Die Arbeit mit dem Atem hat Dieter Schmolke, Fitnessstudio-Leiter in Ludwigsburg, ins Berufsleben zurückgebracht. In einer neuen Kurs-Reihe erläutert er, wie das geht.
Tief ergriffen, etwas verwuschelt und ganz still kommen die zwölf Teilnehmer im Workshop „hiryze and Flow Session“ zu sich. Sie nehmen die Schlafmasken ab, die ihnen geholfen haben, eine halbe Stunde völlig bei sich zu sein – ohne Vergleichen, ohne Blick auf die Außenwelt. Einige Frauen wischen sich die verschmierte Wimperntusche ab. Denn unerwartet sind bei manchen hinter der Maske leise Tränen geflossen. Wenn das passiert, so lernt man hier, ist es ein Zeichen dafür, dass sich im Inneren eine Tür zum emotional unbewussten Prozessen – die oft unter Hemmungen und Konditionierungen begraben liegen – geöffnet hat. Das Anklopfen bei sich selbst ist gelungen. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt eine Kursteilnehmerin zu ihrer Nebensitzerin. Für die meisten im Raum ist dies die erste Erfahrung mit Atemarbeit.
Fühle es, um es heilen zu können
Im Takt des intensiven Ein-und Ausatmens hat eine Traumreise ins Innere Dinge an die Oberfläche gespült, die auf der Gefühlsebene untergegangen waren. Zum Beispiel Ablehnungserfahrungen aus der Kindheit, die Schwierigkeit sich selbst zu fühlen oder die Kontrolle abgeben zu können. „Feel it to heal it“, ist dabei das Mantra des Workshops: Fühle es, um es heilen zu können.
Die Konfrontation mit den eigenen Emotionen hat sich auch physisch ausgewirkt: Bei einigen wurden die Glieder schwer, bei anderen durchströmte den Körper eine ungewohnte Hitze, manche haben leicht gezittert. „Es hat sich angefühlt, als würde alles kribbeln, was den Boden berührt“, sagt etwa Sybille Kocher. „Mir sind auch die Tränen heruntergelaufen, so kenne ich mich gar nicht.“
Bei der Reise ins Innere, die Kursleiterin Lena Soukup mit ihren sanften Worten in jedem ausgelöst hat, ließ sie niemanden mit seinen Emotionen alleine. Die im Kopf erzeugten Bilder erinnerten auch an die eigene Stärke, an innere Freiheit und die Liebe zu sich selbst, sagt sie. Immer begleitet vom aktiven Ein- und Ausatmen, das ganz schön anstrengend werden kann. Mit zarten Berührungen half sie loszulassen. „Das fühlt sich jetzt ganz befreit an, als ob ich Ballast abgeworfen hätte“, sagt Sybille Kocher.
Aus dem Burn-out durch Breathwork
„Wir sind es gewohnt, unsere Probleme auf mentaler Ebene zu lösen“, erklärt Lena Soukup. Im Workshop gilt es zu trainieren, das Herz wieder mit dem Hirn zu verbinden. „Auch wenn wir in die Persönlichkeitsentwicklung gehen, Achtsamkeitsübungen lernen, bleiben wir oft im Kopf.“ Sie hat das nach einem Burn-out selbst erlebt. „Ich konnte mir logisch alles erklären, was bei mir los war. Aber ich fühlte mich trotzdem schlecht.“ Dann stieß die 34-Jährige auf Breathwork – wie die Arbeit mit dem Atem hierzulande auch genannt wird. Erst dadurch sei es ihr gelungen, sich in Einklang mit sich selbst zu bringen. „Ziel ist es, den mentalen, emotionalen und physischen Körper zu verbinden, damit die Resilienz zu stärken und in stressigen Momenten gelassener zu bleiben“, sagt Lena Soukup. 2019 gründete die Steinheimerin ihr Unternehmen und bietet nun ganzheitliche Coachings an, die Achtsamkeit fördern, Stress reduzieren und persönliches Wachstum unterstützen sollen.
Er atmet sich zurück ins Arbeitsleben
Eine ähnliche Erfahrung hat auch der Fitnessstudioleiter Dieter Schmolke gemacht. Als die Corona-Krise kam, wurde die Belastung für ihn zu hoch. „Wir verloren – wie die gesamte Branche im Schnitt – 30 Prozent der Mitglieder“, sagt der 56-Jährige. Währenddessen hatte er ein Kleinkind daheim. Und seine Mutter kam ins Krankenhaus, wo er sie nur eingeschränkt besuchen durfte. Als sie starb, machte sein Herz nicht mehr mit. Aus gelegentlichen Herzrhythmusstörungen wurde Vorhofflimmern, das sich schließlich auf seine Lunge auswirkte. Nach einer Operation erwischte ihn zu allem Übel ein Keim.
Ein Jahr kämpfte er mit seinen Bronchien, Antibiotika-Kuren und ratlosen Ärzten. Seine Atmung wurde zum Feind. „Ich dachte immer, mich haut nichts um. Das war auch psychisch für mich ein harter Schlag“, sagt er. Als er nach einem Jahr wieder begann zu arbeiten, kamen Angststörungen dazu. „Ich hatte Angst vor der Angst.“
Für die Entspannung fehlte ihm das passende Mittel. „Früher habe ich das über Sport gemacht, das ging nicht mehr.“ Erst bei einer Kur traf er auf die Atem-Arbeit, die ihm seine Kraft zurückgab. Wenn er sich heute gestresst fühlt, verschwindet er auf eine Liege im Saunabereich, überkreuzt die Beine, legt die Hände auf den Bauch, schließt die Augen und fühlt seinen tiefen Atem. „Manchmal setze ich mich auch einfach für 20 Sekunden irgendwo in die Hocke, atme tief und bewusst durch – und weiter geht‘s“ sagt er. Für ihn war die Atemarbeit eine Entdeckung. Das will er nun auch in seinem Studio ermöglichen. „Ich glaube, ganz viele sind nach der Corona-Krise nicht mehr so belastbar und brauchen Hilfe.“ Er scheint einen Nerv getroffen zu haben. Der erste Breathwork-Kurs war rasch ausgebucht, nun startet eine Serie.
Weitere Informationen unter www.hiryze.de und www.pure-fitnessclub.de
So funktioniert die Arbeit mit dem Atem bei Stress
Termin
Der nächste „hyrize breath and flow Session“ bei Pure Fitness in Ludwigsburg findet am 28. Juni statt. Auch wer kein Mitglied ist, ist eingeladen reinzuschnuppern.
Atmung
Die Atmung ist eng mit dem autonomen Nervensystem verbunden, das die Reaktion des Körpers auf Stress oder Entspannung reguliert. In Stresssituationen aktiviert das sympathische Nervensystem die Kampf-oder-Flucht-Reaktion über das sympathische Nervensystem was zu einem schnelleren Herzschlag, angespannten Muskeln und flacher, schneller Atmung führt. Breathwork-Techniken zielen darauf ab den Gegenspieler des sympathischen Nervensystems zu aktivieren: den Parasympathikus. So lassen sich Stresssymptome effektiv bekämpfen. Um deren Ursache in der Tiefe anzugehen empfiehlt sich die Arbeit mit dem bewusst verbundenen Atmen wie sie im Kurs „Hiryze and flow Session“ angewendet wird.