Dem neuen Chef der Regionalen Kliniken Holding merkt man seine Vergangenheit in der Unternehmensberatung an. Marc Nickel spricht schnell, denkt in Zahlen und benutzt Begriffe wie „Marktanteile“, „Wachstum“ und „Potenziale“. Der medizinische Geschäftsführer der größten kommunalen Krankenhausgruppe in Baden-Württemberg ist ein Zahlenmensch – und wird aber trotz dessen oder genau deswegen von Aufsichtsräten und Belegschaft geschätzt.
Angesichts eines strengen Sparkurses, Personalabbaus und Effizienzsteigerungen könnten in Zukunft der ein oder andere Konflikt auf die neue Geschäftsführung zukommen.
Effizienz und klare Regeln
Die Lage ist ernst. Die Kliniken in Ludwigsburg und Bietigheim schreiben jährlich ein Defizit von fast 50 Millionen Euro. Ein Minus, das der Landkreis auf Dauer nicht mehr ausgleichen kann. Nickels ambitioniertes Ziel: ein ausgeglichenes laufendes Betriebsergebnis bis 2028.
Um das zu erreichen, hat die Geschäftsführung einen umfassenden Strategieprozess gestartet. Der beginnt bei einer neuen Führungsstruktur und soll die Kommunikation mit Belegschaft und Aufsichtsrat verbessern. Gleichzeitig sollen Kosten gesenkt werden – etwa bei der Materialbeschaffung, im OP-Management, bei der Gerätenutzung und im Verwaltungsaufwand. Auch frühere Entlassungen von Patienten und kürzere Liegezeiten gehören zu den Stellschrauben.
Parallel dazu sollen die Patientenzahlen wieder steigen. In den vergangenen Jahren haben die RKH-Kliniken im Wettbewerb mit Krankenhäusern aus Stuttgart und der Region Marktanteile verloren.
Ich sehe jedenfalls keine Grausamkeiten auf das Personal zukommen
Hagen Klee, Betriebsratsvorsitzender
Die Logik der Geschäftsführer: Da alles effizienter wird, kann auch auf Personal verzichtet werden. Über fast alle Fachbereiche könnten Stellen abgebaut werden – ohne betriebsbedingte Kündigungen, aber beispielsweise auch im ärztlichen Bereich. Nur eine Berufsgruppe bleibt ausdrücklich ausgenommen: die Pflege.
Hier soll sogar das Gegenteil passieren. Die vielen Zeitarbeitskräfte, die die RKH nach Angaben aus dem Umfeld des Unternehmens jährlich rund 20 Millionen Euro kosten, sollen möglichst als Festangestellte gewonnen werden. Das spart Geld und zahlt auf das Ziel Nickels ein, ein familiäres und loyales Klima in der Belegschaft zu schaffen.
Den Abbau der Zeitarbeitskräfte befürwortet auch der Betriebsrat. Er könne sich sogar vorstellen, dass die RKH mit dem Aufbau der festangestellten Pflegekräfte am Ende sogar leicht an Personal gewinnt, sagt der Betriebsratsvorsitzende Hagen Klee. „Ich bin zuversichtlich, dass es ohne größere Grausamkeiten klappen wird.“
Konflikte mit Chefärzten?
Klingt für einige Beobachter erst einmal nach einem verkraftbaren Sparkurs. Doch ein mögliches Konfliktfeld sehen Betriebsrat und mehrere Aufsichtsräte dennoch. Denn die Ärzte werden eine große Last der Veränderungen tragen müssen. Bereits jetzt deutet sich an, dass einigen leitenden Ärzten die Einschnitte zu weit gehen könnten.
Künftig soll die Medizin strengeren Regeln und klaren Abläufen folgen. Ärzte müssen stärker auf ihre Ausgaben achten, Chefärzte sich intensiver mit Zahlen beschäftigen. Nach übereinstimmenden Aussagen aus dem Klinikumfeld habe der frühere Geschäftsführer Jörg Martin den medizinischen Abteilungen in dieser Hinsicht große Freiheiten gelassen, wirtschaftliche Aspekte hätten eine untergeordnete Rolle gespielt. Der Kurswechsel dürfte daher vor allem bei älteren Chefärzten auf Widerstand stoßen.
Marc Nickel ist sich dieser Spannungen bewusst. In der Kreistagssitzung vergangene Woche betonte er, dass er mit jedem Chefarzt die neue Strategie in einem Vier-Augen-Gespräch besprochen habe. Rund 100 Stunden habe er dafür investiert.
Ob das Konsolidierungsvorhaben gelingt, der angestrebte Kulturwandel greift und sich mögliche Konflikte mit den Chefärzten befrieden lassen, wird sich zeigen. Klar ist: Der Sparkurs ist gesetzt – und der Spielraum für Fehler klein.