Schlachthof-Areal in Esslingen Der „Goldene Ochse“ ist Geschichte

Bevor die Abbruchbagger anrückten, wurde wenigstens der steinerne Ochsenkopf gerettet. Foto:  

Jetzt sind die Bagger am Werk: Der überwiegende Teil des Schlachthofgeländes in der Esslinger Weststadt ist schon abgebrochen. Auch das frühere Traditionsrestaurant Goldener Ochse steht nicht mehr – ein Nachruf.

Esslingen - Das Gelände des ehemaligen Schlachthofs in Esslingen hat sich verändert: Gebäude werden abgebrochen, weil auf dem Areal Wohnungen entstehen sollen. Auch die frühere Schlachthofgaststätte steht nicht mehr, der Ochsenkopf an der Fassade wurde jedoch gerettet. Mit dem prägnanten Gebäude am Eingang zu dem Gelände fiel auch ein Traditionshaus den Baggern zum Opfer. Viele Esslinger stimmt das wehmütig.

 

Tine Sommer zum Beispiel. Sie bewirtschaftete von 1998 bis 2012 zusammen mit ihrem Ehemann Theo das Restaurant unter dem Namen Schlachthof. Das Haus mit der kleinen ausgefallenen, täglich wechselnden Speisekarte hatte einen guten Ruf. Stammkunden kamen nicht nur aus Esslingen, sondern viele auch aus Stuttgart und einige darüber hinaus.

Leckere Gerichte und groovige Klänge

„Der Schlachthof war unser Baby, diese Zeit habe ich wirklich geliebt“, sagt Tine Sommer. Sie schwärmt heute noch von der lässigen Atmosphäre, der Lage, die es erlaubte, auch mal länger draußen sitzen zu bleiben, der Kulisse mit den felsigen Weinbergen und letztlich auch von dem geschichtsträchtigen Haus. Viele ehemalige Gäste denken gerne daran zurück: lange laue Sommernächte im Hof vor dem Lokal, leckere Gerichte, dazu groovige Klänge wie von „Buena Vista Social Club“.

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„Wir haben beim Einzug eigentlich nur frische Farbe auf die Wände gebracht. Die Möbel wie die Bauerntische, die Bänke und die Schränke haben genau reingepasst“, erinnert sie sich. Sommers haben auch im Haus gewohnt. Ihr Sohn Tim ist dort aufgewachsen, zwischen Tischen und Bänken und auf dem Hof umher gewuselt. Tine Sommer erinnert sich auch gern an ihr „tolles Personal“, mit dem sie heute noch Kontakt habe. „Auf den Schlachthof werde ich heute noch angesprochen“, sagt sie wehmütig.

Der Vermieter der Sommers war Fritz Mayer, der damalige Vorsitzende der Metzger-Innung. „In der Gaststätte hatten wir immer unsere Besprechungen“, sagt Mayer über das Gebäude, das er und seine Kollegen nur „das rote Haus“ genannt hätten. Als Sommers das Schlachthaus-Restaurant übernahmen, stand das Haus schon eine Weile leer.

Der Ochsenkopf ist gerettet

Die Vorgängerin der Sommers muss eine Legende gewesen sein. „Frau Flumm“ – an den Vornamen erinnert sich niemand mehr – damals schon im Ruhestandsalter, hatte ihr Angebot dem Zeitfenster der dort arbeitenden Metzger angepasst. So berichten Zeitzeugen von riesigen Schnitzeln, die vom Morgengrauen bis in den Abend auf die Teller kamen. Auch Tine Sommer kennt diese Geschichten noch: „Taxifahrer oder andere Leute, die von einer Nachtschicht kamen, aßen bei Frau Flumm regelmäßig ihr Schnitzel.“ Als der Schlachtbetrieb 1997 eingestellt und nach Göppingen in den neuen Schlachthof umgesiedelt wurde, schloss auch die Schlachthof-Gaststätte, bevor Tine und Theo Sommer die Gastronomie mit einem neuen Konzept übernahmen.

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Til Maehr, seit mehr als 30 Jahren in Esslingen in Sachen Antik-Märkten und Flohmärkten unterwegs, hatte bis ins Jahr 2008 seine Firma „Form und Stein“ auf dem Schlachthof-Areal. Schon damals hatte er ein Auge auf den steinernen Ochsenkopf über der Eingangstür des Restaurants geworfen. Dass der imposante Kopf ein Opfer der Baggerschaufel werden sollte, missfiel ihm. Und es ist ihm gelungen, die Skulptur an der Fassade der ehemaligen Schlachthof-Gaststätte zu retten.

„Nur mit Hilfe der Abbruchfirma konnte das geschehen“, berichtet Maehr. Die Männer hätten auf der Drehleiter stehend, den Ochsenkopf mit einer Art Bohrhammer aus der Mauer geschlagen und so sicher geborgen. Der Kopf ist nun bei Maehr eingelagert. „Er ist sehr schwer, ich schätze mehr als 100 Kilo“, sagt Maehr. Die Größe taxiert der Esslinger auf 50 auf 70 Zentimeter, mitsamt den Hörnern würde die Ausdehnung aber etwa einen Meter umfassen. Die Grundfarbe ist bräunlich mit einem goldfarbenen Überzug. Um das Material des Kopfes sicher zu benennen, will Maehr aber einen Steinmetz fragen. Mit dem markanten Ochsenkopf konnte wenigstens ein Stück des traditionellen Hauses bewahrt werden.

120 Wohnungen und einige Büros sollen hier entstehen

Wohnungsbau
 Die Arbeiten auf dem Areal an der Schlachthofstraße werden bis Ende des Monats beendet sein, sagt Alexander Pilgrim, einer der Geschäftsführer der Gelände-Eigner, der Firma Mego GmbH. Geplant ist eine Wohnbebauung mit 120 Wohneinheiten sowie einigen Büroeinheiten. 40 Prozent der Wohnungen sollen sozial gefördert sein. Eine Tiefgarage wird es ebenfalls geben. „Wir hoffen die Baugenehmigung im Zeitraum zwischen Juni und Oktober zu bekommen“, erklärt Pilgrim. Die Fertigstellung sei bis Ende 2024/Anfang 2025 geplant. Ein größeres Zeitfenster sieht Franz Schneider, der stellvertretende Leiter des Stadtplanungsamts in Esslingen und zuständig für städtebauliche Planungen. Er rechnet mit einer Baugenehmigung Anfang nächsten Jahres und mit dem Baubeginn Mitte 2023.

IBA 2027
Auf dem Gelände liegt ein besonderes Augenmerk, denn es ist gemeinsam mit dem angrenzenden, ehemaligen Stadtwerke-Areal ein Vorhaben im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 2027 (IBA). Die Stadt bemüht sich laut Franz Schneider, den Status eines IBA-Projekts zu erlangen. „Dazu sind noch Hürden zu nehmen, denn die Messlatte dafür liegt hoch“, sagt Schneider. Weitere Innovationen seien notwendig. Geld fließt für einen solchen Status zwar nicht, die Stadt würde aber von fachlicher Unterstützung und vom Imagegewinn profitieren. 

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