Eltern sich schließlich trennten, kam es zum Streit, bei wem die Kinder sein sollten. Eine weitere Ehe scheitert ebenfalls, auch mit der zweiten Frau hat er ein Kind.

Und dann kam Corona, nach zwei Trennungen, einem gescheiterten Hausbau. Er habe sich informiert und Zweifel bekommen an der Gefährlichkeit der Krankheit. Fing an, auf Demos gegen die Schutzmaßnahmen zu gehen. Organisierte „Lichter-Gänge“ und einen Autokorso in Horb. Vor der Schule seines jüngsten Sohnes stellt er sich einem Impfbus in den Weg. Auf den Demos habe er von „Reichsbürgern“ erfahren und Kontakte aufgenommen. Und gehört, dass die Bundesrepublik nicht wirklich existiere. Das habe er unter anderem aufgrund eines Videos, in dem Angela Merkel eine überreichte Deutschlandfahne in die Ecke geworfen haben soll, gedacht. Die Radikalisierung, zu der er durch die „Querdenker“-Szene kam, soll dazu geführt haben, dass der 58-Jährige in die Rolle des Leiters der „Heimatschutzkompanie“ kam. Er habe sein Grundstück für Treffen zur Verfügung gestellt, wirft ihm die Anklage vor.

Die Steuern und Abgaben habe er inzwischen alle nachbezahlt, weil ihm klar geworden sei, dass all die düsteren Theorien der „Reichsbürger“ nicht stimmen. Fast entschuldigend sagt er: „Ich habe doch ein Leben lang immer funktioniert. Das kam ja alles mit Corona, weil ich dachte, jetzt bricht alles zusammen.“

Der Prozess wird am Mittwoch und am Freitag mit der Befragung des 58-Jährigen fortgesetzt.

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