Ergün Bal muss sich im Flex-Betriebsrat mit dem geplanten Aus für mehr als 100 Kollegen befassen. Foto: Archiv (Werner Kuhnle)
Flex will in Steinheim mehr als 100 Mitarbeiter entlassen – der Betriebsrat sieht sich vor vollendete Tatsachen gestellt und will für möglichst viele Arbeitsplätze kämpfen.
Ergün Bal hatte es kommen sehen, aber die Nachricht von der geplanten Schließung der Flex-Produktion überraschte am Freitag auch ihn. Der Betriebsratsvorsitzende sieht die Belegschaft vor vollendete Tatsachen gestellt. „Wir sind nicht gehört worden“, sagt er und bezeichnet das als Fehler der Geschäftsführung. Sie hätte vor der Gesellschafterentscheidung beim Mutterkonzern Chervon in China den Betriebsrat einbeziehen müssen.
Viele Arbeitsplätze in der Fertigung sind nicht mehr zu retten. Foto: Archiv /Werner Kuhnle
Realistisch gesehen, hätte das an der Schließung der Produktion und dem Aus für etwa 110 Beschäftigte in Steinheim nicht viel ändern können. Das sieht auch der 53-jährige Ergün Bal ein, der im Betriebsrat seit 26 Jahren die Interessen von etwa 320 Mitarbeitern vertritt und seit zwei Jahren als Vorsitzender fungiert. Zum Verhängnis wurden Flex Bals Angaben zu Folge zwei Jahre in Unterauslastung und rote Zahlen in Höhe von mindestens 15 Millionen Euro. „Wir hätten im Vorjahr über 90 000 Maschinen herstellen müssen, um rentabel zu produzieren, haben aber nur 69 000 geschafft.“ Der Markt für Profiwerkzeug sei durch die Baukrise eingebrochen. In diesem Jahr werde man auch nur etwa 75 000 Maschinen produzieren.
Die Geschäftsführung habe im Krisenjahr mit Kurzarbeit reagiert, berichtet Bal. Der Betriebsrat habe das Aus für die Produktion kommen sehen. Unrentabel arbeite etwa die Fertigung von Drehteilen – dort könne die Firma 50 Prozent durch Zukauf statt Produktion sparen. Mehr Zeit habe aber die Montageabteilung verdient. „Wir wollten im Wirtschaftsausschuss vorschlagen, die Montage noch zwei Jahre lang zu halten.“ Es sei sportlich, sie schon in 14 Monaten zurückzufahren, weil Flex-Kunden immer auch Ersatzteile bräuchten. Die Gespräche über die Abwicklung werde man mit der Geschäftsführung vom kommenden Montag an führen. „Bis dahin werden wir den Konflikt nicht hochfahren.“
Die Flex-Mitarbeiter in der Produktion sind im Schnitt 50 Jahre alt
Wichtig sei, den Mitarbeitern jetzt eine Perspektive zu bieten, sagt der Betriebsratsvorsitzende. Er gehe davon aus, dass der Übergang sozial verträglich gestaltet werde. Ein Rechtsanwalt und die IG Metall hole man sich für die Verhandlungen dazu. „Für unsere Arbeiter geht es um die Existenz, es hängen Familien dran“, sagt Ergün Bal, selbst Vater von zwei Kindern. Von den etwa 130 Menschen in der Fertigung seien rund 40 Prozent Facharbeiter. Der Altersdurchschnitt liege bei etwa 50 Jahren. Trotz des Fachkräftemangels sei es für die dann Gekündigten schwer, eine adäquate Arbeitsstelle zu finden, „dann nur befristet und tariflos – das bedeutet auf jeden Fall Geldeinbußen“.
Der Betriebsratsvorsitzende äußerte sich zuversichtlich, für etwa 25 der 136 Mitarbeiter im Zentrallager in Möckmühl eine Beschäftigung auszuverhandeln. „Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz, der erhalten werden kann.“ Das betreffe insbesondere das Lager, die Wareneingangsprüfung und den Motorenbau. Der Abbau sei umso bitterer, als dass vor dem Krisenjahr noch Personal eingestellt worden sei, allerdings in Bereichen, die dem Weiterbetrieb am Hauptstandort in einem Vertriebs- und Produktkompetenzzentrum dienen sollten.
Die IG-Metall gehe bei der Argumentation der Flex-Geschäftsführung „Massenentlassungen nur wegen Umsatzeinbrüchen“ nicht mit, erklärte Susanne Thomas, Geschäftsführerin der Kooperationsgeschäftsstellen Ludwigsburg und Waiblingen, am Montag in einer ersten Stellungnahme. Die Gewerkschaft werde sich den Sachverhalt genau anschauen.