S-Bahn Stuttgart Lage bei der S-Bahn verschärft sich nochmals
Im Jahr 2025 ist die S-Bahn Stuttgart zwei Millionen Kilometer weniger gefahren, als vereinbart war. Die Misere kommt die DB-Tochter teuer zu stehen. Auch der Ausblick ist düster.
Im Jahr 2025 ist die S-Bahn Stuttgart zwei Millionen Kilometer weniger gefahren, als vereinbart war. Die Misere kommt die DB-Tochter teuer zu stehen. Auch der Ausblick ist düster.
Die S-Bahnfahrgäste, die sich lange Zeit als sehr geduldig und leidensfähig erwiesen haben, reagieren zunehmend auf die Dauermisere im Netz: das Angebot werde „mittlerweile als zu unzuverlässig und nicht mehr alltagstauglich wahrgenommen“, schreibt der Verband Region Stuttgart (VRS), der die S-Bahnleistungen bestellt und bezahlt.
Die alarmierende Bestandsaufnahme steht in einem Papier zum Thema Qualität der S-Bahn im Jahr 2025, über das der Verkehrsausschuss des VRS am Mittwoch debattiert hat. Immer im Frühjahr muss der S-Bahnchef – in diesem Fall der scheidende Vorsitzende der Geschäftsleitung, Matthias Glaub, – die Leistung der S-Bahn vor den Regionalräten bilanzieren. Gute Nachrichten hatte er in den vergangenen Jahren und auch für 2025 nicht im Gepäck.
Baubedingt seien die S-Bahnen im vergangenen Jahr 2,04 Millionen Kilometer – das entspricht 15 Prozent des jährlichen Auftragsvolumens – weniger unterwegs gewesen, als vereinbart. Zum Vergleich: im Jahr 2018 lag dieser Wert noch bei 0,07 Millionen Kilometer. Vor allem Arbeiten entlang der Strecken bremsen den Verkehr massiv aus. „An 342 von 365 Tagen wurde im Netz der S-Bahn Stuttgart gebaut“. Die eingesetzten Ersatzbusse haben im Jahr 2025 eine Strecke in Summe zurückgelegt, die gereicht hätte, um von der Erde zum Mond, wieder zurück und abermals zum Mond zu fahren.
Der Malaise zum Trotz sind die Fahrgastzahlen 2025 im Vergleich zum Jahr 2024 gestiegen, auf nun 105,8 Millionen. Damit fehlen immer noch gut 25 Millionen Passagiere im Vergleich zu 2019, dem letzten Jahr vor der Corona-Pandemie als mehr als 130 Millionen Menschen mit der S-Bahn unterwegs waren. Matthias Glaub erinnerte auch daran, dass das S-Bahnnetz ursprünglich für 100 000 Reisende am Tag ausgelegt war. Aktuell steigen im Schnitt täglich 290 000 Menschen in die Bahnen ein.
Bei der Region ist man ernüchtert. Das marode Netz, Dauerbaustellen und technische Unzulänglichkeiten der Bahnen seien ein Dauerzustand, der den Fahrgästen ein „hohes Maß an Flexibilität“ abverlange. „Das Jahr 2025 stellte in dieser Hinsicht für viele erneut eine große Herausforderung dar, welche die bereits schwierigen Umstände des Vorjahrs nochmals übertraf“. Die Pünktlichkeit bleibe ein großes Sorgenthema. Bei der sogenannten Sechs-Minuten-Pünktlichkeit erreichte die S-Bahn 2025 nur einen Wert von 85 Prozent – der Rückgang gegenüber 2024 beträgt fünf Prozentpunkte. Der im Vertrag zwischen Region und S-Bahn vereinbarte Zielwert liegt bei 98 Prozent.
Das bleibt nicht ohne Folgen. Die S-Bahn muss an den Verband Geld für diese Minderleistung bezahlen. 7,3 Millionen Euro sind das für 2025, die „aufgrund von Abweichungen vom Regelfahrplan, Zugausfällen jeglicher Art sowie verminderter Zugbildung“ fällig werden. Hinzu kommen nochmals 2,1 Millionen Euro, die die S-Bahn berappen muss, weil sie den vereinbarten Qualitätsstandards unter anderem in Sachen Sauberkeit und Sicherheit nicht gerecht wurde. Weil der Zustand nun über Jahre anhält, bestünde die Möglichkeit den S-Bahnvertrag zu kündigen, was die Geschäftsstelle des Regionalverbandes aber nicht empfiehlt.
S-Bahnchef Matthias Glaub hat erst gar nicht versucht, die Lage zu beschönigen. „Das war kein gutes Jahr für die S-Bahn“, sagte er vor den Regionalräten. Allerdings sah er auch Grund zur Zuversicht. So seien die Zugausfälle, die von der S-Bahn selbst verursacht wurden, gegenüber 2024 um 40 Prozent gesunken. Auch die Rückkehr zum längeren 15-Minuten-Takt in den Abendstunden, der vorübergehend zur Stabilisierung des Systems ausgesetzt worden war, verbuchte Glaub auf der Habenseite.
Große Sprünge sind aber für das laufende Jahr nicht zu erwarten. Hoffnungen auf erhebliche Verbesserungen dämpfte Glaub: „Baustellen werden auch 2026 das Betriebsgeschehen der S-Bahn Stuttgart prägen und unsere Fahrgäste belasten.“ Michael Herdecker von der Bahnnetztochter Infrago verbreitete vorsichtige Zuversicht, dass die Stammstreckensperrung 2027 nicht die Ausmaße von 2026 annehmen wird, wenn der zentrale Abschnitt des S-Bahnnetzes 54 Tage lange gesperrt sein wird.
Die Regionalräte lobten zwar die Offenheit der Bahnvertreter und das ehrliche Bemühen, wieder zuverlässiger zu werden. Den status quo kommentierten sie aber weniger gnädig. Die Lage sei „schlichtweg ernüchternd“, man habe einen Tiefpunkt erreicht, sagte Hartmut Holzwarth (CDU). „Sie haben in den vergangenen Jahren erheblichst Vertrauen verspielt“, sagte Michael Lateier (Grüne) an die Adresse der beiden DB-Vertreter. Frank Buß (Freie Wähler) brachte eine vorübergehende Ausdünnung des Taktes ins Gespräch. Man müsse „von der Katastrophe zu einer Katastrophe light“ kommen. Michael Makurath von der SPD-Fraktion fühlte sich an das ewig grüßende Murmeltier erinnert. „Es ist ein Wunder, dass die Fahrgastzahlen trotzdem gestiegen sind“.