Ringen Skizunft Kornwestheim Aufruhr nach Trainerrauswurf: 76 von 100 Kindern verlassen den Verein

Yasar Demir in seinem Element auf der Matte: Der Coach hat in Kornwestheim das Ringen neu belebt und muss gehen. Foto: Werner Kuhnle

Nach der fristlosen Entlassung des erfolgreichen Trainers Yasar Demir bei der Skizunft Kornwestheim steht die Elternschaft hinter dem Coach.

Ludwigsburg: Elke Rutschmann (eru)

Eigentlich hatten sich die Kinder am Montag vergangener Woche auf das Ringertraining in der Hanspeter-Sturm-Halle in Kornwestheim gefreut. Seit Juli 2023 wird der Nachwuchs von Yasar Demir im Referat Ringen der Skizunft Kornwestheim dort betreut. Doch statt Spaß auf der Matte erfolgte der große Knall: Uwe Heinle, Vorstandsmitglied der SZ überreichte Demir ein Schreiben, in dem er ohne Angaben von Gründen fristlos gekündigt wurde. Den Schlüssel für die Halle musste er sofort abgeben.

 

Es gab Tränen bei den Kindern und Fassungslosigkeit bei den anwesenden Eltern, die Antworten wollten von Heinle, diese aber nicht bekamen. Auch mit unserer Zeitung wollte der SZ-Boss nicht über die Hintergründe für den überraschenden Rauswurf des erfolgreichen Trainers sprechen, sondern schickte lediglich eine Mail mit einem Statement: „Die Hintergründe für diese Trennung liegen in anhaltenden Meinungsverschiedenheiten über die Organisation und Führung eines solchen Referats sowie über die Zusammenarbeit mit dem Hauptverein“ , lautet die nüchterne Analyse und nach dreijähriger Zusammenarbeit.

Auch das Referat Ringen wird aufgelöst

Der Vorstand hatte zudem auch die Auflösung des Referats beschlossen, das von Andreas Wahl verantwortet wurde. Der Hauptverein werde jetzt die Aktivitäten steuern und hätte mit Cem Iflazoglu auch schon einen neuen Trainer verpflichtet, sodass der Trainingsbetrieb bereits innerhalb kürzester Zeit nahezu vollumfänglich wieder angeboten werden könne, schreibt der Verein. „Cem Iflazoglu verfügt aber weder über eine Ausbildung noch über die entsprechende Erfahrung“, sagt Halil Ibrahim Eser.

Alpay Eser wurde dank Unterstützung Deutscher Nachwuchsmeister bei der U17. Foto: Marius Gschwendtner

Der Vater des aktuell erfolgreichsten Kornwestheimer Nachwuchsringers Alpay Eser, der sich Deutscher U19-Meister nennen darf, sitzt eine Woche nach dem Trainerrauswurf in einem Bäckereicafé in Kornwestheim zusammen mit weiteren Eltern, die immer noch sehr bestürzt über den Vorgang sind, aber bereit für den Sport ihrer Kinder und den Coach zu kämpfen. „Wir sind laut, weil wir im Recht sind“, sagt die bisherige Jugendleiterin Gülnaz Bimce.

Stapel mit den 76 Kündigungen liegt auf dem Tisch

Auf dem Tisch liegt ein großer Stapel Papier. Es sind ausgedruckte Kündigungen – 76 der aktuell 106 Kinder werden den Verein verlassen, wenn Demir nicht weiterarbeiten kann. Das zeigt, wie sehr der Großteil der Elternschaft hinter dem Trainer steht, der viel erreicht hat. Im Juli 2023 war er mit einem Team angetreten, um in der Stadt mit der großen Ringergeschichte nach dem Aus des Athletik Sportvereins (ASV) wieder ein regelmäßiges Angebot für Ringen zu bieten – angesiedelt als Referat bei der Skizunft Kornwestheim. Das Ringerteam sah sich zunächst als Ausbildungsverein für den Leistungs- und Breitensport. Der gute Ruf eilte Demir voraus – nicht nur Kinder aus Kornwestheim, sondern auch aus Leinfelden-Echterdingen, Fellbach, Bad Cannstatt und sogar aus Nürtingen kamen in die Hanspeter-Sturm-Halle, um Gelassenheit, Rücksichtnahme, Respekt. Koordination und Körperbeherrschung zu lernen.

Das Projekt wurde – vor allem Dank Yasar Demir, der 17 Stunden die Woche Kinder aller Altersklassen trainierte - ein Erfolg. Aus dem Nichts haben die Beteiligten in kurzer Zeit einen funktionierenden Ringerstandort für Kinder und Jugendliche aufgebaut. Nicht nur Alpay Eser hat durch das Training mit dem 56-Jährigen profitiert: Insgesamt hat der Kornwestheimer Ringernachwuchs sechs Medaillen bei Deutschen Meisterschaften gesammelt.

Aber Demir hatte nicht nur den Leistungssport im Auge. „Er hat auch zwei Kinder mit Autismus in den Trainingsbetrieb integriert und auch Kinder mit anderen Benachteiligungen haben hier eine Heimat gefunden“, sagt Carmen Vergel, deren zehnjähriger Sohn zu den Talenten zählt.

Yasar Demir selbst musste seinen unfreiwilligen Abgang erst einmal verdauen. „Ich bin immer noch sehr enttäuscht über das Verhalten des Vereins und Herrn Heinle“, sagt Demir, der gerade bei seinem Vater in Istanbul weilt. Natürlich hätte es immer wieder kleine Reibereien gegeben und am Ende habe es vielleicht auch nicht optimal gepasst mit der Sikzunft. „Da waren immer offene Punkte, die nicht gelöst werden konnten“, sagt Demir.

Die Art und Weise aber des Rauswurfs ohne jegliche Empathie hat ihn sehr getroffen, nachdem er einen Großteil seiner Freizeit und Herzblut investiert habe. „Ich muss mir jetzt grundsätzlich überlegen, ob es für mich noch Sinn macht, als Trainer weiterzumachen“, sagt er.

Ringen heißt aber auch immer, sich zu überwinden, auch wenn die Lage aussichtslos scheint – und deshalb wird auch Yasmar Demir einen Weg finden, wie er mit den Kindern weiterarbeiten kann. Es gibt seitens der Elternschaft schon konkrete Überlegungen, wie es weiter gehen könnte mit dem ältesten olympischen Sport in Kornwestheim. „Wir hatten schon Kontakt mit dem Stadtverband Kornwestheim, die sich mit dem Fall beschäftigen werden. Vielleicht gründen wir auch einen eigenen Verein“, sagt Gülnaz Bimce, die sich weiter als Jugendleiterin engagieren möchte.

Trainer weiß noch nicht, ob er weitermacht

Eine Option könnte auch eine Zusammenarbeit mit dem TSC Kornwestheim – , eigentlich einem bislang reinen Fußball-Club sein. Am Nebentisch im Café sitzt nämlich Mustafa Temel, langjähriges Vorstandsmitglied des TSC, aktuell Vorsitzender des Türkischen Kulturzentrums und Mitglied im Stadtverband Kornwestheim und wird Zeuge des Gesprächs. „Es wäre vielleicht möglich, dass die Ringer bei uns einsteigen. Wir behalten das i, Auge und finden bestimmt eine Lösung“, sagt er.

Dann könnten die Kinder weiter in der vertrauten Halle mit ihrem Coach auf die Matte gehen. Das alles hört sich auch für Yasar Demir gut an: „Wenn die Eltern einen Weg finden und das Konzept passt, dann bleibe ich an Bord.“

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