Reise nach Brasilien Das Erbe der Visionäre

Das markant geschwungene Copan-Gebäude ist ein Entwurf von Oscar Niemeyer. Foto: SP Turis/

São Paulo, die größte Stadt Südamerikas, ist voller inspirierender Widersprüche, ebenso ungezähmt wie kultiviert, voller Anmut und Chaos. Vorsicht ist geboten, wie bei jeder Entdeckungsreise, doch das Wagnis lohnt sich.

Die wahre Dimension dieser Stadt zeigt sich dem ankommenden Besucher durch all die zirkulierenden Helikopter am Himmel, mit denen Eilige und Privilegierte die einzig effiziente Lösung gefunden haben, sich im Zentrum von São Paulo fortzubewegen. Unten auf der berühmten Avenida Paulista und mitten im Verkehrschaos stellen sich die anderen auf ein hoffnungslos langsames Vorankommen ein – und entdecken dabei Überraschendes: Entlang dieser Hauptverkehrsader, die 1891 eingeweiht wurde und heute als Geschäftsviertel von zahllosen Hochhäusern gesäumt ist, unterbrechen immer wieder riesige grüne Oasen das futuristische Großstadtpanorama.

 

Architektonische Meilensteine der Moderne

Teils umgeben sie historische Herrenhäuser der einstigen Kaffee-Aristokratie, die sich hier niederließ, teils sind es Grünanlagen im Stil eines englischen Gartens, die der puren Beschaulichkeit dienten. Wie der Trianon-Park, der einen die ungebändigte Naturgewalt des Atlantischen Regenwaldes hautnah erleben lässt: Nach wenigen Schritten ist die meterhohe Vegetation so dicht, dass die Sonne kaum mehr durchzuscheinen vermag. Die merklich gesunkene Temperatur löst ein erfrischendes Frösteln aus, und das schwache Licht von uralten Straßenlaternen taucht alles in einen märchenhaften Zauber.

Allgegenwärtige Kunst Foto: SP Turis/Daniel Deák

Zurück auf der Avenida Paulista und in der subtropischen Hitze glaubt man seinen Augen nicht: Auf der gegenüberliegenden Straßenseite schwebt ein Gebäudekomplex, der alleine von vier roten Stahlträgern gehalten wird. Ein Meilenstein der Moderne, den die immigrierte italienische Architektin Lina Bo Bardi 1947 als Kunstmuseum MASP entwarf. Den Freiraum unter dem Gebäude sollte die gesamte Bevölkerung nutzen können, etwa als politischer Versammlungsort, was bis heute funktioniert. Während der letzten Wahlen erschien das Gebäude immer wieder im Zuge der Berichterstattung mit hunderten von Menschen auf den internationalen Bildschirmen. Im Innern dieses Kunstmuseums kommen die Besucher erneut ins Staunen: Hier sind die Wände weiß, und man bewegt sich zwischen den frei im Raum hängenden Werken. Das ist sehr besonders, vertraute Kunstwerke von Monet bis Picasso auch von ihrer Rückseite zu betrachten.

Das Stadtzentrum von São Paulo Foto: STZN/Lange

Wenn es um brasilianische Architektur von Weltrang geht, hat São Paulo noch weitere Trümpfe im Ärmel; unter anderem die Eye-Catcher des Oscar Niemeyer. Nicht zu übersehen sein riesiges, wellenförmig gebautes Hochhaus Copan aus den 1960er Jahren, das in der Stadtmitte 5000 Menschen ein Zuhause bietet. Oder der wesentlich besser erhaltene Ibirapuera-Park, der in vielerlei Hinsicht an den New Yorker Central Park erinnert. Niemeyer initiierte das Projekt zusammen mit Roberto Burle Marx, einem Pionier der modernen Gartenarchitektur. Das Ergebnis war ein Park mit organisch geschwungenen Formen und Niemeyers visionären Gebäuden, die wie überdimensionierte Skulpturen in einer Fantasiewelt wirken. „Ein Garten muss immer ein Kunstwerk sein“, betont Burle Marx. Der Erfolg gibt ihm recht: Heute besuchen diesen Park immer noch 300 000 Menschen pro Woche.

Wie selbstverständlich kulturgeschichtliche Highlights im Alltag der Paulistanos sind, ja sogar zeitgenössische Projekte beflügeln, zeigen exemplarisch die neuesten Luxushotels. Die Ursprünge des Palácio Tangará gehen beispielsweise in die späten 1940er Jahre zurück, als der wohlhabende Brasilianer Francisco Pignatari für seine Frau, die weltberühmte Schauspielerin Ira von Fürstenberg, eine feudale Ranch bei Niemeyer und Burle Marx in Auftrag gab. Noch während der Bauphase endete jedoch die Ehe, und nur der Gartenarchitekt vollendete sein Werk.

Erholsam: der Park Ibirapuera Foto: SP Turis /Jose Cordeiro

Einige Dekaden später eröffnete nun hier das Oetker-Luxushotel Palácio Tangará und ließ Pignataris Traum von einem großzügigen, städtischen Rückzugsort mit Blick auf den Burle Marx-Park wieder aufleben.

Sogar tonangebende Stars der westlichen Architektur- und Designszene wie der Pritzker-Preisträger Jean Nouvel und Designer Philippe Starck knüpfen heute wieder an das Erbe der großen brasilianischen Visionäre an. Sie folgten jüngst der Einladung der Rosewood-Gruppe, einen Hotel- und Appartementkomplex zu entwerfen, der laut Starck „die Kühnheit und Modernität des 21. Jahrhunderts“ abbilden soll.

Drehpunkt der Kreativwirtschaft

Entstanden ist ein Gebäude mit vertikalen Gärten und eine visionär umgestaltete, ehemalige Geburtsklinik mit einer neu angelegten Sammlung von 450 Kunstwerken. Als Ganzes ist das Rosewood São Paulo „ein Wunderland, das die weltoffene Kultur der Stadt perfekt widerspiegelt“, sagt Philippe Starck. Alleine der Erfolg der Bar des Hauses, Rabo di Galo, die auch bei den Paulistanos sehr beliebt ist, gibt ihm recht.

Dieses neue innovative Klima hat auch Clarissa Schneider, ehemalige Chefredakteurin der Zeitschrift „Casa Vogue Brasil“ wahrgenommen: „In den letzten Jahren hat sich São Paulo immer mehr zu einem Drehpunkt der Kreativwirtschaft entwickelt. Design nimmt dabei einen der prominentesten Plätze ein und treibt die Geschäfte, Galerien, Bildungsinstitutionen und Studios in der Region wieder an.“

Für Stadtwanderer sind diese Auswirkungen besonders gut im pulsierenden Quartier Jardins sichtbar. Hier gibt es Schatten spendende Bäume entlang der Straßen, viele kleine Läden, interessante Architektur, Cafés jeder Couleur und Restaurants von der Taberna 474 mit typisch brasilianischer Hausmannskost bis in die obersten Sphären des legendären D.O.M. mit seiner Sterneküche.

Info

Anreise
Direktflug von Frankfurt nach São Paulo mit Lufthansa, www.lufthansa.com.

Unterkunft
Gleich neben dem Hotel Hilton Garden Inn São Paulo Reboucas beginnt eines der schönsten Viertel von Sao Paulo, das Jardins. Doppelzimmer ab 400 Euro, www.hilton.com.Die Hotels Melia Paulista und Melia Jardim Europa befinden sich im Finanzviertel von São Paulo und bieten ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und aufmerksamen Service. DZ ab 180 Euro, www.melia.com.Im Hyatt wohnt man mit freier Sicht auf die berühmte Schrägseilbrücke, DZ ab 220 Euro, www.hyatt.com.

Aktivitäten
Für Shopping-Fans: 55 Design ist ein modernes Möbelhaus mit integrierter Landschaftsgestaltung bis in den Showroom, www.55-design.com. Beco Do Batman nennt man eine Ecke im sympathischen und unkonventionellen Quartier Vila Madalena. Seit den 1980er Jahren locken die faszinierenden Wandmalereien der Kunststudenten Besucher an. Die Flaniermeile säumen Freiluftmärkte, Antiquitätengeschäfte und Secondhand-Läden. Samstags findet auf dem Platz Praça Benedito Calixto ein Flohmarkt statt. https://capital.sp.gov.br/ Infos zum Copan-Gebäude (Edificio Copan): www.copansp.com.brIbirapuera-Park (Parque Ibirapuera): www.urbiaparques.com.br/ MASP ist eines der wichtigste Kunstmuseen Brasiliens mit einer umfangreichen Sammlung an Gemälden und Skulpturen vom 14. Jahrhundert bis zur Gegenwart, https://masp.org.br/ Das Designmuseum Museu da Casa Brasileira, in einem neoklassizistischen Herrenhaus des einstigen Bürgermeisters gelegen, zeigt die Vielfalt und Gegensätze des brasilianischen Lebens. https://mcb.org.br/pt/pt/

Essen und Trinken
Aizomê ist ein authentisches japanisches Restaurant, geführt von Spitzenköchin Telma Shiraishi und Teil des Japan House an der Avenida Paulista, www.aizome.com.br. In der Bar Piraja im charmanten Künstlerviertel Vila Madalena gibt es günstige Getränke und ein unkompliziertes Publikum. https://piraja.com.br/ Die Bar Rabo di Galo im Hotel Rosewood wurde vom französischen Stardesigner Philippe Starck eingerichtet, www.rosewoodhotels.com. Allgemeine Informationen
São Paulo Tourismus, https://visitesaopaulo.com/ Brasilien Tourismus, https://visitbrasil.com/de/

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