Reise entlang der Murg Die schönste Flusslandschaft im Land
Die Murg ist zur Flusslandschaft der Jahre 2026 und 2027 erkoren. Eine Reise von ihrer Rheinmündung hinauf bis zur Quelle mit dem Angler und Naturschützer Werner Dautner.
Die Murg ist zur Flusslandschaft der Jahre 2026 und 2027 erkoren. Eine Reise von ihrer Rheinmündung hinauf bis zur Quelle mit dem Angler und Naturschützer Werner Dautner.
Werner Dautner hat einen Traum: Irgendwann, vielleicht geht er dann ja schon am Rollator, wird er es noch erleben, dass er sich an seine Bank an der Murg setzt und plötzlich eine Rückenflosse sieht. Und dort, noch eine. Und noch eine. Dann werden die Lachse endlich wieder da sein.
Früher war die Murg, ein Nebenfluss des Rheins, der wichtigste Lachsfluss Badens. Dann kam die Industrialisierung. Die Murg wurde begradigt und zu einem Vehikel für Abwasser sowie einer wichtigen Quelle für Strom: Turbinen ersetzten die vielen Mühlen, immer mehr Wehre durchzogen den Fluss und versperrten Fischen den Weg. Der letzte Murglachs ging 1929 ins Netz.
Heute ist die Murg wieder sauber, einigermaßen. Mehr als 30 Fischarten leben inzwischen wieder in dem Fluss. Jedes Jahr finden auch vereinzelt Lachse ihren Weg aus dem Atlantik zurück in die alte Heimat. Seit 2001 gibt es in Baden-Württemberg ein Programm zur Wiederansiedlung des Lachses. Doch noch kommen zu wenige, um wirklich von einer erfolgreichen Rückkehr sprechen zu können. Die letzte Hürde für den Artenschutz? Ausgerechnet grüne Wasserkraft.
Wer dabei mit dem Finger reflexartig auf die großen Energiekonzerne zeigt, liege falsch, sagt Werner Dautner, der Vorsitzende des Angelsportvereins Rastatt. Die kleinen Wasserkraftanlagen seien es, die sich noch immer querstellten.
Werner Dautner hat blaue Augen, blaue Brillenbügel, trägt einen blauen Fleecepullover. Blau oder grün, die Farben trägt er am liebsten – eine Hommage an seinen Fluss. Als fünfjähriger Bub warf er das erste Mal eine Angel aus, Vater und Großvater waren schon Angler. Als Werner dem Verein beitrat, war er gerade neun. Durch sein jahrzehntelanges Engagement weiß er: Angeln und Natur schützen, das gehört zusammen.
Heute ist Dautner 65. Er sagt, dass es womöglich eng werde mit seinem Traum. Trotzdem kann er kaum glauben, was sich in den vergangenen Jahren hier getan hat. An diesem Märztag führt er den Besucher die Murg entlang – flussaufwärts, den Weg, den auch die Lachse zum Laichen gehen.
Kurz bevor die Murg in den Rhein mündet, gleitet sie geräuschlos dahin. Geradlinig und gleichmäßig, in ihr Steinkorsett gezwängt. Im Vorland zwischen Fluss und Deich grasen Gänse, lauern Graureiher und Störche. Eine Nutria flüchtet sich ins Wasser. Flussaufwärts zeichnen sich die Berge des Schwarzwalds ab, Schicht für Schicht, in immer blasser werdendem Blau, das am Horizont mit dem Himmel verschwimmt. 80 Kilometer und 900 Höhenmeter fließt die Murg von ihrer Quelle hinab bis in den Rhein.
Dautner hat Brezeln mitgebracht. Er stellt sein Auto neben der Bundesstraße ab, durch eine Unterführung geht es zur Murg. Hinter ihm rauschen die Autos vorbei. Vor ihm, auf der anderen Flussseite, hört man eine Turbine leise surren. Hier mündet ein Industriekanal zurück in die Murg.
An dieser Stelle fiel Anglern 2003 ein meterlanger, heller Streifen auf. Das Flussbett war aufgewühlt. Ein Laborbericht bestätigte: Die erste Laichgrube eines Lachses in der Murg seit fast einem Jahrhundert.
Welch ein Erfolg! Kurz zuvor waren hier zwei Inseln sowie eine lange Flügelbuhne angelegt worden, die sich durch das Flussbett zieht und das Wasser etwas aufstaut. Zwei weitere Stummelbuhnen an beiden Uferseiten sorgen dafür, dass die Murg hier nicht einfach gerade fließt, sondern sich zwischen den Hindernissen hindurchschlängelt. So entstehen Stromschnellen, die Fischen als Wegweiser dienen.
https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.obstbau-am-bodensee-aepfelbaeume-mit-sonnenschirm-hubert-bernhards-solarobst.54245bf1-2de0-41c0-9688-edd7a75c1797.htmlWo Fische sich gerne tummeln, sind Angler nicht weit. Momentan sei das hier seine Lieblingsstelle zum Fliegenfischen, sagt Dautner. Wenn er mit seiner Watthose in die Murg steigt, hat er selbstgebundene Fliegen als Köder dabei. Hasel oder Döbel hat es hier viele. Auch wenn er gar nichts fängt, ist der Ausflug immer lohnenswert. Dann hat er wenigstens die Murg wieder gurgeln gehört.
Dautner erlebte hautnah mit, wie sich der Fluss mit der Zeit erholte. Und wie verschollen geglaubte Fischarten zurückkehrten. Zu den Aufgaben des Angelvereins gehört auch, den Fischbestand zu dokumentieren. Dautner erinnert sich an sein erstes Monitoring: „Wahnsinn, als ich meine erste Bachschmerle oder Elritze aus dem Netz holte.“
Er weiß auch noch genau, wie die Murg mal aussah, wie sie mal roch. Eine schlimme Zeit. Papierfabriken leiteten heißes Wasser in den Fluss. Es heißt, manchmal soll sich die Murg bunt gefärbt haben, je nachdem welches Papier gerade hergestellt wurde. Die vielen Wasserkraftwerke leiteten einen Großteil des Flusswassers in Kanäle um. Über Jahrzehnte fiel der halbe Fluss im Sommer trocken – kein Lebensraum für Fische.
Vor 40 Jahren dann das Umdenken: Durch einen Großbrand gelangten im November 1986 tonnenweise giftige Chemikalien in den Rhein. Hunderttausende tote Fische trieben den Fluss hinab. Im Folgejahr wurde das Aktionsprogramm Rhein ins Leben gerufen. Zur Jahrtausendwende trat die EU-Wasserrahmenrichtlinie in Kraft, die alle Mitgliedstaaten dazu verpflichtet, bis 2027 für sauberes Wasser zu sorgen. Die Naturfreunde Deutschlands und der Angelfischerverband befeuern diese Anstrengungen, indem sie die Murg zur Flusslandschaft der Jahre 2026 und 2027 erkoren haben.
„Wir haben so lange nur genommen, es ist Zeit, etwas zurückzugeben“, sagt Dautner. Doch für Wanderfische wie den Lachs sind längst noch nicht alle Hindernisse beseitigt.
Allmählich wandelt sich die Murg zum Gebirgsfluss. Die Rheinebene geht über in den Schwarzwald. Es ist, als würde die Landschaft von beiden Seiten zusammengestaucht: Das Tal wird schmaler, die Hänge werden höher, an manchen Stellen ragen Felswände senkrecht empor. Immer steiler, immer schneller läuft die Murg. Perfekte Bedingungen für Wasserkraftanlagen, deren Turbinen den Höhenunterschied zu Strom machen. In diesem Flussabschnitt sind die meisten Kraftwerke. Gerade die kleineren hinken mit dem fischgerechten Umbau hinterher: Fischtreppen fehlen, Turbinen sind noch nicht mit Schutzgittern ausgestattet.
Eine Karte des Landesfischereiverbands Baden-Württemberg verzeichnet Problemstellen: Zwar wurden in den letzten Jahrzehnten 20 Wehre mit Fischtreppen ausgestattet, doch an zwei Stellen ist für Fische immer noch kein Durchkommen. Die Betreiber der beiden Anlagen geben auf Nachfrage an, sich derzeit im Genehmigungsverfahren für einen Umbau zu befinden. Flussaufwärts sind laut Karte noch fünf weitere Hindernisse für Wanderfische verzeichnet.
Im historischen Kern von Gernsbach steht die Brückenmühle. Das Gebäude mit seinem charakteristischen Siloturm stand jahrzehntelang leer – bis der Investor Bernd Frank es kaufte und die Sanierung beauftragte. Gerade wird das Dach des neu aufgebauten Turms eingedeckt. Handwerker werfen sich Ziegel und Akkubohrer zu. Innen werden schon die Fenster geputzt: Im Halbstundentakt führt Frank an diesem Tag Interessenten durch das Gebäude.
Dazwischen nimmt er sich kurz Zeit, die alte Turbine im Keller zu zeigen. Seit ein paar Wochen steht sie still. Er hätte sie gern weiterbetrieben, auch die neuen Bewohner und die Cafébetreiber hätten sich darüber gefreut, umweltfreundlichen Strom im Haus zu produzieren. Doch die Umweltauflagen seien zu hoch gewesen, sagt Frank. Neben Fischtreppen müssen Kraftwerksbetreiber auch dafür sorgen, dass ausreichend Wasser im Fluss bleibt, nachdem sie einen Teil für die Stromernte abgeleitet haben.
Doch solange eine bestehende Anlage nicht wesentlich verändert wird, kann sich der Betreiber oft auf ein altes Wasserrecht berufen, muss also die neuen Auflagen nicht automatisch einhalten. Dautner wirft einigen Kraftwerken an der Murg vor, eine Modernisierung hinauszuzögern. Er bezweifelt den Nutzen der kleinen Anlagen, denn sie würden auch zusammengenommen nur wenig Strom produzieren.
Die Arbeitsgemeinschaft Wasserkraftwerke, die Interessenvertretung kleiner Anlagen betont: Kleine, in der Fläche verteilte Kraftwerke lieferten zuverlässig Öko-Strom. Das entlaste Stromnetze und könne im Fall von Blackouts dazu beitragen, kritische Infrastruktur weiter mit Strom zu versorgen. „Vor diesem Hintergrund sind kleine Wasserkraftanlagen nicht nur ökologisch tragfähig, sondern auch systemrelevant für eine resiliente und effiziente Energieversorgung“, sagt die Geschäftsführerin Julia Neff.
Von einer kleinen Brücke in einem Waldstück blickt Dautner auf seinen Lieblingsabschnitt der Murg. Wie in Skandinavien sehe es hier aus. Wasser schnellt an kleinen und großen Felsen vorbei, bricht sich in einer schäumenden Gischt, stiebt als Sprühnebel in die Luft. Manchmal klettert er die Böschung hinab ganz nah ans Murgufer. Hört ihr Donnern, ihr Krachen, ihr Tosen.
Eine Stelle wie diese sei das ideale Gebiet für „die großen Jungs“, sagt Dautner. Hier könnten sich heranwachsende Lachse austoben, um sich auf die Reise in den Atlantik vorzubereiten. „Hier können sie gegen den wuchtigen Fluss anschwimmen und Hindernisse überspringen – als Trainingsprogramm für ihre weite Reise in den Ozean.“
Doch einen Lachs hat es hier wohl schon seit einem Jahrhundert nicht mehr gegeben. Immerhin wurde vor einiger Zeit eine zentrale Blockade beseitigt. Der Energiekonzern EnBW betreibt im Murgtal ein großes Kraftwerk und baut es gerade aus. Ende 2021 weihte das Unternehmen einen Lift ein, der wandernde Fische ein zehn Meter hohes Wehr hinauf- und hinabtransportiert: Fische werden durch eine Lockströmung in einen Fahrkorb geleitet, der Aufzugsschacht wird mit Wasser geflutet und der Fahrkorb so nach oben transportiert. Wenn das Wasser wieder abgelassen wird, geht es hinab.
Mitte 2027 geht ein zweiter Fischlift bei einem weiteren Wehr in Betrieb. Bereits jetzt sorgt EnBW dafür, dass hinter seinen Staumauern immer genug Wasser in der Murg fließt. Auch wegen solcher Fortschritte sagt Dautner: „Bezogen auf die Wasserkraftnutzung haben die Großen es kapiert.“
In der Kurve eines geschotterten Waldwegs unterhalb des Schliffkopfs tritt die Murg das erste Mal an die Oberfläche. Eigentlich weist eine Tafel darauf hin – doch an diesem Tag ist nur ein Pfahl zu sehen, das Schild fehlt. Zwei hölzerne Rinnen enden in einem Steintrog, nur eine davon führt Wasser. Eine Trinkflasche füllt sich in einer Sekunde.
80 Kilometer flussabwärts fließt die zehntausendfache Menge in den Rhein. Trotzdem könnten hier gezüchtete und ausgesetzte Lachse ihren Heimatfluss schon von weitem riechen, wenn sie von ihrer großen Atlantikreise über Island und Grönland zurückkehren, sagt Werner Dautner. Zersetzte Pflanzenreste, gelöste Mineralstoffe und tierische Reste bilden eine Art chemischen Fingerabdruck der Murg. Er weist den Lachsen den Weg – hin zu jenem Ort, an dem sie einst schlüpften und der ihnen nun wieder Heimat werden soll.