Sängerhalle in Untertürkheim Chorgemeinschaft will Halle an die Stadt verkaufen
Die Chorgemeinschaft Untertürkheim kann die Sanierungskosten in Höhe von gut 15 Millionen Euro nicht stemmen. Der Verein will das Gebäude deshalb an die Stadt verkaufen.
Die Chorgemeinschaft Untertürkheim kann die Sanierungskosten in Höhe von gut 15 Millionen Euro nicht stemmen. Der Verein will das Gebäude deshalb an die Stadt verkaufen.
Was wird aus der Sängerhalle im Lindenschulviertel, die sich im Besitz der Chorgemeinschaft Untertürkheim befindet? Nachdem sich die Hoffnung des Vereins auf einen Sanierungszuschuss vor eineinhalb Jahren zerschlagen hatte, wagt die SPD-Gemeinderatsfraktion vor den nächsten Haushaltsberatungen im Herbst einen erneuten Vorstoß. In einem Antrag wird die Stadt aufgefordert, in Kaufverhandlungen mit dem Verein zu treten. Parallel dazu soll die Verwaltung ein Nutzungskonzept für das Zentrum erarbeiten.
Offenbar gab es bei den Vereinsvorsitzenden und Mitgliedern einen massiven Meinungsumschwung. „Die Chorgemeinschaft Untertürkheim hat mit großer Mehrheit auf Ihrer Mitgliederversammlung beschlossen, die Sängerhalle nicht mehr in Eigenverantwortung betreiben, sondern an die Stadt verkaufen zu wollen“, weiß SPD-Stadtrat Michael Jantzer.
Nach Meinung der Sozialdemokraten die richtige Entscheidung, denn der Verein hätte die 2021 geschätzten Sanierungskosten in Höhe von mehr als 15 Millionen Euro „nie und nimmer“ alleine stemmen können.
„Eine hervorragende Chance für die Stadt Stuttgart, endlich ein Kultur- und Bürgerzentrum für die oberen Neckarvororte zu realisieren“, sagt Michael Jantzer. „Mit der Sängerhalle, zentral gelegen und gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar, haben wir die Chance, ein Kultur- und Bürgerzentrum für die Menschen in Untertürkheim, Obertürkheim, Wangen und Hedelfingen zu schaffen“, so der Betreuungsstadtrat für Untertürkheim. „Solch eine Einrichtung wäre eine große Bereicherung für unsere Stadtbezirke.“
Die Rathaus-SPD wünscht sich nicht nur ein Wertgutachten für die Sängerhalle und Kaufverhandlungen mit der Chorgemeinschaft. „Gleichzeitig soll ein Nutzungskonzept erarbeitet werden“, so Jantzer. Denkbar wäre nach Ansicht der SPD eine Verwaltung des Hauses durch das Bezirksamt Untertürkheim und eine Kuratierung des Betriebs durch das Kulturamt. Bei den im Herbst anstehenden städtischen Haushaltsberatungen sollte das Vorhaben von der Stadtverwaltung bereits berücksichtigt werden.
Seit Jahren wird um eine Lösung für das marode Kultur- und Kongresszentrum im Lindenschulviertel gerungen. Schon zum Doppeletat 2020/2021 hatte die Chorgemeinschaft Untertürkheim einen Zuschussantrag über 1,9 Millionen Euro gestellt, der Gemeinderat hatte jedoch zunächst nur eine Zuwendung in Höhe von 125 000 Euro zur Erstellung eines Sanierungskonzepts beschlossen. Seit dem Frühjahr 2021 liegt die Machbarkeitsstudie vor.
Neben behindertengerechten Zugängen braucht die Sängerhalle einen neuen Küchenbereich. Der Bühnenbereich muss technisch modernisiert werden. Neue Künstlergarderoben mit jeweils eigenen Toiletten, Aufzug und Treppe sollen eingebaut werden.
Auch die Haustechnik ist veraltet und muss auf den neuesten Stand gebracht werden. Unterm Strich ergibt sich die gewaltige Summe von 15,2 Millionen Euro, die in das Gebäude investiert werden muss.
In den Beratungen zum städtischen Haushalt 2022/2023 hatten die Gemeinderatsfraktionen von CDU, FDP und den Freien Wählern in ihren Anträgen Fragen zur Zukunftssicherung der Sängerhalle gestellt. Die Antwort von Fabian Mayer, dem Ersten Bürgermeister Stuttgarts, fiel damals jedoch ernüchternd aus: „Ein Investitionszuschuss der Stadt an die Chorgemeinschaft zur Sanierung der Sängerhalle ist grundsätzlich möglich, setzt jedoch ein städtisches Interesse am Erhalt der privat betriebenen Sängerhalle voraus. Dieses muss sich haushaltsrechtlich aus einer erkennbaren Gemeinwohlorientierung der Nutzungen im Sinne der Förderung des sozialen und kulturellen Wohls der EinwohnerInnen der Stadt oder des Stadtbezirks herleiten.“ Und das sei nicht erkennbar.
Entstehung
Der Liederkranz kaufte 1905 ein Haus mit Gaststätte in der Lindenschulstraße 29 und baute binnen eines halben Jahres eine Halle dazu. Aus dem Liederkranz ist nach dem Krieg die Chorgemeinschaft Untertürkheim hervorgegangen, die bis heute Eigentümerin der Sängerhalle ist.
Weltkriege
Im Ersten Weltkrieg diente das Gebäude als Lager für französische Kriegsgefangene, während des Zweiten Weltkriegs war es Unterkunft für russische Zwangsarbeiterinnen, die für das benachbarte Daimler-Werk arbeiteten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Amerikaner auf die nicht stark beschädigte Sängerhalle aufmerksam. Die amerikanische Militärregierung nutzte die Halle für einen Kriegsverbrecherprozess gegen den ehemaligen Reichswirtschaftsminister Hjalmar Schacht.
Rundfunk
In den 50er Jahren nutzte Radio Stuttgart den Saal für Proben und Aufnahmen, in den 70er und 80er Jahren diente die Sängerhalle der IG Metall als Streiklokal.