Ruth Sellack ist bereits seit mehr als 35 Jahren als Goldschmiedemeisterin in Stuttgart selbstständig. Jüngst wurden sie und ihr Team sogar mit dem Preis „Goldschmiede des Jahres“ ausgezeichnet. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Mit 19 Jahren begann Ruth Sellack ihre Ausbildung als Goldschmiedin. Heute ist die Stuttgarterin 63 Jahre alt – und brennt noch immer für ihren Beruf.
Ruth Sellack liebt Details. Versteckte Gravuren, kleine Symbole auf der Rückseite eines Rings oder Steine mit persönlicher Bedeutung. „Manchmal müssen die Dinge ja nicht so offensichtlich sein“, sagt sie. Seit mehr als drei Jahrzehnten fertigt die 63-Jährige Schmuck in Handarbeit – in ihrem eigenen Laden mitten in Stuttgart. Vor Kurzem wurden sie und ihr Team dafür sogar mit einer besonderen Auszeichnung geehrt: Bei den Inhorgenta Awards erhielten sie den Titel „Goldschmiede des Jahres“.
Wenn man den Verkaufsraum von „Ruth Sellack Schmuckobjekte“ betritt, dann empfängt einen Stille. Vereinzelt ist ein Murmeln der anwesenden Kunden und Mitarbeiter zu hören, aber die Geräuschkulisse der Stuttgarter Innenstadt verschwindet, sobald die Tür ins Schloss gefallen ist. Fast wie eine eigene kleine Welt fühlt sich der Laden in der Eberhardstraße an. Überall sind Schmuckstücke ausgestellt, sie liegen auf Ringkissen, kleinen Podesten und schmücken glitzernd die Ladenfenster. Und nur ein paar Schritte weiter, geschickt durch einen Vorhang vor den Kunden verborgen, werden sie gefeilt, geschliffen und poliert.
Sellack: „Nicht alles hüpft aus irgendeinem CAD-Programm“
Wer Ruth Sellacks Werkstatt besucht, versteht schnell, warum die Goldschmiedin ihren Beruf so liebt. Hinter dem Verkaufsraum stehen dort schwere Feilen neben filigranen Schleifwerkzeugen, auf den Tischen liegen kleine Metallstücke, Skizzen und halbfertige Schmuckelemente. Es riecht nach Metall, Politur und konzentrierter Arbeit. „Manche Stücke brauchen viele einzelne Arbeitsschritte, bis sie fertig sind“, sagt Sellack. „Die Dinge gehen hier nicht hopplahopp.“
Besonders aufwendige Schmuckstücke entstehen über Wochen hinweg. Eine handgeschmiedete Goldkette, die sie gemeinsam mit ihrer Kollegin fertigte, beschäftigte das Team fast zwei Wochen lang. Trotz modernster Technik bleibt für Sellack die klassische handwerkliche Ausbildung unverzichtbar. Zwar arbeitet die Werkstatt inzwischen auch mit Lasertechnik und modernen Maschinen, doch die Grundlage sei nach wie vor das traditionelle Handwerk.
„Nicht alles hüpft aus irgendeinem CAD-Programm“, sagt Sellack. „Man braucht das Verständnis dafür, wie Material funktioniert.“ Gerade diese Verbindung aus alten Techniken und neuen Möglichkeiten begeistert sie bis heute: „Wenn man das vermischt, entstehen unglaubliche Dinge.“
Unterstützt wird die 63-Jährige bei ihrer Arbeit von einem dreiköpfigen Team aus lauter Frauen. Und nicht zu vergessen: Sellacks Hündin Tara, deren Körbchen direkt am Eingang zur Werkstatt steht. „Die schaut immer darauf, dass sich hier hinten niemand hinein verirrt“, schmunzelt Sellack. Der Laden ist eine Art kreativer Lebensraum. Gemeinsam wird dort gearbeitet, gestaltet, gekocht und diskutiert. Mittags sitzt man zusammen am großen Tisch in der Küche, trinkt Grapefruitsaft oder Ingwer-Zitronenwasser und bespricht neue Ideen.
Ruth Sellacks Weg: Von der Waldorfschule zur Goldschmiedin
Geboren und aufgewachsen ist Sellack in Nürnberg, ging dort auch zur Waldorfschule. „Dort arbeitet man ja auch viel handwerklich und experimentell. Da haben wir alle möglichen Sachen ausprobieren können und ich habe schnell gemerkt, dass mir das liegt“, blickt die 63-Jährige auf ihre Schulzeit zurück. Zwar gehörten ihrem Großvater und ihrem Vater eine Buchhandlung, aber dort anzufangen, das kam für Ruth Sellack nicht infrage. Sie wollte ihren eigenen Weg gehen.
Unterstützt wird die 63-Jährige bei ihrer Arbeit von einem dreiköpfigen Team aus lauter Frauen. Foto: Max Kovalenko
1981 begann sie mit 19 Jahren ihre Ausbildung zur Goldschmiedin in München. Ihre erste Meisterin war bereits über 70 Jahre alt, die Werkstatt „eher wie 1881 als wie 1981“, erinnert sich Sellack und lacht. „Das war alles schon sehr, sehr oldschool.“ Später wechselte sie die Lehrstelle und fand dort einen Chef, der ihr völlig neue Perspektiven eröffnete: „Da habe ich erstmal gemerkt, welche Möglichkeiten dieses Handwerk wirklich bietet.“
Nach ihrer Gesellenzeit absolvierte sie in Hanau die Meisterschule und studierte Schmuckdesign, damals eine der angesehensten Ausbildungsstätten der Branche. Dort lernte sie einen Professor kennen, der sie stark prägte. „Er hat uns gefordert, manchmal auch richtig zusammengefaltet“, erzählt sie. „Aber er wollte, dass wir uns aus alten Konventionen freischwimmen.“ Kurz nach dem Abschluss von Meisterprüfung und Studium wagte die heute 63-Jährige dann schließlich den Schritt in die Selbstständigkeit. 1991 präsentierte sie erstmals ihre eigene Kollektion auf der Inhorgenta-Messe – jener Messe, bei der sie Jahrzehnte später als „Goldschmiede des Jahres“ ausgezeichnet werden sollte.
Sogar ein Stuttgart-Ring hat die 63-Jährige designt
Die jüngst erhaltene Auszeichnung ist ein großer Erfolg für Ruth Sellack und ihr Team. „Auch wenn man davon träumt oder es sich erhofft – wenn dann tatsächlich der eigene Name ausgesprochen wird, dann ist das etwas ganz Besonderes.“ Obendrein fand die Preisverleihung in den Bavaria Filmstudios in München statt – und damit ausgerechnet in der Stadt, in der Sellack einst ihre Ausbildung begann und ihre ersten Jahre als Goldschmiedin verbrachte. „Dorthin zurückzukommen und dann diese Ehrung zu bekommen, das hat mich sehr berührt.“
Mit vielen ihrer Schmuckstücke verbindet Ruth Sellack persönliche Erinnerungen. Foto: Max Kovalenko
Hinter vielen von Ruth Sellacks Kollektionen stecken persönliche Erinnerungen. Eine Kollektion trägt etwa den Namen „Palazzo“ und ist eine Hommage an Venedig: „Ich war in meinem Leben schon ganz, ganz oft in Venedig, weil meine Eltern dort Freunde hatten.“ Besonders stolz ist Sellack auch auf ihre „Voyage“-Ringe: Schmuckstücke, die Stadtpläne in abstrahierter Form zeigen. Sogar einen Stuttgart-Ring hat die 63-Jährige designt. Mit Markthalle, Schlossplatz und Staatstheater. An der Konzeption habe sie lange gefeilt. „Manchmal dauert es, bis eine Idee konkret wird“, sagt Sellack. „Die Vorstellung ist oft zuerst da, aber wie bringt man das dann in ein Schmuckstück?“
Rückblickend würde sich die 63-Jährige immer wieder für diesen Beruf entscheiden. Selbst nach all den Jahren als Goldschmiedin verspüre sie immer wieder aufs Neue diesen Zauber, wenn die Stein- und der Perlhändler neue Ware bringen. „Da ist immer wieder etwas dabei, das man noch nicht gesehen hat.“ Schmuck, so Ruth Sellack, wisse jeden ein wenig zu berühren. „Und genau darum geht es – das Feuer, die Begeisterung bei den Menschen zu entfachen.“