Reise in den Norden Marokkos Die blaue Perle im Rifgebirge

Alles so schön bunt hier: In Chefchaouen dominiert die Farbe Blau. Die Erklärungen dafür sind so fantasievoll wie die Gestaltung der Häuser in der alten Stadt. Foto: Fremdenverkehrsamt Marokko/ONMT

Chefchaouen war einst eine verbotene Stadt. Heute lockt die „blaue Perle“ des marokkanischen Rifgebirges die Genießer von Natur, Fotospots und Rauchwerk.

Freizeit & Unterhaltung: Bettina Bernhard (bb)

Blau. Alles Blau. In der Altstadt von Chefchaouen ist quasi immer blaue Stunde. Woher es kommt – darüber streiten sich die Gelehrten. Eine Theorie besagt, dass die Farbe Blau nach islamischem Glauben vor dem bösen Blick schützt. Eine andere führt die jüdische Kultur an, wo Blau den Himmel und die Nähe zu Gott symbolisiert. Irdischer sind die Erklärungen, wonach das Türkisblau Ungeziefer fern oder die Gassen kühl halten soll. Und mancher vermutet hinter der Farboffensive reine Tourismusförderung.

 

Überall Blau-Motive aus Chefchaouen

Letzteres funktioniert auf jeden Fall, denn kein Reiseführer, kein Blog, kein Kalender zu Marokko kommt ohne ein Blau-Motiv aus Chefchaouen aus. Es ist aber auch zu schön. Eingebettet zwischen den 2000er-Gipfeln Djebel Kalaa und Djebel Meggou liegt die Stadt auf etwa 600 Metern Höhe. Die Altstadt stammt weitgehend original vom Ende des 15. Jahrhunderts, die blau getünchten Giebelhäuser mit Ziegeldächern im andalusischen Stil verweisen auf die Gründerväter. „Chefchaouen wurde 1471 als Zufluchtsort für muslimische Flüchtlinge aus Andalusien erbaut“, erzählt Stadtführer Mohammed Chakour, der hier geboren ist.

Chefchaouen Foto: StZN/Yann Lange

Es ist noch keine 100 Jahre her, da war das Betreten der Stadt Nichtmuslimen strengstens verboten. Denn das Handelsstädtchen – in sicherer Entfernung von der umkämpften Küste gelegen – kam zu Wohlstand, der weckte bald das Interesse diverser europäischer Eroberer und die verfolgten ihre Pläne mit allen Mitteln. Chakour erzählt die Geschichte von einem Christen, der angeblich zum Islam konvertiert war und im 18. Jahrhundert nach Chefchaouen kam. Dort baute er eine Moschee hoch oben über der Stadt, damit die Bewohner der umliegenden Bergdörfer keine so weiten Wege hatten.

Der Mann ließ sich dann auch zum Imam wählen und spionierte als solcher die ganze Stadt aus. „Als die Sache aufflog, war er spurlos verschwunden“, endet Chakours Erzählung. Danach galt die Moschee als entweiht und wurde nie mehr als Gotteshaus benutzt. Heute heißt sie spanische Moschee, ist ein Kulturdenkmal und der Lieblingsplatz von zahllosen Besuchern, die hier den Sonnenuntergang und die blaue Stunde über der blauen Stadt zelebrieren.

Hollywood hatte Stoff für einen neuen Film

Ende des 19. Jahrhunderts sammelte sich in Chefchaouen der Widerstand gegen die Eindringlinge aus Europa, die sich schon ziemlich breit gemacht hatten im Land. In diese Zeit fällt das Drama um die Entführung des vermeintlichen US-Bürgers Ion Perdicaris durch den Chef der aufständischen Berber, Ahmed Ben Mohammed el-Raisuli. Präsident Theodore Roosevelt entsandte 1904 ein Marinegeschwader nach Marokko, Perdicaris wurde freigelassen und Roosevelt wiedergewählt. Dass die US-Regierung zuvor sämtliche Forderungen Raisulis erfüllte und Perdicaris tatsächlich griechischer Staatsbürger war, blieb lange geheim. Hauptsache, Hollywood hatte Stoff für einen neuen Film: „Der Wind und der Löwe“ mit Sean Connery in der Hauptrolle.

Nur die Gebeine des Rebellenführers durften heimkehren

Das Ringen um die Rebellenhochburg dauerte jedoch an. 1920 eroberten die Spanier die Stadt, kurz darauf gewannen sie die Befreiungskämpfer unter der Führung von Abd El Krim zurück. Erst 1926 musste sich Chefchaouen nach der Bombardierung mit Senfgas geschlagen geben. „Abd El Krim wurde festgenommen und nach Reunion verbannt, später war er in Kairo, doch er durfte nie mehr nach Hause“, erzählt der Stadtführer. Nur seine Gebeine kehrten inzwischen nach Chefchaouen zurück.

So leer ist es selten in den fotogenen blauen Gässchen Foto: Marokkanisches Fremdenverkehrsamt/ONMT

Geblieben aus den bewegten Zeiten ist das Selbstbewusstsein der stolzen Stadt. In der historischen Altstadt pulsiert das Leben, man hört spanisch, arabisch, französisch und englisch, die ganze Welt scheint zu Gast. Manchen Bewohnern von Chefchaouen wird der Touristentrubel langsam schon zu viel, denn nicht jeder will in einer Fotokulisse leben und Teil von ihr sein. Die einen stellen Kässchen für ein Fotohonorar in ihren (blauen!) Hauseingang, andere werfen unfreundliche Blicke auf ungeniert drauf los filmende und fotografierende Stadtbesucher.

Auf den Plantagen des Hinterlandes gedeiht Cannabis

Der Weg hinaus ins Gebirge führt durch Wälder mit Zedern, Korkeichen und Kiefern. Hier leben Hirsche, Fasanen, Rebhühner, Gazellen, Turteltauben und Wildschweine, die ihrerseits Spanier, Franzosen und Italiener zur Drückjagd locken. Mit dem Holz arbeiten und heizen die Handwerker und Hamam-Betreiber der Stadt, deren Trinkwasser stammt aus zu Seen aufgestauten Bergquellen. Zwischen den Wäldern erstrecken sich Getreidefelder und Olivenhaine. Bis heute gedeiht in den Plantagen des Hinterlandes viel Cannabis, doch die legendäre „Rifschokolade“ der Hippies wurde angeblich weitgehend durch medizinische Produkte ersetzt. Die rote Erde kontrastiert mit dem Grün von Feigen, Granatapfel und Kakteen, gut versorgt vom regenreichen Rifgebirge. Ziegen streunen durch die Landschaft, Männer mit Packeseln suchen ihren Weg, in bunte Webstoffe gehüllte Frauen hüten Schafe.

Über den vereinzelten Gehöften ringeln sich Rauchfahnen in den Himmel. Die Bergketten im Morgenlicht wirken wie Scherenschnitte. Ein trockenes Flussdelta zieht vorbei und winzige Dörfer mit ziegelgedeckten Häusern, blau oder weiß getüncht die einen, Naturstein die anderen. Die Straße wird schmaler und kurviger, windet sich hinauf in die Berge. Aus dem grünen Bewuchs der kleineren Berge schaut nackter Fels hervor, dolomitenschön. Bei Akchour, einem Bergdorf am Rand eines Nationalparks, endet die Fahrt.

In die kühlen Felsgrotten schmiegen sich kleine Cafés

Jetzt geht es nur noch zu Fuß weiter. Wanderführer Bilal Sbaa kennt den Weg durch die schmalen Schluchten und führt zielsicher an den steilen Felswänden entlang und über rauschende Wildbäche und schmale Holzbrücken. Er kennt auch die Familienmitglieder des wanderbaren Dschungels: „Maccia-Strauch, Wacholder, Steineiche, wilde Olive, Erdbeerbaum“, zählt er auf.

Immer rauscht irgendwo Wasser, das in Kaskaden und Rinnen seinen Weg vom Berg hinab findet. Jetzt in der Nebensaison ist es herrlich ruhig hier, nur wenige der kleinen, in kühle Felsgrotten geschmiegten Cafés haben geöffnet. Im Sommer dagegen ist Halligalli zwischen Gottesbrücke und Wasserfällen. „Da kommen alle hierher, Einheimische und Touristen, zum Baden in den Naturpools und zum Picknicken im Baumschatten“, erzählt Bilal Sbaa. Wandern geht dann nur noch im Gänsemarsch.

Info

Anreise
 Nach Tanger fliegt Ryanair ab Karlsruhe/Baden-Baden und Memmingen, www.ryanair.com , Eurowings fliegt von Stuttgart nach Marrakesch und Agadir, www.eurowings.com . Im Land bewegt man sich mit der Bahn Office National de Chemins, www.oncf.ma , und Bussen von Supratours, www.supratours.ma oder CMT, https://ctm.ma/

Unterkunft
Steil am Hang von Chefchaouen klebt das Hotel Taj Chefchaouen wie ein Adlernest über der Stadt, Doppelzimmer mit Frühstück ab 130 Euro, https://taj-chefchaouen.com Mitten in der Medina von Chefchaouen liegt das Hotel Dar Sabada, das von der Familie eines Österreichers geführt wird. DZ/F ab 48 Euro, www.darsabada.com .

Essen und Trinken
Marokkanische Spezialitäten serviert das Restaurant Morisco im Zentrum von Chefchaouen, www.instagram.com/restaurantmorisco/ .Das Beste aus Andalusien und Marokko kombinieren die Köche im Restaurant Triana Chefchaouen, https://triana.ma.

Allgemeine Informationen
Marokkanisches Fremdenverkehrsamt, www.visitmorocco.com/de

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