Russischer Nationalismus Ukrainische Sprache unerwünscht
Wie Ukrainisch schon im russischen Zarenreich zur unerwünschten Sprache wurde.
Wie Ukrainisch schon im russischen Zarenreich zur unerwünschten Sprache wurde.
Bad Ems zählt sicherlich zu den in Geschichtsbüchern am häufigsten erwähnten Kurorten. Die „Emser Depesche“, ein im Sommer 1870 an Otto von Bismarck verschicktes Telegramm, gilt als Zündfunke für den Deutsch-Französischen Krieg. Der „Emser Erlass“ des russischen Zaren Alexander II. ist weniger bekannt: Ende Mai 1876 verbot der Kremlherrscher damit die Einfuhr und Veröffentlichung von ukrainischen Büchern in seiner Heimat: Ukrainisch wurde damit in Russland zur unerwünschten Sprache.
Die Russen betrachteten ihre ukrainischen Nachbarn über Jahrhunderte als Teil der eigenen Nation: Sie nannten sie deshalb „Kleinrussen“. Als allerorten der Nationalismus florierte, erlitt der russische Nationalstolz mit der Niederlage im Krimkrieg (1856) gegen das Osmanische Reich einen empfindlichen Tiefschlag. Das führte zur einer Reihe von Reformen unter dem als Modernisierer angetretenen Zaren Alexander II. Während dessen Regierungszeit betrieb Moskau jedoch auch eine Russifizierungspolitik gegenüber allzu eigenständigen Minderheiten.
Die Ukrainer waren im Unterschied zu Russland stark nach Westen orientiert. Sie „wurden von europäischen Strömungen wie dem Humanismus und der Reformation beeinflusst, die Russland nur streiften“, so der Historiker Andreas Kappeler. Unter russischer Ägide wurden die ukrainische Sprache und Kultur zunehmend ins Abseits gedrängt. 1863 ordnete der Innenminister des Zaren an, dass nicht mehr in ukrainischer Sprache unterrichtet werden dürfe. Mit dem „Emser Erlass“ wurden auch Theateraufführungen, Romane und öffentliche Vorträge in dem unerwünschten „Dialekt“ untersagt. Von dort führt eine direkte Spur in die Gegenwart, in der Wladimir Putin die Unabhängigkeit der Ukraine gerne beenden würde.