Rembrandt-Schau in Kassel Wie der Maler zur Marke wurde
Dass heute jeder den Namen Rembrandt kennt, könnte der Maler ganz bewusst kalkuliert haben. Wie hat er das gemacht? Eine sehenswerte Ausstellung gibt Aufschluss.
Dass heute jeder den Namen Rembrandt kennt, könnte der Maler ganz bewusst kalkuliert haben. Wie hat er das gemacht? Eine sehenswerte Ausstellung gibt Aufschluss.
Kann denn nicht mal einer das Licht anmachen? Man sieht ja nur die Hälfte von dem Gesicht dieses jungen Mannes, während eine Backe im Schatten verschwindet. Dabei wüsste man zu gern, wie dieser talentierte Kerl im Detail aussah. Aber nein, als sich Rembrandt als junger Mann selbst porträtierte, erprobte er eine Strategie, die schließlich zu einem Markenzeichen wurde. Statt die Motive ordentlich und gleichmäßig auszuleuchten, inszenierte er lieber dramatische Hell-dunkel-Schauspiele. Und deshalb sieht man auf seinem berühmten Selbstbildnis von 1628 eben nur einen halben Rembrandt.
Sind Maler so weltberühmt wie Rembrandt, kann einem das leicht den Blick vernebeln, und man stimmt reflexhaft in die Jubelrufe ein. Schließlich ist Rembrandt weltberühmt und gilt als einer der wertvollsten Maler der Kunstgeschichte. Wenn überhaupt mal Werke von ihm zum Verkauf stehen, erzielen sie schwindelerregende Summen. Es wurde auch kaum ein künstlerisches Werk so ausgiebig erforscht wie seines. Wer wollte da schon widersprechen?
Wenn man nun durch die neue Rembrandt-Ausstellung in Kassel geht, sieht man aber auch selbst sofort, dass der Künstler tatsächlich anders als seine Zeitgenossen vorging. Seine Motive sind lebendiger, dramatischer, spannender. Und das war neu.
Rembrandt ist ein Name, der bis heute zieht, weshalb sich in Amerika viele Menschen die Zähne mit Rembrandt-Zahnpasta putzen. Weinbrand, Uhren und Zeichenstifte wurden schon nach dem Maler benannt, Züge und Fernsehgeräte – und dass Rembrandt offenbar als Marke taugt, dämmerte auch dem jungen Maler selbst. Deshalb hat das Schloss Wilhelmshöhe in Kassel nun die Sonderausstellung „Rembrandt 1632. Entstehung einer Marke“ eröffnet, die zeigen will, welche Weichen der junge Rembrandt stellte, um berühmt und eben zur Marke zu werden.
Ein wichtiger und vor allem selbstbewusster Schritt war, seine Signatur zu ändern. Anfänglich schrieb er auf seine Bilder bescheiden RHL, die Abkürzung für Rembrandt Harmenszoon Leydensis, also „der Sohn des Harmen aus Leiden“. 1632 signierte er nun plötzlich mit seinem Vornamen, was sich bis dahin vor allem die italienischen Stars wie Tizian, Raffael und Michelangelo erlaubt hatten. Ganz schön kühn für einen 26-Jährigen.
Die Kasseler Ausstellung will mit internationalen Leihgaben zeigen, dass das Jahr 1632 aus vielerlei Hinsicht ein wichtiges für den Maler war. Denn in dem Jahr packte er sein Bündel und verließ die Provinz und zog von Leiden nach Amsterdam. Eine Stadt, die sich im Höhenflug befand, wirtschaftlich blühte – auch, weil man durch den Sklavenhandel prächtig verdiente und einen der wichtigsten Häfen Europas besaß. Dem Kunstbetrieb konnte das nur recht sein, zahllose Künstler pilgerten in die Metropole, wo sich viele reiche Leute gern selbst porträtieren ließen.
Auch Rembrandt, der sich mit einem Darlehen in die Werkstatt von Hendrick Uylenburgh einkauft, verdiente bald gut als Porträtmaler, dabei stellte er die reichen Leute nicht mehr so da, wie es bisher üblich war – nämlich staatstragend und steif und allein darauf bedacht, dass die Bedeutsamkeit dieser Menschen sichtbar wird. Einer der Herren, die er 1632 malte, scheint dagegen nur kurz aufzuschauen, weil er gerade dabei ist, eine Feder zu schneiden, um dann an seinem Brief auf dem Schreibtisch weiterschreiben zu können. Da wird nicht einer angeberisch verewigt, sondern ein Mensch gezeigt, der mitten im Leben steht.
Auch die Vergleiche, die in der Ausstellung mit Rembrandts Kollegen Jan Lievens vorgenommen werden, sind beredt: Dessen Bildnisse sind ordentlich ausgeleuchtet, wirken korrekt und sind dabei fast etwas langweilig. Rembrandt setzte dagegen auch mit dem berühmten Gruppenporträt „Die Anatomiestunde des Dr. Nicolaes Tulp“, das ebenfalls im Wendejahr 1632 entstand, Maßstäbe. Konzentriert schauen die Herren auf Dr. Tulp, der gerade eine Leiche seziert. Anders Thomas de Keyser: Sein Gruppenbildnis einer holländischen Familie wirkt konstruiert. Eltern und Kinder sollten nicht lebendig wirken, sondern der Maler hat die Hände fast penetrant inszeniert, damit jeder begreift: Diese Leute gehören zusammen.
Wer weiß, ob Rembrandt tatsächlich gezielt versucht hat, eine eigene, klar ablesbare Handschrift zu entwickeln. Sie fiel in jedem Fall bald nicht nur den Kunden, sondern auch den Kollegen auf, die seine Motive kopierten. Man begann aber auch bald, „à la Rembrandt“ zu malen, um selbst vom Hype des jungen Stars zu profitieren. Das rächt sich allerdings bis heute. Das Rembrandt Research Project musste in den vergangenen Jahrzehnten immer neue Hiobsbotschaften ausgeben. Von einst mehr als 700 Werken, die lange als Rembrandts gehandelt wurden, gelten heute nur noch um die 350 als Originale von seiner Hand.
Gruppenbild mit Leiche
Die Kasseler Ausstellung vergleicht Original-Grafik und Malerei, aber es wurde auch das Gemälde „Die Anatomie des Dr. Tulp“ digital animiert, um die Szene noch lebendiger zu machen.
Info
„Rembrandt 1632. Entstehung einer Marke“. Schloss Wilhelmshöhe, Kassel. Ausstellung bis 9. August, geöffnet Di - So 10 bis 17 Uhr, Freitag 10 bis 19 Uhr.