Rituale für werdende Mütter Mother Blessing statt Geschenkeparty

Mother Blessing: Blumen, Kerzenschein und viel Raum für Kreativität, Wünsche, Ängste und Sorgen. Foto: Jennifer Mayerle/Maria Bierer

Beim Mother Blessing steht die werdende Mutter im Mittelpunkt. Drei Frauen aus Stuttgart, die diese Feier anbieten, erzählen wie die Zeremonie Schwangere stärken kann.

Zehn Frauen sitzen in einem Kreis, in der Mitte liegen bunte Blumen, ein paar Kerzen flackern. Mit im Kreis sitzt eine werdende Mutter. Sie beginnt ihren Freundinnen und Vertrauten von ihren Ängsten und Sorgen zu erzählen. Dann greift sie zu einem Zettel, auf dem sie sich alles von der Seele geschrieben hat und zündet ihn an. Jetzt sind die übrigen Frauen an der Reihe: Sie sprechen der Schwangeren Wünsche zu und schenken ihr Kraft für die Geburt. Dafür spannen sie auch ein Netz aus einem roten Faden, der sie alle verbindet. Zum Schluss gestalten die Frauen gemeinsam ein Mobile für das Baby.

 

So beschreibt Maria Bierer (Mama Circle) den groben Ablauf eines Mother Blessings, das sie für werdende Mütter in Stuttgart anbietet. „Alle Rituale sind dafür da, die Schwangere zu stärken“, erklärt sie. Kraft zu sammeln, Ängste und Sorgen zu teilen und loszulassen, aber auch Erinnerungen zu schaffen, die durch die Geburt tragen und für immer bleiben. Dabei ist es ihr wichtig, jedes Mother Blessing individuell nach den Bedürfnissen der Schwangeren zu gestalten. Denn im Gegensatz zu einer klassischen Baby-Party steht bei dieser Zeremonie nicht das Kind, sondern die werdende Mutter im Fokus.

Für Maria Bierer ist das Mother Blessing ein emotionales und stärkendes Erlebnis. Foto: Maria Bierer

Das Mother Blessing (Segnung der Mutter) hat seine Wurzeln in der Kultur der Navajo-Ureinwohner aus Nordamerika. Dort wird die rituelle Zusammenkunft auch Blessingway genannt und nicht nur zur Segnung werdender Mütter abgehalten, sondern auch vor dem Beginn anderer Lebensphasen, wie der Pubertät oder einem Umzug. Die Zeremonie soll Kraft spenden, um Übergänge bewusst und gestärkt zu durchleben.

In der breiten Bevölkerung spielen solche Rituale noch keine große Rolle

Zwei bis drei Stunden dauert ein Mother Blessing bei Maria Bierer, das sie bei den Frauen zuhause oder in angemieteten Räumen anbietet. Auf die Idee ist die Stuttgarterin über Instagram gekommen. „Mein Herz hat sofort dafür gebrannt“, erinnert sich die 37-Jährige, die zuvor schon als Yogalehrerin Kurse für Frauen vor und nach der Geburt gegeben hat. 2023 hat sie dann nach einer Fortbildung ihre ersten Mother Blessings veranstaltet.

Heute führt sie die Zeremonie, die im Schnitt 300 bis 500 Euro kostet, mindestens einmal im Monat durch. Häufig werden diese von den Schwangeren selbst oder als Überraschung von Freunden gebucht. Doch auch wenn die Nachfrage steigt, bezeichnet Maria Bierer das Mother Blessing nicht als Trend: „Ich habe aber das Gefühl, dass immer mehr Frauen das Bedürfnis haben, gehört zu werden.“

Diesen Eindruck teilt auch Ruth Hofmeister, erste Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg. Feiern wie das Mother Blessing, die Babyshower oder die Gender-Reveal-Party spielen ihrer Ansicht nach in der breiten Bevölkerung bislang kaum eine Rolle. Dass Frauen Rituale, die den Übergang von der Schwangerschaft zur Mutterschaft symbolisieren, nur selten feiern, führt Hofmeister auf eine lange vorherrschende Sprachlosigkeit der Frauen in Deutschland zurück. „Im Patriarchat gab es dafür keinen Platz“, sagt sie. Auch im Christentum seien Themen wie Schwangerschaft und Geburt lange tabuisiert worden.

Ruth Hofmeister, erste Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg, wünscht Frauen, dass sie eigene Rituale nach ihren Bedürfnissen entwickeln. Foto: Alessandra Scheel

Dabei können sich Schwangere durch Rituale wie dem Mother Blessing empowern lassen, wie Ruth Hofmeister erzählt. Sie schaffen ein Bewusstsein für den Übergang in eine neue Lebensphase und fördern das Gefühl von Gemeinschaft und Unterstützung für die bevorstehende Geburt. „Sie sind auch ein Gegenpol zu belastenden und problemorientierten Erzählungen über Geburten“, sagt sie.

Mother Blessings werden hauptsächlich von Doulas oder anderen Begleiterinnen angeboten, da die Frauen bei diesem Ritual im Kreis ihrer Liebsten emotional und mental gestärkt werden. Laut Ruth Hofmeister gibt es sicherlich auch Hebammen in ihrem Verband, die diese Zeremonie anbieten. In erster Linie sind Hebammen jedoch auf Geburtsvorbereitungskurse spezialisiert, wo sie vor allem Wissen vermitteln und auf Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit vorbereiten.

Viele Veranstaltungen sind stark kommerzialisiert

In den vergangenen Jahren hat sich die Industrie die fehlenden Rituale zunutze gemacht und Feiern wie das Mother Blessing oder die Baby-Shower stark kommerzialisiert. „Da wird ein großer Druck auf die Frauen aufgebaut, alles richtig zu machen und viel Geld auszugeben“, erzählt sie. Verstärkt werde das durch soziale Medien, in denen sich unzählige Bilder und Videos von aufwendig inszenierten und teuren Babypartys tummeln.

Für Ruth Hofmeister braucht es jedoch keine extrem teuren Partys. Auch Treffen im Freundeskreis und selbst entwickelte Rituale schenken werdenden Müttern Kraft, Verbundenheit und Zuversicht: „Ich wünsche den Frauen, dass sie eigene Rituale entwickeln und sich Räume so gestalten, wie sie sie brauchen.“

Ruth Hofmeister und ihr Hebammen-Team haben sich auch selbst ein Ritual ausgedacht: Wenn eine Kollegin in Elternzeit geht, werden gute Wünsche auf Zettel geschrieben, eine Kerze gestaltet oder ein Armband für die Geburt angefertigt. Dieses kann die werdende Mutter während der Geburt anschauen und daraus Kraft schöpfen.

Beim Mother Blessing geht es auch um die Verbindung der Frauen untereinander. Foto: Maria Bierer/Jennifer Mayerle

Frauen besser auf die Geburt vorzubereiten und sie bei der Schwangerschaft zu begleiten, das waren die Gründe, warum Jennifer Mayerle eine Ausbildung zur Doula (nichtmedizinische Geburtsbegleiterin) gemacht hat. Während ihrer Ausbildung hat sie die Kraft von Frauenkreisen und das Mother Blessing kennengelernt. „Es ist etwas sehr Emotionales. Beim Mother Blessing geht es vom Außen ins Innere“, sagt sie. Nicht um den Schein, nicht um die große Feier – sondern darum, woher das Baby kommt, um die Stärke der Frau.

Jennifer Mayerle bietet das Mother Blessing auch in der Hebammenpraxis Freya in Stuttgart an. Foto: Marie Weisser/marie.fotografie@web.de

Zwischen 305 und 345 Euro kostet eine Zeremonie bei der Doula, die entweder in den Räumen der Hebammenpraxis Freya in Stuttgart, bei den Frauen zu Hause oder auch in der Natur stattfindet. Dabei legt Jennifer Mayerle großen Wert auf individuell gestaltete Mother Blessings. Der Ablauf gestaltet sich jedoch oft ähnlich. „Wir starten mit dem alkoholfreien Sektempfang und eröffnen dann den Kreis“, erzählt die 35-Jährige. Dann wird die werdende Mutter mit einem Blumenkranz gekrönt, der entweder mitgebracht oder vor Ort gemeinsam gesteckt wird.

Im Anschluss ehren sie die Vorfahren und meditieren dann. In einer Erzählrunde darf jede Frau von ihrer Verbindung mit der Schwangeren erzählen. Dann darf die werdende Mutter berichten, was sie beschäftigt, und aufgeschriebene Ängste und Sorgen verbrennen.

Die Freundinnen können bis zur Geburt begleiten

Bei den Mother Blessings, die Jennifer Mayerle anbietet, bleibt aber auch viel Platz für Kreativität. Ob Babybauchbemalen, Kettenbasteln oder Kerzengestalten – die entstandenen Werke sollen die Schwangeren bis zur Geburt und darüber hinaus begleiten. „Wenn die Geburt dann losgeht, kann die Schwangere zum Beispiel ein Bild ihrer brennenden Kerze an die anderen Frauen schicken.“

Diese könnten dann ebenfalls eine Kerze anzünden und so ein wenig Licht zur Unterstützung senden. Bei allen Ritualen die Jennifer Mayerle weitergibt, ist es ihr wichtig, die Herkunft dieser zu würdigen und sich der kulturellen Aneignung bewusst zu sein.

Es braucht Erfahrung über Geburt und Mutterschaft

Sich immer wieder daran zu erinnern, woher das Mother Blessing ursprünglich kommt, ist auch Irini Hatzipanagiotou sehr wichtig. Deshalb versucht sie, die besondere Feier mehr Menschen zugänglich zu machen – auch denjenigen, die nicht so viel Geld zur Verfügung haben.

Vor rund vier Jahren beschloss die Stuttgarterin Mother Blessings (mae-cacao) anzubieten. Denn laut Hatzipanagiotou fühlen sich viele werdende Mütter während der Schwangerschaft mit ihren Ängsten und Sorgen allein und nicht mehr als Teil der Gesellschaft – auch nach der Geburt. „Ich habe mich selbst wie ein Alien gefühlt“, erinnert sie sich. Eine spezielle Fortbildung in diesem Bereich hat sie zwar nicht, bringt jedoch viel Erfahrung mit – unter anderem aus Yoga und Gymnastik. Außerdem ist sie selbst Mutter. „Es ist von Vorteil, selbst Mutter zu sein und Wissen über die Geburt mitzubringen“, sagt sie.

Bei einem Mother Blessing bei Irini Hatzipanagiotou können die werdenden Mütter auch eine Kakao-Zeremonie buchen. Foto: Irini Hatzipanagiotou

Ein Mother Blessing (ab 360 Euro) dauert etwa zwei bis drei Stunden und findet bei den Frauen zu Hause, in der Natur oder in angemieteten Räumen wie dem Idogohaus oder in der Ardha Shala Stuttgart statt. Doch egal wo: Im Fokus steht das Gemeinschaftsgefühl der Frauen. „Es geht darum, die Frauen zu empowern und ein ‚Dorf’ für Mutter und Kind aufzubauen.“

Neben Meditations- und Affirmationsreisen, Fußbädern und gemeinsamem Singen bietet sie innerhalb der Zeremonie auch kreative Aktivitäten an, wie zum Beispiel das Gestalten von Naturmandalas oder das Basteln von Mobiles. Auf Wunsch können die werdenden Mütter auch eine Kakao-Zeremonie integrieren.

Dabei trinken sie rohen Kakao, vermischt mit Gewürzen und Wasser. „Das öffnet das Herz und setzt Kuschel- und Glückshormone frei“, erzählt Irini Hatzipanagiotou, die schon seit acht Jahren Kakao-Zeremonien veranstaltet. Zudem sorgt ein Setting aus Blumen, Stoffen, Musik und Duft für Erinnerungen, die über die Geburt hinaus im Herzen bleiben sollen. 

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