Schließung MVZ Mind in Stuttgart Geschäftsführer starb - Praxis versank im Chaos
Im Februar stirbt der Geschäftsführer, im April stehen die Patienten vor verschlossener Tür. Mitarbeiter des MVZ Mind berichten vom Chaos der letzten Wochen.
Im Februar stirbt der Geschäftsführer, im April stehen die Patienten vor verschlossener Tür. Mitarbeiter des MVZ Mind berichten vom Chaos der letzten Wochen.
Die Krise hat sich über Monate zugespitzt: Bereits 2025 habe es Zahlungsprobleme gegeben, so heißt es aus Mitarbeiterkreisen, im Februar 2026 sei dann der Geschäftsführer Jochen Rau verstorben, im Februar und März blieben bereits die Gehälter aus. Am Ende seien täglich Mahnschreiben eingetrudelt. Und Anfang April standen die Patienten dann beim Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Mind an der Charlottenstraße 14 vor verschlossener Tür.
Auch telefonisch und per E-Mail war das Ärztezentrum für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie nicht mehr zu erreichen. Für das Praxiszentrum gab es nach Informationen unserer Redaktion zunächst keine Nachfolgeregelung. Als einziger Geschäftsführer hatte Jochen Rau wohl alle Vollmachten – nach seinem Tod sei kein Zugang zu den Konten mehr möglich gewesen, so sagen es Mitarbeiter. Dass das Praxiszentrum bereits monatelang in erheblichen finanziellen Schwierigkeiten steckte, sei ihnen als Mitarbeiter nicht verborgen geblieben.
Mit der Schließung der Praxis gab es auch keinen Zugriff mehr auf das EDV-System – also weder auf E-Mails, Ärztesoftware noch auf Patientenakten. Der Anbieter hatte den Service mutmaßlich aufgrund der ausbleibenden Zahlungen eingestellt.
Inzwischen ist der Stuttgarter Rechtsanwalt Thomas Leicht als Geschäftsführer eingesetzt. Der Geschäftsbetrieb des MVZ Mind sei zu seinem großen Bedauern dauerhaft eingestellt, teilt er auf Nachfrage mit. Der Vorgang sei insgesamt „komplex“, aber er werde für das Unternehmen Insolvenz anmelden müssen, kündigt er an.
Vielen Ärzten sei daran gelegen, die Versorgung ihrer bisherigen Patienten fortzuführen. Deshalb könnten sich viele direkt nach einem neuen Arbeitgeber umsehen, so Leicht. Ob das für alle funktioniere, sei zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht klar. „Da kann ich noch keine pauschalen Antworten geben“, sagt Leicht.
Mehrere Ärzte wechselten bereits ins Valeara Neurozentrum Stuttgart. Der Schwerpunkt der Praxis liegt ebenfalls auf den Fachbereichen Neurologie und Psychiatrie. Das Praxiszentrum ist auf der Website des MVZ Mind auch als Vertretung für „dringende Fälle“ angegeben. In der Praxis an der Sophienstraße 41 habe man eine offene Sprechstunde eingerichtet, um die Patienten zumindest weiterhin mit Rezepten zu versorgen oder in Notfällen zu helfen, heißt es auf der Website von Valeara.
Allerdings habe man derzeit ein sehr hohes Patientenaufkommen – und daher sehr lange Wartezeiten. Für Patienten, die bei Mind in Psychotherapie waren, gibt es bisher keine adäquate Lösung.
Im Mind MVZ wurden nach Informationen unserer Redaktion pro Quartal rund 6000 Patienten behandelt. Viele dieser ehemaligen Patienten stehen nun seit einigen Wochen bei Valeara an der Sophienstraße Schlange. „Unser gesamtes Praxisteam gibt sein Bestes, um das Unmögliche möglich zu machen“, heißt es von Valeara. Dennoch könne man nicht alles in der kurzen Zeit stemmen.
Viele Patienten sorgen sich auch, dass sie derzeit keinen Zugriff auf ihre Patientenakte haben. Fraglich bleibt, was mit den Krankenakten nach der Schließung geschieht. Die Akten seien natürlich nach wie vor digital sicher verwahrt, allerdings habe man im Moment keinen Zugriff darauf. „Das wird dann die Aufgabe des Insolvenzverwalters sein, sich dieser Fragen anzunehmen“, sagt Leicht.
Aus Mitarbeiterkreisen heißt es weiter, man habe „dafür gekämpft“, das MVZ Mind zu erhalten, aber spätestens Anfang März sei den meisten Mitarbeitern klar gewesen, dass sie es „aus eigener Kraft“ nicht schaffen würden. „Wir hätten jemanden gebraucht, der die Konten öffnet“, sagt ein Mitarbeiter.
Besonders brisant: Sie hätten irgendwann erfahren, dass auch die Haftpflichtversicherung für die Ärzte und Psychotherapeuten wohl nicht mehr gezahlt worden sei. „Da hätten wir dann quasi ohne Versicherung gearbeitet“, sagt der Mitarbeiter.
Die Ärzte sowie die Psychotherapeuten waren beim MVZ Mind angestellt. Daher haben sie auch nicht das Recht, die Patientenakten mitzunehmen. Auch die Kassensitze laufen auf das MVZ.
Simone Hoffmann, Chief People Officer (CPO) bei Valeara, sagt, sie sei froh, dass man sich mit einigen Ärzten schnell einig geworden sei. „So können wir zumindest die Spitzen abfangen.“ Auf Dauer bräuchten sie aber von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) mehr Kassensitze, um den Bedarf decken zu können. Dazu sei man in Gesprächen.