Schauspiel Stuttgart: „Der Zauberlehrling“ Faule Jugend und gescheiterte Alte

Sie werden die Geister nicht mehr los: die Zauberlehrlinge Felix Jordan, Noëlle Haeseling und Noah Ahmad Baraa Meskina. Foto: Schauspiel Stuttgart Klein/Björn Klein

Funktioniert Basisdemokratie im Theater? Ein junges Regieteam hat es versucht und Goethes „Zauberlehrling“ als Kampf der Generationen inszeniert.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Schön, dass das jemand so deutlich sagt: Die Jugend ist faul. Ihre Devise: „mehr Hobby, mehr Freizeit, mehr Leben, weniger Job“. Die jungen Leute räumen sogar offen ein, dass sie lieber chillen. „Keinen Bock auf Burn-out!“ Für den Ausbilder steht fest: „Absolut unbrauchbar!“ Alles nur Vorurteile? Im Kammertheater geht es in der neuen Produktion „Der Zauberlehrling“ um den uralten Konflikt zwischen den Generationen. Schon Goethe scheint seine liebe Not mit der Jugend gehabt zu haben, sodass er eine seiner berühmtesten Balladen dem jugendlichen Übermut widmete. Als sich der Zauberlehrling wie ein Großer aufspielt, geht das gewaltig schief. Das Wasser fließt und fließt. „Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los.“

 

Azubis statt Lehrlingen, Musical statt Dichtkunst

Im Kammertheater ist es zwar nur Badeschaum, der aus der Maschine rülpst, aber die vier Zauberlehrlinge, die hier bei einem abgehalfterten Magier eine Ausbildung machen wollen, gehen ebenso unbescheiden ans Werk wie einst bei Goethe. Es ist eine originelle Idee, die sich Marthe Meinhold und Marius Schötz vorgenommen haben, indem sie die Ballade in die Gegenwart geholt haben mit Azubis statt Lehrlingen und Zauberkunst statt Geistern. Und anstelle von Dichtkunst präsentieren sie eine Art Musical mit gesungenen Passagen.

Es ist bereits die zweite Arbeit des Regieduos am Schauspiel Stuttgart. Denn obwohl Marthe Meinhold und Marius Schötz selbst erst am Anfang ihrer Laufbahn stehen, werden sie bereits als Hoffnungsträger gehandelt wegen ihrer ganz eigenen Methode. Sie setzen auf einen basisdemokratischen Arbeitsprozess. So haben sie Goethes Ballade mit dem Team gelesen und die spontanen Reaktionen zusammengetragen. Im Lauf des Probenprozesses entwickelte sich ein Abend, der die jugendliche Selbstüberschätzung, die Goethe ins Zentrum stellte, weiter fasst und heutige Generationen aufeinanderprallen lässt.

Der alte Meister fordert bedingungslosen Einsatz

So ist der alte Meister (Klaus Rodewald) nun ein typischer Vertreter der Leistungsgesellschaft, für den der Beruf Berufung sein muss. „Zuerst war ich Zauberer, dann war ich Mensch.“ Gescheitert ist der Alte dennoch – und kann nicht ablehnen, als doch noch vier junge Leute in seine Lehre gehen wollen. Die aber suchen nicht Glamour und Selbstverwirklichung, sondern eine „Festanstellung“. Welche Qualifikationen sie mitbringen? Der eine hat in einem Handyladen gejobbt, der andere hat „ein bisschen Erfahrung in Excel“.

Das ist amüsant, wobei das Team eher auf Ironie als Humor setzt. Marius Schötz hat eingängige Songs geschrieben mit einfachen Texten wie „Ich bin jung, ich bin da“. Später, als die erste eigene Zauberei gründlich gescheitert ist, heißt es „Ich habe versagt“. Auch die Dialoge sind schlicht, damit wirklich jeder versteht, dass hier Babyboomer und Generation Z gegenübergestellt werden. Inhaltlich kommt man dabei über die gängigen Stereotypen nicht hinaus.

Auch darstellerisch überzeugt keiner so richtig und ist Noëlle Haeseling die Einzige, die singen kann. Aber letztlich ist es auch gar nicht der Anspruch des Regieduos, durch künstlerische Qualität zu überzeugen, sondern rangiert die Idee des Miteinanders höher als das Ergebnis.

Wenn man die Erwartungen nicht hochschraubt, kann man nicht scheitern

Der alte Meister mag zaubern können – und Klaus Rodewald präsentiert tatsächlich einige leichte Zaubertricks. Aber die großen Leuchtbuchstaben „No Magic“ auf der Bühne sind hier Programm. Dieses Theater verweigert sich einer Tradition, bei der sich ein einzelner eitler Meister selbst verwirklicht. Das Theater von Marthe Meinhold und Marius Schötz will „Empathie“ statt „Ellbogen“. Als Idee ist das bedenkenswert, ansonsten sollte man es wohl eher mit den Zauberlehrlingen halten: „Wenn man die Erwartungen nicht so hochschraubt, kann man nicht scheitern.“

Der Zauberlehrling: am 27., 28.2. und am 2., 22. bis 24., 29.3.

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