Mitten in den Sommerferien feiern griechisch-orthodoxe Christen eines der wichtigsten Feste des Jahres. Auch in Esslingen, wo eine der größten Kirchen außerhalb Griechenlands steht.
Simone Weiß
15.08.2025 - 16:25 Uhr
Gesangbücher gibt es nicht. Dennoch wird sehr viel gesungen. Hauptsächlich von den Vorsängern und Erzpriester Michail Neonakis. Die meiste Zeit auf Altgriechisch. Drei Stunden dauert der Gottesdienst zu Mariä Himmelfahrt an diesem Freitagmorgen in der griechisch-orthodoxen Kirche in der Dammstraße in Esslingen. Die ganzen 180 Minuten muss aber niemand sitzen oder stehen bleiben. Es herrscht ein Kommen und Gehen in dem Gotteshaus – und das ist auch völlig in Ordnung so, sagt Katerina Chrissoula, die auch Führungen durch die Kirche anbietet. Mariä Himmelfahrt am 15. August gilt nach Ostern und Weihnachten als das bedeutendste Fest im orthodoxen Kirchenkalender, es wurzelt in der tiefen Verehrung der Gottesmutter.
Vor der Esslinger Kirche sind Verpflegungsstände aufgebaut. Nach dem Gottesdienst wird gefeiert. Der Erlös aus dem Verkauf der Speisen und Getränke kommt laut Chrissoula der Kirche Mariä Verkündung zu Gute. Das Gotteshaus ist im Innern prächtig ausgestattet mit golddurchwirkten, farbenfrohen Darstellungen von Szenen aus dem Leben Jesu Christi und der Heiligen. Nur wer sehr genau hinschaut, entdeckt versteckt und verborgen an den Wänden kahle Stellen. Wenn Spenden hereinkommen, sagt Chrissoula, werden Künstler aus Griechenland geholt, die die Ornamente vervollständigen.
Mit Spenden wurde die griechisch-orthodoxe Kirche Mariä Verkündigung in der Esslinger Dammstraße finanziert. Foto: Roberto Bulgrin
Spenden sind überhaupt der Baustein der Kirche im Stil einer byzantinischen Basilika. Als die ersten, damals so bezeichneten „Gastarbeiter“ aus Griechenland um 1965 ins vom Wirtschaftswunder boomende Deutschland kamen, war die Religionsausübung der sich neu formierenden Gemeinde sehr spartanisch. Gottesdienste, sagt Katerina Chrissoula, wurden in Esslinger Büros gefeiert. Ab 1974 wurde in eine Baracke beim Landratsamt ausgewichen. Doch als mit Michael Neonakis 1987 ein neuer Erzpriester nach Esslingen kam, wurde der Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus stärker. Der Geistliche rief zu Spenden auf. Denn in der griechisch-orthodoxen Kirche gibt es keine Kirchensteuer.
Weihnachten wurde in der Tiefgarage beim Esslinger Landratsamt gefeiert
Die Spenden flossen. Eine Gedenktafel erinnert an dem Gotteshaus noch an die Grundsteinlegung am 4. September 1993. Zwei Jahre später standen zwar schon die Grundrisse der Kirche. Doch Weihnachten wurde in der Tiefgarage unterhalb des Grundstücks gefeiert. Es gehört zum Landratsamt, doch an den Wochenenden dürfen Gottesdienstbesucher dank einer Sondererlaubnis hier parken. An dieses Weihnachten 1995 erinnert sich Kateria Chrissoula noch immer mit einem leichten Frösteln: „Es war sehr, sehr kalt.“
Doch nun zu Mariä Himmelfahrt ist es in und vor der Kirche drückend schwül. Chrissoula machen die hohen Temperaturen nichts aus. Sie spricht gerne und kompetent über ihren Glauben: Konfirmation oder Kommunion und Firmung wie in den evangelischen und katholischen Kirchen gibt es im griechisch-orthodoxen Glauben nicht, sagt sie. Mit der Taufe werden Babys im Alter von sieben oder acht Monaten als vollwertige Mitglieder in die Gemeinde aufgenommen. Abgrenzung etwa zu den anderen christlichen Konfessionen werde nicht betrieben, die Ökumene großgeschrieben, sagt Chrissoula: „Wir pflegen Kontakte zu den evangelischen und katholischen Christen. Wir wollen miteinander leben und nicht nebeneinander.“ Sie träume von einer wiedervereinigten, einheitlichen Kirche.
Katerina Chrissoula bietet auch Führungen durch die griechisch-orthodoxe Kirche an. Foto: Roberto Bulgrin
Unterschiede zu den anderen christlichen Kirchen gibt es dennoch. Üppige Tafelfreuden zum 24. Dezember sind laut Katerina Chrissoula im griechisch-orthodoxen Glaubenskreis nicht üblich. Vor Ostern und auch Weihnachten werde 40 Tage gefastet. Kein Fleisch, keine Milchprodukte. Der Verzicht werde auch am 24. Dezember praktiziert. Das eigentliche Weihnachten beginnt erst am Folgetag.
Vor und während des Gottesdienstes ist auch vieles anders. Viele Gläubige küssen im Gotteshaus die Bilder der Heiligen. Diese Geste gelte nicht dem Holz oder dem Material, aus dem die Darstellung gemacht sei, sagt Katerina Chrissoula, sondern sei eine Geste des Respekts gegenüber dem Gezeigten. Beim Abendmahl werden Brot und Wein allen Gläubigen mit dem gleichen Löffel gereicht. Die Angst vor möglichen Krankheiten werde dem Zusammengehörigkeitsgefühl und der Ausübung des gemeinsamen Glaubens untergeordnet.
Größte griechisch-orthodoxe Kirche außerhalb Griechenlands ist in Esslingen
Auch an diesem Freitagmorgen sind die Reihen der Gläubigen zur Einnahme des Abendmahls lang. Mariä Himmelfahrt sei der höchste kirchliche Feiertag im Sommer, sagt Chrissoula. Die Gemeinde zähle etwa 6000 Mitglieder im gesamten Kreis Esslingen. Das Gotteshaus in Esslingen sei auch eines, wenn nicht gar das größte außerhalb Griechenlands. In seinem Keller verbirgt sich eine Besonderheit: Hier werden mit mehreren hauptamtlichen Mitarbeitern Kerzen meist aus Bienenwachs für den griechisch-orthodoxen Gottesdienst hergestellt, die in ganz Deutschland zum Einsatz kommen. Sie leuchten auch an diesem Morgen in der Kirche Mariä Verkündigung in Esslingen.
Griechisch-orthodoxe Besonderheiten
Sprache Ein großer Teil des griechisch-orthodoxen Gottesdienstes wird laut Katerina Chrissoula auf Altgriechisch gehalten. Wer oft in die Kirche gehe, verstehe diese Sprache mit der Zeit. Die Predigt allerdings erfolge auf Neugriechisch.
Abendmahl Vor dem Abendmahl, so führt Katerina Chrissoula aus, gehen die griechisch-orthodoxen Christen in der Regel zur Beichte. Anders als in der katholischen Kirche gebe es dafür aber keinen Beichtstuhl. Es würden individuelle Termine mit dem Priester ausgemacht und das Gespräch finde dann Auge in Auge mit dem Beichtvater statt.
Taufe Bei der Taufe nach griechisch-orthodoxem Ritus wird der Täufling laut Katerina Chrissoula unbekleidet drei Mal bis zum Hals in das Taufbecken getaucht.