Vier Jugendliche der Stuttgarter Schachfreunde haben sich zum Deutschen Mannschaftsmeister in ihrer Altersklasse gespielt.
Mit 18 Jahren wurde der Inder Dommaraju Gukesh 2024 zum jüngsten Weltmeister in seiner Sportart gekrönt. In Indien ist Gukesh ein Star, genauso wie Viswanathan Anand, der dortzulande als Pionier im Schach gilt – einem Sport, der in Deutschland deutlich weniger Ansehen genießt, als in vielen anderen Ländern dieser Welt. Das haben auch die Jungs der U16 der Stuttgarter Schachfreunde gemerkt, die Ende des vergangenen Jahres den Deutschen U-16-Meistertitel gewonnen haben. Denn mediale Aufmerksamkeit hat diese Errungenschaft nicht erzeugt.
Schachfreunde Stuttgart spielen im Stuttgarter Westen
Derweil ist nach der Meisterschaft für die erfolgreichen Stuttgarter vor der Meisterschaft. Geübt werden muss weiterhin. Deshalb geht es beinahe geräuschlos an einem Dienstagabend im Spielsaal im Stuttgarter Westen zu. Nur ein dumpfes Verschieben von hölzernen Figuren mit Filzboden ist zu hören, wenn die Schachenfreunde ihren wöchentliche Spielabend veranstalten. Von außen wirkt es wie eine ruhige Angelegenheit beziehungsweise ein ruhiges Spiel. Aber innerlich wird gerechnet, Bilder von vergangenen Partien werden abgerufen und Spielzüge analysiert. Im Kopf rattert es. Daniel Nunez Grégoire, Elias Gotfried, Letong Zhong und ihr Trainer Gerhard Lorscheid (Daniil Yasmo ist als vierter Spieler des Meisterteams an diesem Tag nicht dabei) sitzen sich an zwei Schachbrettern gegenüber und wählen ihren nächsten Zug überlegt. Dabei ist die oberste Prämisse: „Die Sicherheit des Königs“, sagt Lorscheid. Der eigene muss beschützt, der gegnerische „Matt“ gesetzt werden, um das Spiel zu gewinnen – sollte der Gegner nicht vorher aufgeben, weil er die Niederlage als unausweichlich empfindet und sich weitere Mühe ersparen möchte.
Ein solches Szenario stellten die Gegner der vier Jungs bei der Deutschen U-16-Meisterschaft in Dresden des Öfteren fest. Als Favorit gingen die Stuttgarter in das Turnier und bestätigten diese Rolle nach einer überraschenden Auftaktniederlage. Gespielt wurde nach dem Schweizer System: Nach einer zufällig gelosten Erstrunde spielten im Anschluss immer punktgleiche Teams gegeneinander. In sieben Durchgängen spielten sich die Stuttgarter dabei mit sechs Siegen an die Spitze der 20 teilnehmenden Teams. „Es hat sich gar nicht so angefühlt, als hätten wir jetzt die Deutsche Meisterschaft gewonnen“, sagt Letong bescheiden. Danach sei es als Belohnung zu einem örtlichen Italiener gegangen, erklärt Trainer Lorscheid.
Über ein Turnier im Bezirk, beim Verband und schließlich Baden-Württemberg-weit qualifizierte sich das Team für die Deutsche Meisterschaft. Der Ablauf wiederholt sich jedes Jahr. Es gibt kein Ligensystem, in dem Mannschaften auf- oder absteigen können. In der Jugend haben alle Vereine so jedes Jahr die Chance auf die nationale Meisterschaft. Daniel, Elias, Letong und Daniil können ihren Triumph im nächsten Jahr wiederholen, denn eigentlich spielen sie noch für die U15. „Da krallen wir uns den Titel direkt noch mal“, sagt Daniel selbstbewusst.
Training findet meist online statt
Dafür muss weiter trainiert werden. Das Training findet meist online statt und wird von Lorscheid geleitet, der die Jugendlichen seit etwa zweieinhalb Jahren weiterbildet. „Es geht viel um das Wissen bestimmter Stellungen der Figuren. Das ist heutzutage mit dem Computer trainierbar.“ Die Lösung für diese Stellungen sollen dann abrufbar sein, wenn sie im Spiel auftauchen. Solche Muster können von einzelnen Situationen bis hin zu kompletten Spieltaktiken reichen. „Es ist wie eine Art Rezept für das Spiel“, erklärt Lorscheid.
Stuttgarter ist Top-Fünf-Spieler Deutschlands
Dennoch ist Schach ein äußerst komplexes Spiel. Für Daniel, der in seiner Altersklasse zu den Top-Fünf-Spielern Deutschlands gehört, lässt es sich mit der Naturwissenschaft erklären. „Schach hat Ähnlichkeiten zu chemischen Gesetzen. Es gibt viele einzelne Bausteine, die zusammen ein komplexes System ergeben. Kleine Unterschiede können die ganze Reaktion und damit auch das Ergebnis verändern“, sagt er. Ob also der König auf dem Feld nebenan steht oder der Gegner einen Bauer weniger hat, kann das komplette Spiel auf den Kopf stellen.
Um noch besser zu werden, spielt und trainiert Daniel mittlerweile vier bis fünf Stunden am Tag, weil er um sein Talent in diesem Sport weiß. „Das hilft auch ganz gut, wenn mir mal langweilig ist“, sagt er. Letong verbringt zwar nicht ganz so viel Zeit mit dem Schachspiel, übt aber dennoch eine Stunde täglich am Brett. Für ihn sei auch der gesellschaftliche Aspekt wichtig. Gerhard Lorscheid weist zudem auf die kognitiven Vorteile hin. „Schach ist Gedächtnistraining. Es fördert außerdem die Fähigkeit, Probleme zu lösen“, sagt der Trainer.
Mit Erfolgen wie denen von Dommaraju Gukesh lässt sich im Schach inzwischen viel Geld verdienen. Internationale Turniere sind mit Preisgeldern in Millionenhöhe dotiert, Sponsoren und Förderprogramme sichern Karrieren ab. In Ländern wie Indien oder auch Teilen Osteuropas ist Schach längst ein professioneller Leistungssport. In Deutschland dagegen bleibt selbst ein nationaler Meistertitel im Jugendbereich vor allem eine ideelle Auszeichnung. Preisgelder spielen kaum eine Rolle, finanzielle Perspektiven ebenso wenig. Für die vier Jungs der Stuttgarter Schachfreunde endet der Titelgewinn deshalb vorerst dort, wo er begonnen hat: am Brett im Spielsaal – leise, konzentriert und mit einer Leistung, die in Deutschland mehr Aufmerksamkeit verdient.